Portrait. Mehr Tierwohl im Altstall

Not macht erfinderisch: Viele Betriebe suchen nach neuen Standbeinen. Tierwohl und Direktvermarktung, Bio-Umstellung, Gesundheitssport – die Vielfalt der neuen Lösungen für Schweineställe zeigen unsere Beispiele.

Gesa Langenberg hat den fast 500 Jahre alten Familienbetrieb im niedersächsischen Bockstedt von ihren Eltern ­übernommen – sie ist jetzt die 14. Landwirtegeneration. Der Ackerbau- und Schweinemastbetrieb ist sukzessive gewachsen und verfügt über einen Mix aus Altställen und etwas »jüngeren« Gebäuden.

Einen Altstall mit 440 Plätzen baut sie jetzt für mehr Tierwohl um. »Für mich ist es eine Art Pilotstall mit Außenklima und Auslauf, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie wir arbeitswirtschaftlich und ökonomisch mit so einer Tierhaltung in der Haltungsform 4 klarkommen«, sagt Langenberg. Und ergänzt: »Wenn sich das Konzept bewährt, bin ich auch bereit, die anderen Tierplätze so umzurüsten.«
Während der Entscheidungsphase wurden verschiedenste Stallsysteme angeschaut und Spezialberater kontaktiert. »Letztlich haben wir uns für ein System aus Österreich entschieden. Dort hat uns die Kombination aus Tier- und Klimaschutz besonders gut gefallen«, schildert Langenberg. Der Innenbereich wird eingestreut und im Auslauf eine Kot-Harn-Trennung eingebaut, die die Emissionen reduziert. Das hat auch den Landkreis im Genehmigungsverfahren überzeugt.

Nach einem halben Jahr lag die Baugenehmigung auf dem Tisch. Das ist natürlich von Verfahren zu Verfahren und von Landkreis zu Landkreis unterschiedlich. »Ich bin mehrmals bei der Behörde gewesen, habe Bilder gezeigt und das neue Stallkonzept erklärt. Dass die Entscheidungsträger in den Behörden ein gutes Gefühl haben, darauf kommt es auch an«, berichtet Gesa Langenberg von ihren Erfahrungen im Genehmigungsprozess.

Alte Bausubstanz als Wundertüte. »Am Anfang denkt man noch, man kommt vielleicht mit kleineren Anpassungen aus«, sagt Langenberg. Dass dies ein Trugschluss ist, hat sich dann während der Maßnahme herausgestellt. Neues Dach, komplett neue Stalleinrichtung – am Ende ist dies nicht nur einfacher, sondern auch nachhaltiger als Kompromisslösungen.
Die Baukosten werden sich unterm Strich auf über 1 000 € pro Mastplatz belaufen. »Das kann ich abschließend aber noch nicht genau beziffern, da wir zwar auf der Zielgeraden aber noch im Bauprozess sind.« Inbegriffen in den Kosten ist auch eine getrennte Lagerung für Festmist und Harn. Außerdem gibt es einen Investitionskostenzuschuss über das AFP.

 

Standortvorteil. Die Vermarktungsalternativen in der Veredelungsregion Weser-Ems sind durch die Schlachthofdichte vergleichsweise gut. Im Zweifel hat man die Wahl und kann für sein Premiumfleisch der Haltungsstufe 4 mehrere Angebote einholen.»Ich will aber eigentlich auf Dauer davon weg, dass ich nur der Ablieferer bin, der sich nicht selbst um seine Vermarktung kümmert«, sagt Langenberg. Und ergänzt selbstkritisch: »So, wie ich das in der Vergangenheit gehandhabt habe und es 95 % der Betriebe ja auch immer noch machen, ist das System aus meiner Sicht nicht mehr zukunftsträchtig.« Damit haben die Betriebe jahrelang gutes Geld verdient. Aber jetzt ändern sich die Rahmenbedingungen und als Reaktion darauf soll die eigene Vermarktung verstärkt in den Fokus rücken. »Interessanterweise sorgt der Stallumbau auch für Interesse bei vielen Anwohnern hier im Dorf, die fragen: Mensch, was macht ihr denn da? Kann man das Fleisch auch direkt irgendwo kaufen?«, erzählt Langenberg. Ein eigenes regionales Vermarktungskonzept könnte ein weiteres Zukunftsprojekt sein.   

Thomas Künzel

Aus DLG-Mitteilungen 3/22. Den vollständigen Beitrag als pdf finden Sie hier.