Standpunkt. Ein Tanz um das Goldene Kalb

Möglichst viel Ökolandbau – in welches Wahl- oder Strategieprogramm man auch schaut! Unterstellt wird dabei, dieser erreiche die Ziele von der Ernährungssicherung bis zu Umwelt und Klima quasi »systembedingt«. Doch das stimmt einfach nicht. Eine konventionelle und gleichzeitig ökologischere Landwirtschaft könnte es noch besser.
 

Ökolandbau kann einfach alles – das meinen jedenfalls seine überzeugten Vertreter: Er garantiere nicht nur eine gesunde Ernährung, sondern sei auch die Antwort auf Umweltprobleme und auf den Klimawandel. Selbst 100 % Öko sei keine Utopie, sondern im Weltmaßstab umzusetzen. Das ist eine schöne Geschichte, die viele glauben. Aber sie ist zu schön, um wahr zu sein. 

Die Öko-Erträge sind zu gering. Die Achillesferse des Ökolandbaues ist sein niedrigeres Ertragsniveau. Auch wenn man den Abstand wohlwollend mit nur 25 % annimmt (in den Hochertragsregionen dürften es eher 50 % sein), dann erlauben es die heutigen Ernährungsgewohnheiten nicht, eine wachsende Weltbevölkerung flächendeckend mit Öko-Produkten zu versorgen. Dieses Manko wird gern mit dem Hinweis abgeräumt, die heutige – ungesunde, fleischlastige – Ernährung könne kein Maßstab sein. Das stimmt, aber lässt sich nicht so schnipp, schnapp lösen. 
Ein weiteres Manko: Krankheiten und Schädlinge sehen keine Systemunterschiede. Es sind gerade die besonders lukrativen Intensivkulturen, die besonders geschützt werden müssen: Kartoffeln, Obst, Gemüse, Reben. Öko-Insektizide sind nicht deshalb weniger giftig, weil sie aus Naturstoffen gewonnen werden. Kupfer wird von der EU-Agentur für Lebensmittelsicherheit als für Mensch und Umwelt gefährlich eingestuft. Zugelassen ist es nur, weil es keine Alternativen gibt. 

Hoffnungsträger Züchtung ... Eine verbindende Klammer gibt es: die Pflanzenzüchtung. Vor ein paar Jahren hatte eine Idee dazu die Öko-Branche geradezu erschüttert: Gerade sie müsse sich neuen Züchtungsmethoden wie CRISPR/Cas öffnen, um ihren notorischen Ertragsrückstand aufzuholen, meinte Urs Niggli, bis 2020 Direktor des Forschungsinstitutes für biologische Landwirtschaft (FiBL). Viele namhafte Wissenschaftler(innen) teilen diese Meinung. Ökolandbau plus Gentechnik gleich konkurrenzfähige Erträge bei geringerer Umweltbelastung, das käme einem idealen System ziemlich nahe.

... aber offenbar nicht umsetzbar. Was der Wissenschaftler dabei unterschätzte, ist die eher kulturell als naturwissenschaftlich geprägte Grundhaltung weiter Teile der Öko-Branche und deren Sorge, dies den Konsumenten nicht vermitteln zu können. Für Nigglis Vorschlag gab es viel Beifall von der »falschen« Seite (also den Konventionellen), aber überwiegend starke Ablehnung im eigenen Lager. Mittlerweile sieht er selbst die »Ernährungsrevolution« im konventionellen Bereich. Der biologische Landbau habe eher weniger Entwicklungspotential, sagte Niggli im März 2021 einer Schweizer Zeitung. Zu festgefahren seien die Vorschriften der Bio-Labels, zu komplex die Verträge, als dass eine Revolution wie die Zulassung gentechnisch veränderter resistenter Sorten möglich wäre. 

Die Legende vom Systemvorteil. Der Ökolandbau begründet seine Aussagen gern mit einer systembedingten Überlegenheit bei Klima und Umwelt. Doch die ist nicht so selbstverständlich, wie immer getan wird. Die Umweltleistung (bzw. der Grad der geringeren Umweltbelastung) ist im Ökolandbau oft gut, wenn sie auf die Fläche bezogen wird. Kritischer wird es, wenn das erzeugte Produkt der Maßstab ist. Die Fläche taugt bei lokalen Umweltgütern wie Grundwasser und »Beikräutern«, nicht aber bei globalen wie dem Klima. Viele Arbeiten gingen zudem vom »idealen« Ökobetrieb aus, den es in der Realität immer weniger gibt, und vergleichen ihn mit dem konventionellen Betrieb »alter« Prägung, den es in ein paar Jahren vielleicht auch nicht mehr gibt. 
Bei der Biodiversität kommt es darauf an, ob wir von Insekten, Vögeln oder Ackerwildkräutern sprechen. Da ist »Öko« nicht automatisch der entscheidende Unterschied. Bei der N-Auswaschung sind hohe Viehdichten ein Argument. Sie sind mit allen negativen Folgen zwar regional Realität, aber  (siehe Ostdeutschland) nicht »konventionell systembedingt«.

Vielleicht liegt es am Einzelbetrieb? Könnte es sein, dass es eher als vom System vom einzelnen Betriebsleiter abhängt, wie viel Tierwohl, Biodiversität oder N-Auswaschung realisiert wird? Dass nicht grundsätzlich das »System Bio« Umweltvorteile begründet, sondern einzelbetrieblich die »Realität Bio«? Ein konventioneller Betrieb in einer abwechslungsreichen Landschaft mit einem der Fläche angepassten Viehbesatz müsste ähnliche Umweltleistungen erzielen können wie ein gleichgelagerter Bio-Betrieb. Und das bei höheren Erträgen, was eine bessere Ökoeffizienz bedeutet. Umgekehrt dürften in einer Bio-Großgeflügelhaltung das Tierwohl oder in einem Bio-Ackerbaubetrieb in ausgeräumter Landschaft das Insektenleben nicht automatisch besser sein. 

Der Systemunterschied: Zertifizierung. Dass die Öko-Geschichte weithin geglaubt wird, liegt am Vertrauensvorsprung, den sie sich erarbeitet hat und der sie über alle aktuellen Entwicklungen (»Konventionalisierung«, »Supermarktisierung«) trägt. Einen großen Anteil daran hat die (Prozess-)Zertifizierung mit der Folge des Biosiegels.  Dabei gibt es andere Nachhaltigkeits-Zertifikate (unter anderem von der DLG) schon lange. Aber sie werden – vorsichtig ausgedrückt – nicht übermäßig  oft nachgefragt: Höhere Preise sind damit kaum drin, erst recht keine Ökoprämie.

Ein paar Fakten

  • Die »Zukunftsstrategie Öko-Landbau« der Noch-Bundesregierung strebt 20 % Öko-Fläche im Jahr 2030 an. Das wären dann 30 Jahre, nachdem Renate Künast dieses Ziel erstmals verkündet hat.
  • 2020 wirtschafteten rund 34 000 Ökobetriebe auf 1,6 Mio. ha, also 12,9 % aller Betriebe auf 9,7 % der LN.
  • Die Ökoprämien der Bundesländer für den Ackerbau schwankten 2020 zwischen 189 und 273 €/ha. 20 % Öko mit dann 3,29 Mio. ha würden bei einem durchschnittlichen Fördersatz von 243 €/ha 800 Mio. €/Jahr über die deutsche »zweite Säule« beanspruchen. 
  • Ökoware ist auf Preiszuschläge angewiesen. Wächst die Nachfrage geringer als die Flächenausdehnung, so müsste, um die 20 % zu erreichen, das »Ökologisierungsentgelt« über die Fläche noch deutlich steigen. 
  • Auch auf EU-Ebene wird dem Öko-Landbau eine wichtige Rolle bei den Umweltzielen zugemessen. Ziel ist 25 % bis 2030, aktueller Stand 8,5 %.    

Reden wir also über Geld. Künftig werden mehr Betriebe öffentliche Leistungen anbieten, und sie beanspruchen dafür zu Recht öffentliches Geld. Verstärkt, wenn ab 2027 möglicherweise die Flächenprämien sinken. Schon heute und dann erst recht ist es zwar einfach, aber nicht fair, flächenbezogene Ökoprämien voraussetzungslos zu zahlen und alle anderen Landwirte um die begrenzten Mittel kämpfen zu lassen. Gerechter wäre ein Punktesystem, wo ökologische und konventionelle Betriebe mit gleichen Chancen an ihren Leistungen gemessen werden. Auch dazu gibt es längst Vorschläge. 

Fazit. Hier läuft etwas falsch. Öko wird in den Strukturen konventioneller, konventionell in der Bewirtschaftung ökologischer. Es ist absehbar, dass sich die Leistungen für die Gesellschaft (also vor allem Klima und Umwelt) annähern, sich der Ertragsabstand aber nicht fundamental verringern wird. Infrage stehen damit nicht die höheren Öko-Preise, sondern der Sonderstatus der  Öko-Förderung – wenn hier tatsächlich Leistungen entlohnt und nicht Heiligenscheine gepäppelt werden sollen.  Die Öko-Verbände jedenfalls haben die Gefahr erkannt. Sie stellen eigene Anforderungen an Tierwohl und Biodiversität und kämpfen verbissen um ihre Subventionen. Möglicherweise wird der LEH (etwa in Form von regionalen Bio-Eigenmarken) noch einen draufsetzen. Und im Konventionellen? Dort werden die ökologischen Anforderungen ebenfalls steigen. Regional-integriert-zertifiziert statt anonymes EU-Bio – das wär’ doch was!  

Thomas Preuße

Aus DLG-Mitteilungen 10/21. Den vollständigen Beitrag als pdf-Datei finden Sie hier.

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