Interview. Agrarpolitik: Angriff oder Ansporn?

Viele Landwirte empfinden die Politik als Gegner. Das liegt auch an der Art und Weise, wie mit Verordnungen regiert wird. DLG-Präsident Hubertus Paetow plädiert dafür, die Branche nicht nur zu fordern, sondern über marktwirtschaftliche Anreize direkt einzubeziehen.

Wenn ich sehe, wie mühsam und bürokratisch selbst ganz existentielle Corona-Fragen in Deutschland entschieden werden, dann denke ich mir: Das kennst du doch aus der Agrarpolitik. Und frage mich und Sie: Können wir uns das in Zukunft überhaupt noch leisten?
Nein. Weder in einer Pandemie noch in der Agrarpolitik. Die Pandemie hat ja gezeigt, dass wir in unserer Gesellschaft bei der Fähigkeit, im Zusammenspiel von Politik und Administration Herausforderungen zu meistern, im besten Fall mittelmäßig sind. Viel zu oft verheddern wir uns im Klein-Klein einer endlosen Diskussion über formale Prozesse. Diese Erfahrung sollten wir berücksichtigen, wenn wir über die Weiterentwicklung unserer Land- und Lebensmittelwirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit diskutieren. Wir hoffen ja alle, dass wir die Pandemie demnächst einigermaßen überstanden haben. Der Schutz von Klima, Umwelt und Artenvielfalt dagegen bleibt uns als gesellschaftliches Ziel erhalten, dem sich die Landwirtschaft stellen muss.

Und was bedeutet das für die politischen Abläufe?
Bei der Diskussion über das Insektenschutzgesetz fühlte man sich schon an die Impfstoffbeschaffung erinnert. Ob man tatsächlich die Bienen auf dem Verordnungswege retten kann, oder ob die Tiere es doch lieber sehen würden, wenn sich „ihr“ Landwirt vor Ort ganz konkrete Gedanken um passgenaue Maßnahmen zur Steigerung ihres Wohlbefindens macht? Ich halte es jedenfalls für eine viel bessere Idee, wenn wir uns als Agrar­sektor zusammen aufmachen, allen zu zeigen, dass man im 21. Jahrhundert gesellschaft­liche Herausforderungen auch anders angehen kann als durch Gesetze und Verordnungen. 
Als Antwort auf die Forderungen der Gesellschaft sollten wir demonstrieren, was wir schon heute und erst recht in Zukunft als fortschrittliche Betriebe für Klima- und Artenschutz tun können. Mit ganz konkreten, wirksamen Maßnahmen, wie sie nur wir als Akteure vor Ort planen und durchführen können. Und am liebsten natürlich mit angemessener, zielorientierter und unbürokratischer Unterstützung der Gesellschaft.

Das funktioniert in einer von Ver­ordnungen und Misstrauen geprägten politischen Kultur nicht gut.
Richtig, man muss uns den notwendigen Rahmen dafür geben. Aber auch wir Landwirte können nicht immer nur auf andere zeigen. Wir müssen zeigen, dass dieses Misstrauen unberechtigt ist. Das erfordert einzelbetrieblich sicherlich Mut zum Risiko, auch und vor allem wirtschaftlich. Auch wenn auf vielen Betrieben die Lage nach den letzten mageren Jahren angespannt ist, müssen wir in deren Zukunftsfähigkeit investieren. Und das heißt für mich heute ganz konkret: die Modernisierung des Maschinenparks für eine nachhaltigere Betriebsmittelnutzung. Die Umstellung der Fruchtfolge mit neuen Produkten, die natürlich schwieriger zu vermarkten sind als Raps und Weizen, aber auch der Artenvielfalt helfen. Oder die fachliche Beschäftigung mit Biodiversität, die ja kaum einer von uns jemals „gelernt“ hat. 

Immer wieder wird gefordert, die heutigen Flächenprämien durch Entgelte für gesellschaftliche Leistungen zu ersetzen. Wie finden sich Landwirte in einem solchen Rahmen zurecht? Bei der Beantwortung der Zukunftsfragen genügt nicht mehr nur der Blick auf die Finanzierung, auf die Rentabilität und die vorhandenen Kapazitäten. Künftig gehört die Einordnung der Aktivität in die langfristigen Trends immer dazu, nicht nur bei der Konsumentennachfrage, sondern auch auf den politisch gesteuerten Märkten zum Beispiel für Klimaschutzgüter oder ökologische Leistungen. Dabei werden wir auch über unsere Rolle als Landwirte in der Kette nachdenken müssen. Denn auch die Integration des eigenen Betriebes in ein übergeordnetes System kann eine Antwort auf die zukünftigen marktwirtschaftlichen Perspektiven sein. Eine gut funktionierende feste Lieferbeziehung, die vielleicht nicht immer den höchsten Preis und die maximale Freiheit in der Produktion bietet, in der aber dafür in Krisensituationen nicht jeder nur die eigene Position im Blick hat, kann für viele Bereiche eine Alternative sein. 
 

Das erzählt sich erst mal leicht ...
Wir sehen eine Integration heute schon an Beispielen von der Hähnchenmast bis zur Gemüseproduktion. Vor allem gilt dies, wenn es gelingt, aus der engeren Zusammenarbeit auch noch einen Mehrwert für den Kunden zu erzeugen, zum Beispiel eine garantierte, transparente Prozessqualität wie im ökologischen Landbau oder bei regionalen Produkten, d. h. die Aufladung eigentlich austauschbarer Produkte mit den authentischen Eigenschaften einer Kulturlandschaft, mit der die Verbraucher etwas Positives verbindet.
 

Da kommt einem gleich die Frage: Wo bleibt der Unternehmer? 
Diese Frage ist falsch gestellt. Das alles heißt doch nicht, dass der Landwirt der Zukunft kein Unternehmer mehr ist. Es heißt auch nicht, dass der Agrarsektor in Deutschland zu einer Subventionsbranche verkümmert, die gnädig vom Staat ausgehalten oder von Großkonzernen dominiert wird. Sondern es bedeutet, dass Landwirtschaft in Deutschland auch in Zukunft selbstbewusst durch große Leistung überzeugt. Die Märkte haben wie bisher ihre besonderen Regeln, und wir Unternehmer kennen sie und gestalten mit ihnen unsere Märkte, unsere Produktion und die Wahrnehmung unserer Branche.

Apropos Wahrnehmung: Wird es leichter, Brücken zu anderen gesellschaftlichen Gruppen zu bauen? Oder trügt der Eindruck?
Leicht ist es immer noch nicht. Aber der gesellschaftliche Diskussionsprozess über die Zukunft der Landwirtschaft hat sich doch zuletzt positiv entwickelt. Die Borchert-Kommission hat gezeigt, dass es zur Finanzierung der neuen Anforderungen an Tierwohlstandards sehr wohl einen Konsens über eine faire Lastenverteilung zwischen Gesellschaft und Landwirten geben kann. Der Dialog mit vielen Organisationen aus dem Umweltbereich hat heute eine ganz andere fachliche Qualität als noch vor einigen Jahren, und wir sollten diesen auch von uns aus konstruktiv führen. Auch die Zukunftskommission zur Landwirtschaft kann dazu beitragen, uns auf den Betrieben die dringend erforderliche Perspektive zu geben, dass dieser Konsens über Aufgaben und Finanzierung unserer Zukunftsbetriebe breit und verlässlich besteht.

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Rolle der Landwirte?
Ähnlich wie im letzten Jahrhundert der Weg von der Marktwirtschaft zur sozialen Marktwirtschaft verlief, vollzieht sich heute ein Wandel von der sozialen Marktwirtschaft zur ökologisch-sozialen Marktwirtschaft. Damit wir als Agrarbranche unseren Stellenwert behaupten, müssen wir diese Entwicklung aktiv mitgestalten. Indem wir zum Beispiel klima- und biodiversitätskonformes Verhalten in die wirtschaftlich-produktiven Abläufe unserer Unternehmen integrieren. Und das geht, um es nochmals zu betonen, nicht mit einem neuen Staatsdirigismus, der die Schwächen der Vergangenheit digital überwinden will. Es braucht vielmehr die Kräfte von Angebot und Nachfrage, die Wirkung von Knappheiten, um die richtigen Anreize auszulösen. 

Klingt das für viele Landwirte nicht wie eine Drohung?
Die Frage ist doch immer: Ist das Glas halb leer oder halb voll? Die Herausforderungen sind schon groß. Aber ich sehe die gesellschaftlichen Trends, die die Landwirtschaft nicht ändern kann, nicht als Angriff auf unser Tun oder auf unsere Person, sondern als Ansporn für eine Weiterentwicklung einer respektierten und akzeptierten Landwirtschaft.

Die Fragen stellte Thomas Preuße. 
 

Aus Innovationsmagazin 2021.

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