Betriebsstrategien. Die neue Vielfalt

Gute Erträge von Weizen, Raps oder Rüben plus auskömmlicher Preise: So einfach sieht die Zukunft leider nicht aus. Umweltanforderungen erhöhen die Kosten, auch die Konkurrenz schläft nicht. So muss sich jeder Betrieb langfristig über seine künftigen Chancen und Begrenzungen klar werden. 

Auf wenige Produktionszweige spezialisieren und damit wachsen: Es mehren sich die Anzeichen, dass diese über Jahrzehnte bewährte Strategie nicht immer und ewig hält. Im vor- und nachgelagerten Bereich der Landwirtschaft sind neue Geschäftsmodelle schon längst ein Thema. Auch für Landwirte sollte das ein Signal sein, den bisherigen Einkommensmöglichkeiten nicht unbesehen zu vertrauen – trotz guter Preise! 

1. Die Verlagerung von Prämien in Klima- und Umweltmaßnahmen, die Farm-to-Fork-Strategie der EU sowie auch die nationalen Ackerbaustrategien verteuern die Produktion. 

Auf durchschnittlich rund 150 €/ha könnte nach Berechnungen des DBV ab 2023 die „reine“ Flächenprämie in Deutschland sinken, verursacht u. a. durch die Umschichtung von Mitteln in die Eco-Schemes und einen höheren Anteil der Umverteilung in die zweite Säule. Damit wächst zwar die Bedeutung vielfältiger Fruchtfolgen oder der Biodiversität. Auch wenn die Betriebe damit ihr „Kerngeschäft“ stärken, weil sie es etwa wegen auftretender Resistenzen wieder auf stabilere Füße stellen wollen oder auch „nur“ der Düngeverordnung gerecht werden müssen: Die bisherigen Einkommensmöglichkeiten mit Getreide, Raps oder Rüben sinken. Ein Markt für integriert zwischen öko und konventionell angebaute Standardkulturen dürfte Utopie sein. Größere Nachteile erfahren somit vor allem Betriebe, die überschaubare Ackerbauprogramme mit engen Fruchtfolgen und hoher Intensität fahren. 

Die neuen Ideen der EU: Besser als ihr Ruf? Diese Betriebe sind auch von den Zielen der Farm-to-Fork-Strategie (F2F) der EU besonders betroffen. Wobei es hierbei große Missverständnisse gibt. Meist werden nur die plakativen Ziele negativ kommentiert: 20 % weniger Düngung, 50 % weniger Pflanzenschutz, 25 % Ökolandbau, wie soll das gehen? Jede Folgenabschätzung jedoch leidet an der unkonkreten Formulierung der F2F und der schwierigen Antwort auf die Frage, wie sich denn wohl Landwirte und Verbraucher auf die neue Situation einstellen werden. Denn worauf bezieht sich das Reduktionsziel beim Pflanzenschutz? Auf die Menge, auf das Risiko? Auch 25 % Ökolandbau gelten (im Schnitt) allgemein als utopisch. Aber wahrscheinlich ist es wie so oft in der Politik: Eine Zahl gilt nicht absolut, sondern soll Kritiker ruhigstellen und die Richtung vorgeben. Ohne jegliche Anpassung der Landwirtschaft führt die F2F bei „buchstabengetreuer“ Umsetzung zu einem Desaster. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass Anpassungsmöglichkeiten wie neue Produktionssysteme, verändertes Verbraucherverhalten oder Digitalisierung zu optimistisch gesehen werden. 

BMEL-Ackerbaustrategie: Ein zu schönes Bild der Zukunft? Die Frage nach den notwendigen Voraussetzungen gilt auch für die „Grundzüge“ einer Ackerbaustrategie, die das BMEL Ende 2019 vorgelegt hat. Sie soll Impulsgeber für individuelle Strategien sein und kein Handbuch. Sechs Leitlinien und zwölf Handlungsfelder fassen die derzeitige Diskussion dennoch übersichtlich zusammen und vermitteln eine Idee davon, wie der Ackerbau 2030 aussehen könnte, sofern bestimmte Voraussetzungen gegeben sind (siehe Kasten auf Seite 6). Diese Einschränkung ist wichtig, denn nicht wenige Politiker und Verbandsvertreter meinen ja, Ziele vor allem auf dem Verordnungsweg erreichen zu können. Was aber wegen der zahlreich aufgezeigten Zielkonflikte nicht funktionieren kann.
Die Leitlinien reichen von der Versorgung mit Nahrungs-, Futtermitteln und biogenen Rohstoffen bis hin zur gesellschaftlichen Akzeptanz. Drei Punkte betreffen den Umwelt-, Klima- und Biodiversitätsschutz, einer immerhin die Sicherung des Einkommens der Landwirte. Die Handlungsfelder umreißen Problembereiche, Ziele, Konflikte und Maßnahmen. Auch sie lesen sich zunächst wie ein Katalog aller Debatten, die in den letzten Jahren rund um die Landwirtschaft ausgefochten wurden, bieten aber einen Rahmen, in dem Betriebe und Politik ihre Maßnahmen entwickeln können. 

2. Europa ist ein Hochertragsgebiet. Das muss nicht bedeuten, dass wir die Welt ernähren: Andere Regionen holen mächtig auf. Das heißt für viele Betriebe ein Leben jenseits des Weltmarktes.  

Die Erzählung hört sich gut an: Die Weltbevölkerung wächst, Agrarprodukte werden knapp, die Preise steigen und die mitteleuropäischen Ackerbauern finden sich mit ihren hohen Erträgen auf der Sonnenseite wieder. Aber zunehmend machen neue Teilnehmer das Spiel. Bei Weizen und Mais bestimmen die Ukraine, Russland und Kasachstan das Geschehen. Sie produzieren pro Tonne günstiger als die vielfach kleinstrukturierten, von immer mehr Einschränkungen und teilweise unrealistischen Pachtpreisen geplagten Betriebe Westeuropas. In Planwirtschaft waren sie immer gut, aber wenn die Russen nun von 12 Mio. ha bisher ungenutzter Ackerfläche sprechen, die sie bis 2030 neu erschließen wollen, so entspricht das der Ackerfläche Deutschlands.  Von der anderen Seite, nämlich aus Argentinien und Brasilien, wird die Welt mit Mais, Sojabohnen, Zucker und Rindfleisch versorgt. Auch hier fällt es den meisten europäischen Betrieben schwer, mit deren Produktionskosten mitzuhalten. 

Zudem hat die Witterung in den letzten Jahren die Bezeichnung „Hochertragsstandort“ etwas relativiert. Gleichzeitig ist wegen der Begleiterscheinungen zu enger Fruchtfolgen der Aufwand deutlich gestiegen. Klar, ein Großbetrieb an der Küste mit natur- und niederschlagsbedingt hohen Erträgen und geringen Transportentfernungen zum Exporthafen wird immer mit einem Getreide- oder Rapsbetrieb in der Ukraine konkurrieren können. Aber schon im mitteldeutschen Trockengebiet sind 500 oder selbst 1000 ha keine Garantie mehr für eine ungetrübte Zukunft. Und wie sieht es erst mit einem deutlich kleineren reinen Ackerbaubetrieb in West- und Süddeutschland aus?

Das Stichwort heißt „zusätzliche Wertschöpfung“. Das kann der Hafer im Norden oder Soja und Dinkel im Süden sein, das Hofcafé, Sonderkulturen oder der Ökolandbau. Irgendwann wird man vielleicht auch Biodiversität oder Humusaufbau anständig bezahlt bekommen. Die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt, sie haben nur eines gemeinsam: Sie sind selten „skalierbar“. Das heißt, auf die Zukunftsidee muss der einzelne Landwirt oder die Landwirtin schon selbst kommen. Und er/sie muss, was noch mühsamer ist, typischerweise einen Abnehmer von dieser Idee überzeugen. Es braucht Startkapital und die Möglichkeit, auch Rückschläge zu verkraften. Nötig ist zudem Realismus: Auch innerhalb der Region werden solche Schritte nur die Betriebe gehen können, die auch sonst gut sind.  
Immerhin: Exportierte Ökoprodukte aus Russland sind noch kein Thema, obwohl die Standortvoraussetzungen dort gut wären. Aber da fehlen die „Wertschöpfungstreiber“ Beratung, Rückverfolgbarkeit und vor allem Vertrauen. Diese Stärken kann Westeuropa besser ausspielen, hier liegen die Chancen.  

3. Zu einer realistischen Einschätzung der Zukunft gehört eine Analyse der Stärken und Schwächen nicht nur des Betriebes, sondern auch und gerade des Betriebsleiters.

Die Zeiten sind noch nicht lange vorbei, da hieß Betriebsentwicklung einfach „Wachstum durch Zupachten“. Doch viele Ackerbaubetriebe leiden darunter, gerade wenn sie für eine regionale Verzerrung der Pachtpreise nichts können. Wenn Schweine, Biogas oder auch Sonderkulturen das Niveau bestimmen, bleibt kaum Luft. Dennoch haben sich viele Betriebsleiter z. B. mit Grenzkostenrechnungen bisher um diese Frage herumgemogelt. Ein Stück weit funktioniert das, wenn „die Maschinen ja eh da sind“. Aber die Gefahr ist groß, darüber irgendwann blind zu werden. Deshalb empfiehlt Ihnen jeder betriebswirtschaftliche Berater eine Vollkostenrechnung, um überhaupt erst einmal „Kostenwahrheit“ herzustellen. Im Vergleich mit anderen können Sie dann sehen, ob Sie zu den besseren Betrieben gehören. Und erst wenn Sie die bisherige Produktion optimiert haben, können Sie an Wachstum denken. Sonst werfen Sie gutes Geld schlechtem hinterher. Risikofaktoren sollten Sie nicht unterschätzen. Was passiert, wenn eine Familienarbeitskraft (der „geländegängige Opa“) ausfällt und eine Ersatzkraft eingestellt werden muss? Dann werden aus dem Lohnansatz, den Sie „vergessen“ haben, tatsächliche Kosten.
Und nicht zuletzt: Jeder weiß, dass nicht die Zahl der Hektare, sondern der „Faktor Mensch“ den Ausschlag für den Erfolg gibt. Aber wenige sind in der Lage, Dinge sein zu lassen, weil sie eigene Schwächen erkennen. Im einfach strukturierten Ackerbaubetrieb ist das vielleicht weniger ein Thema. In der Kombination von Ackerbau und Viehhaltung werden schon mehr Fehler gemacht, weil ein einzelner Mensch nicht alles kann. Da fehlt oft die Bereitschaft oder auch nur die Gelegenheit zu sinnvollen Kooperationen. Die Herausforderungen des chemischen Pflanzenschutzes zum Beispiel werden derart steigen, dass sich nur noch Spezialisten herantrauen sollten. Dann schlägt die Stunde der Lohnunternehmer, aber auch von Landwirten mit kleineren Betrieben, die Kapazitäten für Lohnarbeit haben. Sowohl bei den Kosten als auch bei der Arbeitsqualität entsteht daraus eine echte Win-win-Situation. Auch für die Biodiversität, die (ernsthaft betrieben) ebenso viel „Produktionskompetenz“ erfordert wie ein Weizenanbau, wird es Spezialisten geben (müssen). Sonst wird ohne Ende Effizienz verschenkt. Erst recht gilt der Kompetenzfaktor bei neuen Kulturen, mit denen man sich entweder auf anspruchsvollen Märkten bewegt oder deren Feinheiten für den Standort man zunächst selbst ergründen muss. Die Zeit der Einzelkämpfer ist jedenfalls vorbei!   

Ausgewählt und kommentiert aus der BMEL-Ackerbaustrategie

  • Bodenschutz und Bodenfruchtbarkeit. Humusaufbau, ­integrierter Pflanzenbau, Mulch- und Direktsaat, ganzjährige ­Bodenbedeckung, Reifendruckregelanlagen, Flurbereinigung zum Erosionsschutz sind die Maßnahmen dazu. Dass ein Wegfall von Glyphosat dabei nicht hilfreich ist, wird zumindest erwähnt. 
  • Fruchtfolge. Ziel bis 2030 sind fünf Fruchtarten (inkl. Zwischenfrüchte) auf jedem Betrieb. Die Umsetzung wird (jenseits von z. B. Demonstrationsnetzwerken) überwiegend als Aufgabe der Betriebe bzw. der Branche gesehen. Immerhin fehlt nicht der Hinweis, dass der Absatz gesichert und der Anbau wirtschaftlich sein muss. 
  • Düngung. Ein „Bundesprogramm Nährstoffmanagement“ soll ­Investitionen vornehmlich in Gülletechnik und Precision Farming erleichtern. Hoffentlich besser organisiert als bei der „Bauern­milliarde“. Bundesweit soll es ein Nitratmonitoring geben. 
  • Pflanzenschutz. „Deutliche“ Reduktion bis 2030 und Ausstieg aus dem Glyphosat 2023 sind explizit formulierte Ziele. Dem müsse das Gesamtsystem des Ackerbaues angepasst werden. Aber es seien auch neue Versicherungsinstrumente notwendig, um die dann höheren Ertragsrisiken zu vermindern. Schaderreger-Prognosen spielen eine wesentliche Rolle.
  • Züchtung. Für die Bewältigung zukünftiger Aufgaben spielt sie eine zentrale Rolle. Sortenprüfwesen und Beratung sollen stärker als bisher auf Resistenzeigenschaften oder Trockentoleranz Wert legen und nicht vor allem auf den Ertrag. Ein wesentlicher Punkt dabei ist die Möglichkeit, neue Züchtungsmethoden einsetzen zu können. Ob eine „andersfarbige“ Bundesregierung dies ebenso sehen wird? 
  • Digitalisierung. „Hohe Investitionskosten, fehlende Schnittstellenkompatibilität und teilweise fehlende Kenntnisse der Landwirte und Landwirtinnen verhindern eine zügige Einführung“. Notwendig ist eine flächendeckende Netzabdeckung. Das ist eine schon fast erfrischend realistische Einschätzung. Aus Politikerinnenmund klingt das manchmal anders. 
  • Biodiversität. Endlich sagt mal einer, dass Kulturpflanzen und Biodiversität auf derselben Fläche Gegensätze sind. Letztere muss deshalb entlohnt werden. Wichtig ist der Hinweis auf die Effizienz von Biodiversitäts-Maßnahmen durch regionale Ziele und ein ­Monitoring. Denn bisher finden sie ja weitgehend über die Gießkanne statt.
  • Klimaanpassung. Veränderte Anbausysteme und die Ausweitung der Beregnung können den Auswirkungen des Klimawandels entgegenwirken. Die Gefährdung soll regional ermittelt werden, von ihr leiten sich dann Anpassungsmaßnahmen ab. Hier sieht das BMEL aber noch eine große Erkenntnislücke.
  • Klimaschutz. Humuserhaltung bzw. -aufbau und effiziente N-Düngung sind im Ackerbau die wesentlichen Möglichkeiten, die Emission klimarelevanter Gase zu senken. 
  • Bildung und Beratung. Biodiversität und Klima gehören in die Lehrpläne, ebenso die Entwicklungsoptionen für den Ackerbau. Das mache sie plausibler und erhöhe die Akzeptanz bei den Landwirten. Der Bund soll helfen, die Offizialberatung der Länder zu stärken.
  • Wertschätzung. Die Vermittlung gesellschaftlicher Wünsche und betrieblicher Notwendigkeiten ist ein Spagat. Die Ackerbaustrategie erwartet von der Landwirtschaft, negative Auswirkungen des Wirtschaftens zu vermindern. Und will umgekehrt dazu beitragen, mehr Verständnis für die Landwirte zu schaffen.
  • Umsetzung. Die politische und finanzielle Begleitung ist ­wichtigster, aber auch der unkonkreteste Punkt. So wird hier der „Umbau der Agrarförderung u. a. zugunsten einer angepassten Entlohnung ackerbaulicher Gemeinwohlleistungen“ gefordert. 

Aus Innovationsmagazin 2021.

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