Meinung. Es drohen Inflation und Rezession
Noch reden wir vor allem über steigende Energie- und Düngerpreise. Doch wie stabil ist das System wirklich? Energieanalyst Joe DeLaura von der Rabobank zeichnet im Interview ein deutlich schärferes Szenario: Sollte die Straße von Hormus länger blockiert bleiben, drohen nicht nur Preissteigerungen, sondern reale Engpässe bei Energie, Dünger und zentralen Rohstoffen.
Herr DeLaura, wenn der Irankrieg sich noch wochenlang hinzöge, was wären die Folgen?
Die wären in jedem Fall sehr einschneidend! Wir bei der Rabobank erwarten, dass der Krieg die Schifffahrt durch die Straße von Hormus wenigstens bis Ende Juni behindern wird. Wir rechnen damit, dass der Seeweg vor Mitte April nicht offen sein wird, und danach wird er auch nur eingeschränkt passierbar sein. Die Folgen sind Knappheiten nicht nur bei Rohöl, sondern auch bei wichtigen Rohstoffen wie Dünger, Schwefel und Mineralien.
Gilt das für alle Länder, auch für solche mit eigener Rohölbasis?
Grundsätzlich ja. Allerdings sind die USA, China und Japan, was die Energieversorgung angeht, in einer etwas besseren Position. Die USA haben eigene Öl- und Gasquellen, Japan und China sehr große strategische Öl- und Gasreserven und der Iran lässt Schiffe für China passieren. Damit lassen sich ein paar Monate überbrücken. Aber auch wenn deren Versorgung gesichert ist: Der globale Preisanstieg macht vor diesen Grenzen nicht halt.
Gab es in der jüngeren Geschichte vergleichbar einschneidende Ereignisse, der Ukrainekrieg oder die Coronapandemie etwa?
Da müssen wir schon lange zurückschauen. Dieser Krieg hat das Potential, weit größere Verwerfungen nach sich zu ziehen als der Ukrainekrieg. Wirtschaftlich war die Ukraine vergleichsweise unbedeutend und für das Getreide gab es andere Transportmöglichkeiten. Der Ausfall der Energie-, Dünger- und Mineralienexporte der Golfstaaten wird vermutlich das einschneidendste Ereignis der vergangenen 40 Jahre sein.
Müssen wir am Ende mit einer weltweiten Rezession rechnen?
Wir sollten uns auf jeden Fall mit dem Gedanken vertraut machen. Je länger sich der Krieg hinzieht, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit einer globalen Rezession und hoher Inflationsraten.
Schauen wir noch einmal auf zwei Länder: China und Russland. Wird der Krieg deren geopolitische Situation grundlegend ändern?
Für Russland lässt sich diese Frage einfach beantworten. Die vorläufige Aufhebung der Ölsanktionen und die hohen Ölpreise begünstigen Russland eindeutig. Nicht nur was die Einnahmen angeht, sondern auch geopolitisch. Etwas schwieriger ist die Lage im Falle Chinas. China bezieht etwa 38 % seiner gesamten Energielieferungen vom Golf und kann diese Mengen zwar kurzfristig puffern, nicht aber mittelfristig ersetzen, auch nicht mit seinen gewaltigen Ölreserven.