Portrait. Wissen, Markt und Kapital

Gemüsebau ist nichts für jede(n). In vielen Betrieben hat er sich entlang der Marktchancen und der eigenen Erfahrungen schrittweise entwickelt. So wie bei René Döbelt in Sachsen.

Als Anbauer von Gemüse bewegt man sich in einem Dreieck von Wissen, Markt und Kapital, sagt René Döbelt. Mit den Erfahrungen aus den »großen Kulturen« kommt man hier nicht weit. Hat man die Anbautechnik im Griff, spielen die Märkte verrückt. Und dann ist Kapital nötig, um die teilweise hohen Vorkosten leisten und Durststrecken durchstehen zu können. »Der Erlös kann bis zu 100 % um den Mittelwert schwanken. Und die Kosten können 50 bis 200 % des Erlöses betragen. Im Gemüsebau erfolgreich sind meist Leute, die lange dabei sind, denn er fordert eine lange Lernkurve. Es hilft auch, eine interessante regionale Geschichte anbieten zu können«.

Der Betrieb. Döbelt leitet das Landgut Nemt in Wurzen bei Leipzig mit den Schwerpunkten Ackerbau (Gemüse, Kartoffeln, Getreide, Futterbau) und Milchviehhaltung. Unmittelbar nach Abschluss des Studiums 1991 hat der heute 55-jährige, der u. a. in der DLG als Vizepräsident aktiv ist, mit dem Aufbau eines aus einer LPG hervorgegangenen, eigenen Betriebes begonnen. Weil die Flächen überwiegend im Wasserschutzgebiet liegen, war Ökolandbau von Beginn an ein Thema. Im Ackerbau durchgehend, in der Milchviehhaltung nach einer vorübergehenden konventionellen Phase ab 2022 wieder. Wenn »Bio« derzeit ein Trend ist, dann ist Biogemüse ein Megatrend, denn es wird anders als Getreide oder Zuckerrüben roh verzehrt und trifft somit auf eine besondere Sensibilität der Konsumenten in puncto Pflanzenschutzmittel-Rückstände. Döbelt baut Erbsen, Buschbohnen, Möhren für Tiefkühlgemüse an sowie Rote Bete und Zwiebeln. Alles beginnt mit dem Abnehmer. »Der Kunde muss Interesse haben. Das gilt heute mehr denn je.« 1995 war es die Frosta im nahe gelegenen Lommatzsch, die auf der Suche nach Biogemüse war und René Döbelt dazu motivierte, den Anbau aufzunehmen. 

Die Voraussetzungen müssen stimmen. Dass heute bis zur Hälfte der Flächen beregnet werden können, ist eine gute Voraussetzung und hilft aktuell im Klimawandel. Selbst die guten Böden hätten in dem vergleichsweise trockenen Gebiet sonst ein Problem. Das Risiko eines Totalverlustes steht immer am Himmel. Damit ist nicht nur die Ernte gemeint, sondern auch die Qualität, wenn der Abnehmer die Ware nicht mehr haben will. Oder wenn eine Erntemaschine, die der Abnehmer stellt, zu spät kommt und es dafür Qualitätsabzüge gibt. Auch Unkraut spielt eine große Rolle, natürlich gerade im Biobetrieb. Wenn nämlich die Bekämpfung wegen knapper Arbeitskräfte schwierig wird oder wegen der hohen Kosten die Rentabilität gefährdet. Zwiebeln können im Ökobetrieb 350 Stunden Handarbeit bedeuten! Kein Wunder, dass sich Hackroboter zunehmender Beliebtheit erfreuen. Bei Rüben sind sie fast schon etabliert, bei Zwiebeln gehört Döbelt zu den Pionieren. Und doch bot gerade das nasse Jahr 2021 eine besondere Herausforderung.  
Gemüse fordert zum Teil lange Anbaupausen von sieben Jahren. In Nemt sind die Beregnungsflächen in acht Blöcke unterteilt, auf denen typischerweise einmal Kleegras, einmal Mais, bis zu zweimal Kartoffeln und Hafer sowie viermal Gemüse stehen.      

Vermarktung ist die größte Herausforderung. Gemüsekulturen sind nicht einfach. Und doch ist die Produktionstechnik eine vergleichsweise leichte Aufgabe, sobald die Vermarktung ins Spiel kommt. Wer sich nicht auf freien Märkten bewegen will bzw. diesen Druck nicht aushält, sollte die Finger davon lassen. »Markt« bedeutet viele Möglichkeiten, aber auch viele Unwägbarkeiten. Nur ein Drittel Selbstversorgungsgrad mit Gemüse in Deutschland, das sollte doch eine Chance sein!? René Döbelt gießt viel Wasser in den Wein: »Grundsätzlich sind alle Märkte besetzt«, sagt er. »Und wenn nicht, hat das Gründe. Dann ist der Anbau anderswo rentabler als bei uns. Wir können ja nur sechs Monate lang liefern, die Nachfrage läuft aber über zwölf Monate. Das ist die große Chance der Spanier«. Der niederländische Gemüsebau als zweiter großer Konkurrent wiederum profitiert von der perfekten Organisation vom Anbau bis zur Verarbeitung im relativ begrenzten Gebiet der Polder und von den niedrigen Energiekosten. Deshalb kommt Lagergemüse zunehmend von dort. Es gibt auch keine strengen Winter, und auf den jungen Böden ist der Unkrautdruck geringer.

Vertragsanbau für Systemanbieter ... Die Chance für konventionelle Betriebe in Deutschland liegt nach Meinung von René Döbelt zunehmend im Vertragsanbau für einen der »Systemanbieter«. Dieser kümmert sich um Lagerung, Aufbereitung, Verpackung, Transport und Vertrieb. Der LEH, über den die Hälfte des Gemüses verkauft wird, bevorzugt diese Schiene. Damit lässt sich vom Gemüse vielleicht der heutige Deckungsbeitrag einer Zuckerrübe erwarten. Döbelt ist bisher bei den meisten Produkten in einer Erzeugergemeinschaft aktiv, den Ökobauernhöfen Sachsen, die rund 100 Betriebe umfasst und Getreide, Ölsaaten, Kartoffeln und Gemüse vermarktet. Abnehmer von deren Gemüse sind vor allem der LEH sowie Tiefkühlbetriebe. Gerade beim Frostgemüse ist »just in time« der entscheidende Faktor und die Logistik die größte Herausforderung. Vor Kurzem hat Döbelt mit 15 weiteren Landwirten aus Sachsen und Sachsen-Anhalt als erste reine Biogemüse-Erzeugergemeinschaft die »Biogemüse regional AG« gegründet.

... oder Regionalprodukte. Neue Marktchancen bieten Regionalprojekte mit dem LEH (auf der Basis von Jahresverträgen) oder der Einstieg in »neue« Gemüsearten. Das große Modethema sei gerade Knoblauch aus Deutschland. Weil die Chinesen dreimal billiger anbieten können, ist das nur etwas für die Direktvermarktung in Verbindung mit einer guten Geschichte. Damit lässt sich aber auf überschaubarer Fläche ein derart hoher Umsatz erzielen, dass aus solchen Nischen auch ein Betriebszweig werden kann. »Man muss Kaufkraft abschöpfen können«, sagt Döbelt. Und das hänge nicht zuletzt vom Betriebsstandort ab.
Für alle Gemüsearten und Vermarktungswege gilt wie überall: Man muss Ware haben, wenn die Preise hoch sind. Das ist natürlich beim Getreide ebenso. Doch René Döbelt hat noch einen zweiten Merksatz parat: »Man muss auch mal ein Minusjahr aushalten«. Diese Herausforderung stellt sich beim Getreide eher selten. Und beantwortet erneut die Frage, warum der Selbstversorgungsgrad in Deutschland so niedrig ist. 

Aus dem Sonderheft "Betriebszweig Gemüseanbau". Den vollständigen Artikel als pdf finden Sie hier.

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