Unbequeme Wahrheiten

 

Milchmarkt. In früheren Zeiten erwartete den Überbringer einer schlechten Nachricht ein übles Schicksal. Da kam der rheinland-pfälzische Wirtschaftsminister Volker Wissing mit einem Haufen Mist vor seinem Amtssitz noch gut weg. Was war geschehen? Wissing hatte auf einer Sonder-Agrarministerkonferenz in Brüssel gegen die dort vorgeschlagene zeitlich befristete, entschädigungslose Mengenbegrenzung am Milchmarkt gestimmt.
Er kritisierte sie als unangemessene Scheinlösung und Symbolpolitik, die keine kurzfristige Hilfe leiste. Anschließend sah er sich nicht nur im Internet einem Shitstorm gegenüber, sondern auch vor seinem Mainzer Büro.
Abgesehen davon, dass sich auch EU-Agrarkommissar Phil Hogan und Bundesagrarminister Christian Schmidt (wenn auch in weniger klaren Worten) gegen eine obligatorische Mengenkürzung aussprechen: Wissing verkündete nur eine unbequeme Wahrheit. Welchen Effekt hätte denn eine Auferstehung der Milchquote in Krisenzeiten?
Ein kurzzeitiges Deckeln der Milchmenge erhöht nicht die Liquidität der Betriebe. Der Preiseffekt einer einseitig (von der EU) beschlossenen Mengenkürzung auf dem global vernetzten Milchmarkt ist höchst umstritten. Und schon gar nicht ändert sich etwas an dem, worauf es auf einem freien Markt ankommt: an der Nachfrage. Insofern ist auch das nun beschlossene und von Hogan Mitte Juli verkündete zweite EU-Hilfspaket kaum mehr als Augenwischerei und ein Trostpflaster. Der vorgesehene freiwillige Lieferverzicht im letzten Quartal 2016, der den Erzeugern mit 14 Ct/kg vergütet werden soll, würde wohl nur den ohnehin abstockungswilligen Betrieben nützen.
Wachstumsbetriebe wie etwa in Niedersachsen, wo im vergangenen Jahr entgegen dem Bundestrend weiter eingestallt wurde, werden ihre Tiere wegen solcher Beträge kaum zum Schlachter führen. Zumal die monatlichen Kuhschlachtungen in Deutschland seit Februar zweistellig über Vorjahr liegen, im April und Mai sogar um 17 %. Auch in der EU insgesamt wurden bis Ende April 6 % mehr Kühe geschlachtet als 2015. Die Produktion wird also gedrosselt, aber marktwirtschaftlich. Ohne Steuergelder und mit Perspektive für die gut aufgestellten Betriebe. Und das bewegt mehr als alle Hilfspakete: EU-weit hat sich der Vorsprung der Milchanlieferung zum Vorjahr von April auf Mai auf nur noch 0,8 % halbiert; in Deutschland liegen die Anlieferungen bereits seit einigen Wochen unter Vorjahr. Und es ist absehbar, dass sich die Anlieferungen weiter abschwächen werden und im letzten Quartal deutlich unter der Vorjahreslinie bleiben werden.
Der Markt kommt also langsam wieder ins Gleichgewicht. Und das ist eine gute Nachricht für alle Betriebe.

 

Markus Wolf