Ferkelaufzucht. Nekrosen stehen für Fütterungsstress
Auf das routinemäßige Schwanzkupieren zu verzichten, ist wohl eine der größten Herausforderungen für die konventionelle Schweinehaltung. Der Fütterung kommt dabei eine entscheidende Bedeutung zu. Eckhard Meyer zeigt die Stellschrauben.
Schwanzbeißen bleibt ein großes Problem. Die letzten Jahre haben aber viele hilfreiche Erkenntnisse rund um diese »multifaktoriell« bedingte Verhaltensstörung gebracht: Gleich nach einem hohen Gesundheitsstatus ist die Fütterung der Schlüssel zur erfolgreichen Haltung unkupierter Schweine.
Früher wurde zwischen Schwanznekrosen und Schwanzbeißen nicht unterschieden. Heute wissen wir: Beide Phänomene sind zwei Seiten derselben Medaille. Denn von maßgeblicher Bedeutung für die Entwicklung von Verhaltensstörungen sind nekrotische Veränderungen (SINS) an peripheren Körperteilen wie Ohren und Schwänzen. Sie führen zu vergleichbaren Symptomen (juckende, entzündliche Gewebeveränderungen, Blutaustritt) wie das Schwanzbeißen selbst und sind multifaktoriell bedingt. Schwanznekrosen können ohne jedes Zutun anderer Schweine entstehen oder durch Manipulation von Buchtengenossen sowie Technopathien verursacht werden. In etwa 70 % der Untersuchungen sehen wir erst die Nekrosen und dann das Beißen, in 30 % der Fälle ist es umgekehrt.
Nekrotische Veränderungen, die von innen heraus entstehen, sind in der Regel die Folge von Stoffwechselstörungen. Bewiesen ist, dass die Ursachen im Bereich der Darmgesundheit zu suchen sind. Mykotoxine, Hitzestress, Wassermangel und -qualität, Darminfektionen, hohe Eiweiß- und niedrige Rohfasergehalte im Futter, hohe Zunahmen der Tiere und mangelnde Stallhygiene sind Risikofaktoren. In der Folge gelangen vermehrt mikrobielle Zerfallsprodukte (Endotoxine, Mykotoxine) ins Blut, was Entzündungsreaktionen im Organismus provoziert. Diese können zu Blutungen im Schwanzgewebe führen und Fehlverhalten fördern.
Verhaltensstörungen von Schweinen werden in der Regel bei wachsenden Tieren und heute vor allem in Zeitfenstern mit vergleichsweise hoher Zunahmeleistung (> 900 g) und Stoffwechselbelastung (Mitte Ferkelaufzucht bis Anfang Mittelmast bzw. Jungsauenaufzucht) beobachtet. Schon das weist auf eine besondere Bedeutung von Fütterung und Nährstoffversorgung im Hinblick auf das unerwünschte Verhalten hin.
Futterzusammensetzung
Eine bedarfsgerechte und stressfreie Futteraufnahme ist eine der Grundbedingungen für mehr Tierwohl in der intensiven Schweinehaltung. Die Fütterung muss am Stoffwechsel orientiert sein und darf nur bis zu bestimmten Grenzen einer Umweltdiskussion untergeordnet werden. Ohne Not sollten 13 % Rohprotein, 0,4 % Phosphor und 4 % bis 7 % Rohfaser nicht unterschritten werden.
Wintergerste hat sich als »das Rückgrat der Ration« bewährt (mind. 50 % des Getreideanteils), insbesondere für die Sauen. Zusatzstoffe, die Endotoxine binden, können positive Effekte haben. Unerwünschte Futterbestandteile wie Mykotoxine sind kein Grund für Stoffwechselprobleme, sie »triggern« sie aber und stehen dadurch in einem direkten Zusammenhang zur Ausbildung von Schwanz- und Ohrnekrosen. Damit verstärken Mykotoxine das Phänomen von Verhaltensstörungen.
Auch eine direkte Wirkung der Aminosäure Tryptophan wird diskutiert. Sie spielt eine Rolle bei der Serotoninausschüttung. Im Allgemeinen wird Tryptophan eine beruhigende Wirkung auf das Tierverhalten nachgesagt. Studien zeigen aber, dass die dafür notwendige Konzentration (zwei bis vier Mal über dem bislang abgeleiteten Bedarf) viel zu teuer ist.
Fütterungstechnik
Weitgehend unbeachtet ist bisher der Einfluss des Futteraufnahmeverhaltens. Insbesondere Aufzuchtferkel fressen heute viel mehr Futter als früher und als ihr Darm verdauen kann. So ist es kein Zufall, dass die größten Probleme mit dem Schwanzbeißen zum Ende der Ferkelaufzucht entstehen. Unverdaute Futterbestandteile gelangen in den Dickdarm und werden zum Futter für (zumeist schlechte) Keime. Aus deren Zerfallsprodukten entstehen Endotoxine, die dann nekrotische Veränderungen hervorrufen.
Die Fütterungstechnik kann die Futteraufnahmegeschwindigkeit beeinflussen. In Versuchen hatte fast die Hälfte aller unkupierten Ferkel an klassischen Rohrbreiautomaten eine Nekrose und in der Folge häufig auch eine Verletzung. Trockenfutter wird etwa 40 % langsamer gefressen.
Anzahl Fressplätze hinterfragen. Die meisten aktuell als Rohrbreiautomaten gehandelten Produkte sind eher Trockenfutterautomaten mit wenig Fressplätzen und kurzen Wegen zum Wasser sind. Häufig ist dann aber das für Breiautomaten zulässige weitere Tier/Fressplatzverhältnis von 8:1 nicht mehr gerechtfertigt. Vielmehr ist das für Trockenfutterautomaten vorgesehene Verhältnis von 4:1 als Grenze zu sehen (Weiterlesen: Technik beeinflusst das Wohlbefinden).
Faserbedarf und Beschäftigungsfutter
Nach den in den letzten Jahren gesammelten Erfahrungen mit unkupierten Tieren können wir heute sicher sagen: Schweine haben – wie bei allen anderen Nährstoffen auch – einen bestimmten physiologischen Bedarf an Faserstoffen. Den Beweis liefern die Tiere selbst. Ferkel sowie Mastschweine fressen von einem zusätzlich zum Hauptfutter angebotenen Beschäftigungsfutter mit einem hohen Rohfasergehalt wenig, von einem Beschäftigungsfutter mit niedrigem Rohfasergehalt viel. Bezogen auf die Rohfaserfraktion werden immer konstante Mengen aufgenommen. Diese entsprechen offensichtlich dem über das Hauptfutter nicht gedeckten Bedarf, der somit etwas höher ist als die gängigen Beratungsempfehlungen. Ohne das Angebot von Beschäftigungsfutter sollten Rationen für Aufzuchtferkel mindestens 4,5 %, Rationen für Mastschweine über 5 % Rohfaser enthalten.
Bei der Haltung unkupierter Ferkel ist der Einsatz von faserreichem Beschäftigungsfutter ein Muss. Neben der positiven Wirkung einer guten Faserversorgung auf die Tiergesundheit ist sie der entscheidende Faktor für das Tierverhalten: Die Tiere brauchen eine Möglichkeit, um zwischen zwei Angeboten unterschiedlicher Qualität zu wählen. Der zusätzliche Einsatz von Beschäftigungsfutter führt nachweislich zu weniger Schwanznekrosen. Zudem befassen sich Schweine damit fünf bis sechs Mal länger als mit technischen Beschäftigungsgeräten.
Ein separat angebotenes, faserreiches Futter stellt außerdem für die untergeordneten Ferkel eine Art Ausweichfütterung dar. Denn sie werden leichter und schneller vom Fressplatz verdrängt. Es sollte deshalb auch einen entsprechenden Nährstoffgehalt haben, der allerdings mit einem erforderlichen Fasergehalt von mindestens 20 % (Richtlinie ITW) vereinbar sein muss. Faktisch ist das aber kein Widerspruch und reduziert den gewünschten Beschäftigungseffekt nicht.
Die mögliche Wirkung der Beschäftigung kann nicht nur durch die Auswahl geeigneter rohfaserreicher Stoffe, sondern auch durch deren Verarbeitung positiv beeinflusst werden. Pelletierte Stroh- oder Grascobs werden von Ferkeln besser akzeptiert als gehäckseltes Luzerneheu und sogar besser als Maissilage. Allen Befürchtungen zum Trotz: Rohfaserreiches Beschäftigungsfutter führt nicht zu einer Verdrängung des Hauptfutters und schlechteren Zunahmen, sondern im Gegenteil, sie stimuliert sogar die Futteraufnahme in der Ferkelaufzucht und zum Teil auch in der Schweinemast.
Verarbeitetes Tierisches Protein (VTP)
Viele Praktiker sind der festen Überzeugung, dass die bis vor Kurzen gesetzlich verordnete vegetarische Ernährung des Allesfressers Schwein den Hang zu Verhaltensstörungen verstärkt oder sogar verursacht hat. Fakt ist, dass tierisches Futterprotein besser verdaulich und dem zu bildenden Körperprotein ähnlicher ist als pflanzliches. Es hat eine höhere biologische Wertigkeit und einen Rohproteingehalt von 60 bis 70 %. Zudem enthält die omnivore Ration je nach Produkt und verarbeitetem Knochenanteil einen höheren Mineralstoffgehalt (Ca, P, und auch Natrium) und mehr fettlösliche Vitamine.
Mittlerweile wissenschaftlich anerkannt ist, dass Protein tierischen Ursprungs eine bessere Grundlage für die noch erforderliche Entwicklung des Darms (Darmzotten) von Absetzferkeln ist und weniger allergische Reaktionen hervorruft als Sojaproteine. Durchfallerkrankungen wurden in eigenen Versuchen signifikant reduziert. Gleichzeitig lassen diese Beobachtungen den Schluss zu, dass tierisches Protein zu einer Verminderung von Entzündungsprozessen (Darm, Immunsystem) führt. Dagegen bedingen Durchfallerkrankungen einen Nährstoffverlust über den Darm. Die Ferkel zeigen dann ein stärker ausgeprägtes Nährstoffsuchverhalten und neigen zu gegenseitigem Bewühlen, Belecken und Schwanzbeißen. Der Einsatz von hochwertigem Protein kann somit als ein Baustein auf dem Weg zum Kupierverzicht gewertet werden.
Wasser – das unterschätzte Futtermittel
In einzelnen Praxisbetrieben konnten Probleme mit Verhaltensstörungen erst mit der Verbesserung der Wasserversorgung gelöst werden. Wasser ist nicht nur Bestandteil des Körpers, sondern das wichtigste Medium, um Nährstoffe zu transportieren und belastende Schadstoffe über die Nieren wieder auszuscheiden. Dreh-und Angelpunkt ist die Keimbelastung des Wassers. Diese wird durch die eingesetzte Technik und die Vorbelastung des Wassers mit Schwermetallen (Eisen, Mangan) maßgeblich beeinflusst, Verkeimtes Wasser wird schlechter akzeptiert und belastet die Gesundheit.
Die Akzeptanz ist aber auch eine Frage des Wasserangebotes. Jungtiere müssen lernen, Futter- und Wasseraufnahme zu trennen. Das gelingt angefangen von Mutter/Kindtränken über Beckentränken bis zum Ende der Ferkelaufzucht am besten. Bei Mastschweinen und Sauen ist es nach praktischen Beobachtungen keinesfalls so sicher, dass ein Trinken aus offener Fläche, wie vom Tierschutz vorgesehen, auch von den Tieren favorisiert wird. Zu den Problemen mit der Sauberkeit der offenen Tränke kommt, dass diese z. T. an den Bedürfnissen der Schweine vorbei konstruiert sind: Schweine sind Schlürftrinker. Für Sauen sind die Beckentränken meist zu klein, sodass die Tiere nicht mit dem Unterkiefer unter den Wasserpegel kommen.
Zauberformel: Dem Schwein eine Wahl geben. Die Erfahrungen aus vielen Jahren Versuchstätigkeit mit unkupierten Tieren zeigen deutlich: In der Praxis ist es geradezu utopisch, Haltungsumgebungen schaffen zu wollen, die immer optimale Bedingungen realisieren. Viel zielführender ist es, den Tieren die Möglichkeit zu geben, auf Stressfaktoren durch Haltung, Klimaführung oder eben auch Fütterung zu reagieren. Die Wahlmöglichkeit ist dabei der Schlüssel zum Erfolg auf dem Weg zum Kupierverzicht. Die Entwicklung der Haltungstechnik der vergangenen Jahrzehnte hat diese Wahlmöglichkeiten immer weiter eingeengt. Doch die Haltungsumgebung muss den Schweinen jederzeit zwei Angebote unterschiedlicher Qualität machen. Das betrifft alle Haltungsfaktoren und ist die eigentliche Begründung für die positive Wirkung strukturierter Buchten über Außenklima bis hin zum Beschäftigungsfutter.