Virusresistenzen. Der reinste Dschungel
BaMMV, BaYMV, BYDV – blicken Sie noch durch? Bei der Virusresistenz von Gerste hat die Züchtung in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte erzielt. Es gibt tolerante, doppelresistente und multiresistente Sorten. Doch was bedeutet das eigentlich, und was brauchen Sie für Ihren Standort? Achim Seidel gibt einen Überblick.
Getreidevirosen – speziell bei Wintergerste – spielen in vielen Regionen eine immer bedeutendere Rolle. Die Züchter haben darauf bereits vor Jahren reagiert und bieten inzwischen eine breite Auswahl an toleranten bzw. resistenten Sorten bei den wichtigsten Viruserkrankungen an. Jedoch verliert man angesichts der Schlagworte in den Sortenbroschüren schnell den Überblick. Worauf sollten Sie achten? Und welche Sorten kommen für welche Anbausituationen infrage?
Bodenbürtige Gelbmosaikviren
Der Schleimpilz Polymyxa graminis, der die Wurzeln von Wintergerste befällt, sich dort vermehrt und Dauersporen bildet, ist an sich nicht ertragsrelevant. Allerdings überträgt dieser das Gerstengelbmosaikvirus Typ 1 und Typ 2 (Barley yellow mosaic virus = BaYMV-1 und BaYMV-2) sowie das Milde Gerstenmosaikvirus (Barley mild mosaic virus = BaMMV). Diese Virosen verursachen an der jungen Pflanze teils vor dem Winter, häufig aber erst im zeitigen Frühjahr, insbesondere nach Frostphasen und bei kalt-feuchter Witterung deutliche Symptome. Kennzeichnend ist ein (teil-)flächiger, bei beginnender Ausbreitung im Schlag durch Bodenverschleppung bei der Bearbeitung streifenförmiger Befall im Feld. Die Pflanzen sind dabei in der Regel zunächst strichelartig im Blatt aufgehellt. Später zeigen sich die gesamten Pflanzen aufgehellt und sie bleiben in ihrer Entwicklung zurück. Nicht zu verwechseln sind die Symptome mit Manganmangel oder Typhula-Befall, wobei sich bei zusätzlichem Auftreten die Symptome verstärken können. Im weiteren Vegetationsverlauf bleiben Wuchs- und Entwicklungsdepressionen bestehen und zeigen sich unter anderem in heterogenen Beständen. In vielen Jahren verwachsen sich die Symptome im Frühjahr wieder und die Ertragsreaktion ist begrenzt. In Jahren mit starker Ertragsreaktion können die Verluste zwischen 15 und 20 % betragen, in Einzelfällen aber auch weit darüber.
Die gebildeten und virusbeladenen Dauersporen können über 20 Jahre im Boden überdauern. Durch Bodenbearbeitung und Erdanhaftungen werden sie verschleppt. Somit kann man davon ausgehen, dass selbst nach einem latenten Befall der Schlag und auch weitere Schläge des Betriebes sowie Nachbarflächen irgendwann ebenfalls auffällig werden. Standorte mit häufigem Gerstenanbau sind natürlich besonders betroffen.
Die einzige Maßnahme, die hilft, ist der Anbau resistenter Sorten. Hier hat die Züchtung bereits vor einigen Jahrzehnten Sorten mit einer sogenannten BaYMV-1-Resistenz entwickelt. Bis auf wenige Ausnahmen verfügen inzwischen alle in Deutschland zugelassenen Sorten über diese Resistenzausstattung. Das gilt auch für die Resistenz gegen das Milde Gerstenmosaikvirus (BaMMV).
In den 1990er Jahren kam es zu einem Resistenzbruch. Es entstand das Gerstengelbmosaikvirus Typ 2. Dieses hat mittlerweile in ganz Deutschland an Relevanz gewonnen, insbesondere aber im Nordwesten. Entsprechend bietet auf befallenen Flächen der Anbau Typ 1-resistenter Sorten keine Absicherung mehr. Im Markt haben sich daher Sorten mit einer zusätzlichen Resistenz gegenüber dem Typ-2 für diese Regionen als zuverlässig gezeigt. Sie werden üblicherweise als »doppelresistent« bezeichnet. Zu beachten ist jedoch, dass einige doppelresistente Sorten die sonst bei den Typ-1-resistenten Sorten vorhandene Resistenz gegen das Milde Gerstenmosaikvirus nicht aufweisen. Hier ist allerdings schwer zu quantifizieren, welche Flächen dies betrifft, da in den zurückliegenden beiden Jahrzehnten die Sorten die Resistenz hierfür mitbrachten. Während vor vier bis fünf Jahren oft noch kritisch auf die geringere Ertragsleistung und häufig spätere Reife der doppelresistenten Sorten geblickt wurde, ist dieser Aspekt mit dem Erfolg der neueren Züchtungsgenerationen nicht mehr relevant.
Blattlausübertragene Gelbverzwergungsviren
Im Gegensatz zu den bodenbürtigen Viren werden Gelbverzwergungsviren (Barley yellow dwarving virus = BYDV) durch Vektoren (Blattläuse) übertragen. Die Läuse tragen in der Regel eine signifikante Viruslast in sich. Daher bedeutet ein starker Blattlauszuflug in die jungen Bestände ein hohes Infektionsrisiko, ist aber durch den Einsatz von Insektiziden zum Großteil kontrollierbar.
Die Wahrscheinlichkeit eines starken Blattlausauftretens nimmt durch eine wärmere Herbst- und mildere Winterwitterung zu. Dadurch verlängert sich auch die Phase, in der ein Zuflug in die Bestände erfolgen kann und dementsprechend potentielle Infektionen stattfinden.
Weitere Risikofaktoren sind ein früher Saattermin der Wintergerste sowie Zwischenfrüchte und Feldränder, in denen ab dem Spätsommer Blattläuse sitzen. Auch Silomais in der Nachbarschaft kann kritisch sein, da zum Zeitpunkt des Häckselns dieses Habitat für die Blattläuse wegfällt und die jungen Wintergerstenbestände eine ideale Nahrungsgrundlage bieten.
Grundsätzlich sind die Symptome abhängig von der Befallsstärke und -dauer. Zunächst ist ein nesterweiser Befall vom Rand her zu beobachten. Bei sehr starkem Befall können mehr oder weniger flächige Symptome ohne Nesterbildung auftreten. Im Normalfall ist ein nesterweiser Zwergwuchs und Blattvergilbung zu beobachten. Im Laufe des Herbstes und Winters kommt es oft zum Ausfall der betroffenen Pflanzen. Bei geringem Befall können häufig Nachbarpflanzen die Lücken schließen. Dennoch bleiben befallene Bestände zumindest ungleichmäßig. Da die Ertragsausfälle enorm sein können (bis hin zu einem Totalausfall), muss hier gehandelt werden. Ein pauschaler Insektizideinsatz ist aus Umwelt- und Resistenzgesichtspunkten (Pyrethroid-Resistenz bei der Grünen Pfirsichblattlaus) kritisch zu sehen. Bei lang anhaltender Zuflugphase vieler Läuse können im Herbst auch mehrere Behandlungen erforderlich sein. Dabei muss im Herbst das Monitoring und die Arbeitslast berücksichtigt werden. Und auch eine entsprechende Befahrbarkeit der Flächen muss gegeben sein.
Eine weitere Möglichkeit ist auch hier die Nutzung von Sorten mit einer höheren Widerstandskraft gegen das Gerstengelbverzwergungsvirus. Diese sind seit einigen Jahren verfügbar und tragen das Resistenzgen »Ryd-2«. Ihr Ertragsniveau ist mittlerweile vergleichbar mit dem Sortimentsmittel. Genau genommen handelt es sich hierbei um eine sogenannte quantitative Resistenz, was einer Toleranz entspricht. Das bedeutet, dass der Erreger die Pflanze infiziert und sich auch vermehrt, aber keine oder nur geringfügige Symptome auftreten.
Bei früher Aussaat und starker Viruslast im Bestand ist das Befallsrisiko besonders hoch. Trotz der besseren Widerstandskraft kann bei hohem Infektionsdruck die Virussymptomatik aber auch bei diesen toleranten Sorten nicht vollständig unterdrückt werden. Das bedeutet, gewisse Ertragsverluste sind nicht ausgeschlossen.
Neu zugelassen ist mittlerweile eine Sorte mit Ryd-4-Resistenz, was laut Züchter einer qualitativen Resistenz entspricht. Hier muss sich die tatsächliche Sortenleistung aber noch in der Praxis beweisen.
Multiresistente Sorten. In Frankreich sind »multiresistente« Sorten bereits vermehrt im Markt zu finden. Aber auch bei uns gibt es inzwischen einige. Kennzeichnend ist eine Resistenz gegen BaYMV Typ 1 und Typ 2 sowie gleichzeitig eine Toleranz gegen BYDV. Noch ist hier die Auswahl überschaubar. In den nächsten Jahren wird aber sicher noch einiges an jungem Sortenmaterial in den Markt strömen.
Achtung!
Gerstengelbverzwergungsviren können auch im Winterweizen massive Schäden anrichten. Tolerante Sorten gibt es nicht. Ein möglicher Hebel ist die Saatzeit. Die Verschiebung der Weizenaussaat in den Oktober hinein kann hilfreich sein, da vor allem frühe Saaten im September unter massivem Blattlausdruck stehen können. Ist dennoch ein später starker Blattlauszuflug in Winterweizen zu beobachten, muss ein Insektizideinsatz in Erwägung gezogen werden.
Darüber hinaus können Zikaden sowohl Gerste als auch Weizen mit dem Weizenverzwergungsvirus (wheat dwarving virus = WDV) infizieren. Hier ist eine Bekämpfung mit Insektiziden aufgrund der hohen Mobilität der Zikaden nicht möglich. Lediglich eine Wintergerstensorte aus dem aktuellen Zulassungsjahrgang weist laut Züchter gegen dieses Virus eine Resistenz auf.
Welche Sorte anbauen?
Bei all den Möglichkeiten, die die moderne Gerstengenetik inzwischen bietet, könnte man auf die Idee kommen, grundsätzlich – also quasi »vorsorglich« – auf Sorten mit einer breiten Resistenzausstattung zu setzen. Das ist allerdings keine empfehlenswerte Strategie. Denn je häufiger diese Sorten angebaut werden, desto größer ist auch das Risiko von Resistenzbrüchen. Außerdem gibt es natürlich nach wie vor Unterschiede in Ertrag und Qualität. Je nach Ausgangssituation können auch andere Sortentypen vorteilhaft sein. Eine Diversifizierung bei der Sortenwahl ist also nach wie vor angesagt. Als Entscheidungshilfe können folgende Punkte dienen:
- Auf vielen Standorten in Nordwestdeutschland – und insbesondere auf allen Gelbmosaik-Verdachtsflächen – sollten Sie eine doppelresistente Sorte mit BaYMV-2-Resistenz wählen. Dies ist die einzige Handlungsoption und aufgrund der starken Leistung der Typ-2-resistenten Sorten auch absolut empfehlenswert.
- An Standorten, auf denen bodenbürtige Gelbmosaikviren kein Problem darstellen, wo aber mit höherem Blattlauszuflug zu rechnen ist, sollten Sie auf die BYDV-tolerante Sorten setzen. Damit lassen sich die Erträge absichern und im Sinne des Integrierten Pflanzenschutzes Insektizidmaßnahmen reduzieren. Ertraglich befinden sich auch diese Sorten mittlerweile auf einem hohen Niveau.
- Bei einer Gelbmosaikvirus-Verdachtsfläche und gleichzeitig hohem Risiko durch Blattlauszuflug sind multiresistente Sorte zu bevorzugen. Hier gibt es erste Sorten, die überwiegend schon ein ansprechendes Ertragsniveau zeigen. Sie sind in diesen speziellen Anbausituationen definitiv zu empfehlen.
- Auf Standorten mit geringem oder moderatem Blattlausrisiko und ohne Gelbmosaikvirussymptome können nach wie vor Gerstensorten mit der »Basisausstattung« (BaYMV-1- und BaMMV-Resistenz) angebaut werden. Möglicherweise ist aber eine Insektizidbehandlung im Herbst einzuplanen.
Hier finden Sie eine Übersicht zu aktuell am deutschen Markt verfügbaren Wintergerstensorten mit zusätzlichen Virusresistenzen.
Saatgutmagazin Sommer 2025
Wie lässt sich trotz der Einschränkungen aus der Düngeverordnung noch Backweizen produzieren? Welche Sorten sind mit Blick auf die Fallzahlen besonders stabil? Wer durchblickt den Dschungel der Virusresistenzen bei der Gerste? Das sind nur einige der Themen aus dem aktuellen Saatgutmagazin. Außerdem stehen auch Sommerzwischenfrüchte und Raps im Fokus. Und nicht zuletzt die neuen Sorten bei Wintergetreide und Raps.
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