Kommt noch das große Gewitter?

 

Ackerbau. Nicht nur die Tierhalter durchleben derzeit das Wechselbad der Gefühle zwischen den (tatsächlichen oder angeblichen) Wünschen »der« Gesellschaft und der wirtschaftlichen Realität. Immer häufiger fragen sich auch Ackerbauern: Wann sind wir an der Reihe? Sind die Debatten um den Stickstoff, das Glyphosat, um Bienenschutz und Biodiversität womöglich nur die ersten Blitze vor dem ganz großen Gewitter? Ich meine: nein. Diese Blitze sind bereits das Gewitter. Anders als »die Massentierhaltung« hat »der intensive Ackerbau« als Ganzes kein Negativimage, bei dem – befeuert durch die Medien – automatisch Unwohlsein bei einem Teil der Bevölkerung aufkommt. Es gibt keine traumtänzerischen gesellschaftlichen Erwartungen, die – würde man sie alle erfüllen – am Ende zu einem verbreiteten Ausstieg aus der Produktion führen, weil nämlich weder Verbraucher noch Staat für die damit verbundenen Kosten aufkommen wollen und können. Sicherlich müssen Sie als Ackerbauer immer mal wieder einem Spaziergänger erklären, warum Sie gerade »Gift spritzen«. Aber schon die Frage nach der Gentechnik können Sie lächelnd beantworten – es gibt sie »draußen« nicht mehr. Jeder kann sehen, was Sie tun – ein Stall wirkt dagegen wie eine Burg. Pflanzen unterliegen zudem nicht dem »Mitleidsfaktor«, der die Bedürfnisse von Tieren so oft denen von Menschen gleichsetzt. Sicherlich können auch die Blitze, also die Forderungen in Richtung Stickstoff, Glyphosat, Bienen oder Biodiversität »brandgefährlich« sein. Treffen sie doch auf ein ausgereiztes und teilweise überreiztes Produktionssystem.Jeder einzelne Wegfall etwa eines Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffes kann so zur Gefahr für den Ertrag werden. Neue Ideen müssen deshalb her, aber vor allem alte Tugenden. Umso besser, wenn sie den Forderungen gesellschaftlicher Gruppen und den Notwendigkeitender Landwirte (z. B. mit Blick auf die zunehmenden Resistenzen) gleichermaßen gerecht werden. Den Schlüssel dafür erwähnen wir in den DLG-Mitteilungen nicht zum ersten Mal: mehr »Ackerbau«, weniger »Maßnahme«. Mehr langfristige »Vorsorge«, weniger kurzfristige »Reparatur«. Zahlen müssen Sie in beiden Fällen: jetzt oder später. Allerdings ist dieser Schlüssel eingerostet. Heutzutage funktioniert die Welt »von jetzt auf gleich«. Ein Denken in Zusammenhängen wird weder in der Schule gelernt noch auf der Hochschule trainiert. Wissen ist fragmentiert, Lösungen sucht man mit höchstens zwei Mausklicks über Google. Auch in betriebswirtschaftlichen Arbeitskreisen geht es bisher eher um die jährliche Optimierung der Ergebnisse als um einen längeren Zeitraum. Von dieser Art des Denkens wegzukommen, wäre ein wichtiger Blitzableiter für die Zukunft.

 

Thomas Preuße