Das Kerngeschäft nicht vergessen

 

Strategie. Schlagworte wie Tierwohl, Biodiversität oder Digitalisierung bestimmen die Diskussion innerhalb und außerhalb der Landwirtschaft. Sie umreißen den Rahmen, in dem Ackerbau und Viehhaltung künftig stattfinden – und deshalb muss sich jeder zukunftsorientierte Betriebsleiter damit beschäftigen. Es wäre aber ein Fehler, dies vor lauter Unsicherheit über das eigene Selbstverständnis schon für eine Strategie zu halten.

Die Landwirtschaft ist nicht die einzige Branche, die über sich selbst nachdenkt. Eine andere, etwas größere, ist die Autoindustrie. Bei der hatte man in den vergangenen Jahren manchmal den Eindruck, es gehe nicht mehr um vier Räder, Motor und Lenkrad, sondern vor allem um alternative »Mobilitätskonzepte« wie Carsharing (aus Furcht vor disruptiven Angeboten wie Uber), um das Auto als Googlemobil (aus Angst vor Tesla) oder um Elektroantriebe. All das stößt zumindest beim deutschen Kunden auf verhaltene Resonanz. Erinnert es nicht ein wenig an Precision Farming oder Tierwohlfleisch? Über beides wird auch mehr geredet, als dass es eine größere Rolle im Markt spielt.

Da ist es erfrischend, wenn – in Gestalt des neuen BMW-Chefs Oliver Zipse – ein Automanager zurück auf die Erde findet. Wie in der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« zu lesen war, will Zipse offensiv zurück zum Kerngeschäft. Ein Auto ist ein Auto. Übertragen auf landwirtschaftliche Betriebe hieße das: Weizen ist Weizen – und erst in zweiter Linie Welternährung oder Biodiversität.

Nochmals, damit kein Missverständnis entsteht: Autohersteller und Landwirte müssen sich natürlich und sogar verstärkt um veränderte gesellschaftliche Anforderungen kümmern. Es wäre nur fatal, wenn sie über diese Diskussion ihre eigentlichen Gewinnmotoren vernachlässigen. Ein Tesla gilt jenseits vom Prestige als miserables Auto. Wer parallel dazu Tierwohl oder Biodiversität über alles setzt, ist wahrscheinlich kein guter Landwirt. Nichts spricht jedoch dagegen, Erfahrungen damit zu sammeln, wo immer sich die Gelegenheit bietet. Das gilt auch für »Mehrwertstrategien« auf der Absatzseite. Sie werden gern als allgemein gültige »Lösung« präsentiert, sind aber oft sehr individuell.

Es klingt wenig originell, aber den meisten Landwirten kann man aktuell eigentlich nur die alte Strategie empfehlen: Fahrt auf Sicht, begrenzt das Risiko neuer Aktivitäten und behaltet vor allem Eure Kosten im Griff! Letzteres gilt – gerade nach einer Agritechnica – zunächst für Maschinen und Gebäude. Ab einer bestimmten Höhe tragen auch zusätzliche Pachtflächen nicht mehr zur Kostensenkung bei. Und man darf auch gern mal wieder an Kooperationen denken. In den alten Strategien ist oft mehr Musik, als man das zunächst erwartet.

 

 

 

Thomas Preuße