Zweifach angezählt

 

Die Ankündigung kam zunächst ganz harmlos daher, aber sie hat es in sich: Die KWS hat – zunächst nur für den Roggen – ein eigenes Netz an Versuchsstandorten aufgebaut, parallel zu den Landessortenversuchen (LSV). Schön, möchte man denken, lasst sie doch machen. Dahinter steht aber eine Strategie, die das  Sortenversuchswesen für Getreide und Raps in den kommenden Jahren revolutionieren wird.

Denn der deutsche Marktführer in Sachen Sorten & Saaten testet jetzt nicht etwa parallel zu den LSV, sondern bereits vorher, parallel zur Zulassung. Außerdem produziert er dazu bereits Saatgut und kann so eine in irgendeinem EU-Land zugelassene Sorte bereits im folgenden Jahr im großen Stil, untermauert mit regionalen Versuchsergebnissen, in den Markt drücken. Das hat Konsequenzen:

• Erstens drückt KWS damit die Konkurrenz schlicht an die Wand. Denn welcher Landwirt will nicht auf die neuesten Sorten zugreifen, zumal wenn diese bereits getestet sind, statt vier Jahre auf LSV-Ergebnisse zu warten? Den Vorsprung lässt sich keiner entgehen. Kein anderer deutscher Züchter kann derzeit aus eigener Kraft ein solches Versuchswesen aus dem Boden stampfen. Und bis sich die anderen Getreidezüchter zusammengetan und auf eine Kooperation geeinigt haben, vergehen Jahre. Der ein oder andere Züchter dürfte dabei ganz auf der Strecke bleiben.

• Der Vorstoß öffnet den Bundesländern die Tür, ihre ohnehin sinkenden Ausgaben für das Versuchswesen weiter zusammenzustreichen. Warum soll der Staat für etwas bezahlen, was die Züchter selbst tun? So gesehen nehmen die Einbecker vielleicht lediglich eine Entwicklung vorweg, die ohnehin – wenn auch schleichend – im Gange ist.

Die KWS gibt damit den Anstoß, das deutsche Versuchswesen neu auszurichten. Denn es bleibt ja nicht beim Roggen. Getreide und Raps werden folgen, das ist die logische Entwicklung. Die Länder können schneller als bisher ihre Versuchsstandorte und Leistungen zusammenstreichen. Die Versuchsergebnisse der Züchter werden wichtiger. Wie wir in unserem Titelthema im August 2014 schrieben: Marketing wird zur Kernkompetenz der Züchter.

Man mag die »Privatisierung« des Versuchswesens bedauern, aber ist sie wirklich schlimm? Bei Rüben und Kartoffeln spielten LSV noch nie eine Rolle, bei Mais laufen die EU-Sortenversuche des Deutschen Maiskomitee den LSV den Rang ab. Warum nicht auch mehr private Sortenversuche bei Raps und Weizen? Sofern die objektiv und mit den marktführenden Sorten (auch anderer Züchter) vergleichbar sind, kann man damit leben. Vielleicht sind sie gelegentlich auch praxisnäher.

 

Christian Bickert