Schockstarre

 

Glyphosat. Es ist mehr als vier Jahre her, da prangte auf dem Umschlag der DLG-Mitteilungen der Titel: »Zukunft für Glyphosat«? Damals wurden wir noch gefragt, was diese Frage eigentlich solle. Seit ein paar Tagen dürfte das nicht mehr passieren. Die Zukunft des Mittels ist ungewisser denn je. Jetzt lauten die Fragen: Wie konnte es dazu kommen? Und wie sähe ein Ackerbau ohne Roundup & Co. künftig aus?
Einfache Antworten gibt es weder auf die eine noch die andere Frage. Um mit der Ersten zu beginnen: Es können gesellschaftliche »Klimabedingungen« entstehen, die Politikern am Ende vernünftige Diskussionen und Abwägungen fast unmöglich machen. Die Atomkraft ist ein fast schon historisches Beispiel, die Flüchtlingskrise ein dramatisches und Glyphosat ein aktuelles aus der Landwirtschaft. Glyphosat ist aus verschiedenen Gründen (Monsanto, Gentechnik, Totalherbizid, angedichtetes Krebsrisiko, Einsatzumfang) das perfekte Opfer einer Kampagne. Wo Hysterie herrscht, greifen keine Differenzierungen mehr.
Die Landwirte oder jedenfalls einige von ihnen sind in diesem Spiel aber nicht nur Opfer. Sie haben der Hysterie zwar Argumente, aber keine »Risikovorsorge « entgegengesetzt. Warum auch – bei einem zugelassenen Mittel? Dessen fortgesetzt hoher Verbrauch und vor allem Vorernteanwendung dann zwar keinen realen, dafür aber umso mehr medialen und politischen Schaden anrichtete. Und wenn wir schon die Unfallursachen untersuchen: Etwas mehr Kompromissbereitschaft seitens des Landwirtschaftsministeriums bei den vom Umweltministerium schon länger geforderten Biodiversitäts-Auflagen, und Glyphosat wäre im März 2016 wahrscheinlich durchgewunken worden. Zugegeben: Hinterher ist man schlauer. Die Krise der SPD, aktueller Anlass für die Blockade in Brüssel, konnte wirklich niemand auf dem Schirm haben.
Im Moment herrscht weithin Schockstarre. Aber kampflos aufgeben gilt nicht! Noch ist Glyphosat nicht weg. Kurzfristige Zulassungsverlängerungen sind denkbar und (die Hoffnung stirbt zuletzt) auch eine veränderte Entscheidungssituation in Brüssel. Über die Zukunft kann man heute gleichwohl nur spekulieren. Sinnvoll ist sicherlich, schon jetzt die »Baustellen« im eigenen Betrieb zu checken: Was müsste ich grundsätzlich ändern, weil das Anbauverfahren ohne Glyphosat nicht mehr oder nur noch mit hohem Risiko funktioniert? Und was kostet das?
Ein Freibrief für nachlässigen Ackerbau darf das Glyphosat nicht mehr sein. Aber es ist umgekehrt zumindest als »Feuerwehr« bei vielem nützlich bis nötig, was wir als »guten Ackerbau « beschreiben – von der konservierenden Bodenbearbeitung über die Zwischenfrüchte bis zum Resistenzmanagement. Dies gilt es deutlich zu kommunizieren, damit man uns nicht in einigen Jahren mehr Erosion oder höhere CO2-Emissionen vorwirft. Wie heute niemand Atomkraft, aber auch keine Windräder mehr haben will.

 

Thomas Preuße