Label-Unsinn

 

Tierwohl. Nun also noch eins: Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt will ein freiwilliges staatliches Tierwohl-Label. Damit sollen »die Konsumenten künftig Produkte erkennen, bei deren Erzeugung höhere als die gesetzlichen Standards eingehalten wurden – und diese Information in ihre Kaufentscheidung einbeziehen.« Außerdem sagt er: »Produkte mit diesem Tierwohllabel müssen bezahlbar sein.«
Heißt auf deutsch: Es ist kein Geld da, um ein Mehr an Tierwohl umzusetzen. Die Verbraucher werden nicht dafür zahlen wollen oder jedenfalls nicht ausreichend. Die Landwirte wiederum können es nicht und werden daher gar nicht erst einsteigen. Effekt des Labels: mäßig.
An dem alten Tierschutz-Dilemma wird sich auch durch dieses neue Label überhaupt nichts ändern: Der Staat kann keine nationalen Tierschutz-Alleingänge durchsetzen, weil er so die Wettbewerbsfähigkeit ruiniert.
Und die Zahlungsbereitschaft für Fleisch aus Spezial-Tierhaltung ist, wenn´s ernst wird, sprich beim Einkaufen, nicht so dolle. Selbst wenn sich das erwartete  Marktpotential von 20 % (das vielfach überschätzt sein dürfte) erreichen ließe, wäre das nicht sehr üppig.
Berechtigte Kritik am staatlichen Label kommt auch von ganz anderer Seite: Die Verbraucherorganisation Foodwatch mahnt, das staatliche Label habe ebenso wie die von den Grünen favorisierte 0-1-2-3-Kennzeichnung (in Anlehnung an die Eiervermarktung) einen entscheidenden Haken: Es weist Haltungsformen aus, aber nicht die Tiergesundheit. Schließlich gebe es in großen wie kleinen, in konventionellen wie in Biobetrieben gesunde Tiere – oder eben auch nicht. Die Unterschiede zwischen den Betrieben seien erheblich – unabhängig vom Haltungssystem. Man brauche kein Label, sondern müsse objektive  Gesundheitsmerkmale, zum Beispiel am Schlachthof erfassen. Ein Label habe den Effekt, dem Verbraucher ein gutes Gefühl zu verpassen, die Gesundheit der Tiere stehe dabei nicht an erster Stelle. Und wenn man das zu erwartende Marktpotential berücksichtigt, gäbe es für die allermeisten Tiere durch das staatliche freiwillige Label überhaupt keine Verbesserungen. Treffender kann man das Problem nicht beschreiben.

Der einzige Weg ist und bleibt die Brancheninitiative Tierwohl (ITW). Nur so können möglichst viele Landwirte die Kosten für bessere Haltungsbedingungen stemmen. Ihre Reichweite ist viel überzeugender. Und es soll bei der ITW künftig einen Tiergesundheitsindex auf Basis von Befunddaten aus dem Schlachthof geben, um die Wirksamkeit der Tierwohlkriterien zu ermitteln. Auf den kritischen Verbraucher zu setzen – der ja zudem oft abenteuerliche Vorstellungen von guter Tierhaltung hat – wird nicht funktionieren. Eigentlich weiß man das doch längst. Viel besser ist es, ihm Tierwohl »unterzujubeln« – wie mit der ITW. Wenn Herr Schmidt sich im Wahljahr als Tierschützer engagieren will, spricht überhaupt nichts dagegen, mit den geplanten 70 Mio. € für das staatliche Label die Initiative Tierwohl zu sponsern.

 

Lisa Langbehn