Heuchlerischer Kompromiss

 

Mercosur. Ob Kanada, die USA, Mexiko oder Japan – die EU ist fleißig dabei, die Liste bilateraler Handelsabkommen zu verlängern. Doch seit TTIP wurde kein Abkommen so kritisch aufgenommen wie das jetzt mit dem Mercosur vereinbarte. EU-weit malen Agrarverbände Schreckensszenarien an die Wand: Die EU-Landwirtschaft werde als »Verhandlungsmasse« geopfert. Wenn aber zwei Drittel der EU-Exporte nach Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay Maschinen und Chemieprodukte sind, und umgekehrt gut 40 % der Mercosur-Lieferungen aus Agrar- und Ernährungsgütern bestehen, ist von vornherein klar, wo die jeweilige Seite Zugeständnisse machen muss.

Allein gegen den Abbau von EU-Zöllen und die angedachten Importkontingente für Rindfleisch, Ethanol, Zucker oder Geflügel zu wettern, geht daher am Kern der Sache vorbei – schließlich interessiert es hier auch niemanden, ob unsere zusätzlichen Exporte von Molkereiprodukten zulasten brasilianischer Erzeuger gehen.

Etwas anderes ist der Verweis auf unterschiedliche Produktionsweisen. In der EU gelten hohe Umwelt- und Sozialstandards. Die Themen Tierschutz, Klima, Pflanzenschutzmittelverbote und Insektensterben sind allgegenwärtig. In Südamerika spielt all das eine kleinere Rolle. In der Tierhaltung und im Pflanzenbau werden Mittel verwendet, deren Einsatz in der EU verboten ist. Die EU handelt heuchlerisch, wenn sie einerseits den EU-Eiweißpflanzenanbau voranbringen will (um letztlich Sojaimporte aus Südamerika zurückzufahren), im Gegenzug aber mehr andere Agrarerzeugnisse ins Land holt, deren Produktion bei uns so nicht gewollt ist. Diese Doppelmoral ist der tatsächliche Skandal.

 

 

Markus Wolf