Ein Plädoyer für mehr Gelassenheit

 

Umwälzungen. In den ersten Tagen des neuen Jahres kommt mir das Bild eines aufgeregten Hühnerhaufens in den Sinn: »Der Handel mit dem viertgrößten Absatzmarkt für deutsche Produkte ist in Gefahr«, heißt es von Börsenanalysten. Und der Bauernverband fordert schnell klare Regeln, weil er den Export von Agrargütern nach Großbritannien gefährdet sieht. Sie ahnen, es geht um den Brexit. Dass ein Austritt der Briten aus der EU für uns ein Nachteil ist (vor allem politisch), ein ungeregelter noch dazu, das leuchtet jedem ein. Aber ist das auch ein Grund für panisches Gerede? Jeder Wechsel in der Wirtschaftsordnung oder der Arbeitsweise bringt erst einmal Einbußen mit sich, für manche sogar existenzbedrohende. Am Ende wird aber der Handel mit den Briten weitergehen, bilden sich neue stabile Warenströme heraus. Oder glaubt ernsthaft jemand daran, dass die Briten wegen Zöllen oder Zollkontrollen keine Mercedes, Haribo oder Schweinehälften mehr bei uns kaufen? Wir sollten daher etwas mehr Gelassenheit walten lassen und nicht nervös den Teufel an die Wand malen.

Etwas mehr Pragmatismus stünde auch uns Landwirten gut an, beispielsweise wenn es um Glyphosat, den Zuckermarkt oder die Tierhaltung geht. Wer heute seinen Ackerbau auf Glyphosat ausrichtet, den trifft ein Verbot natürlich. Aber alternativlos ist das Mittel nicht. Es gab auch vor Glyphosat flächendeckend Landwirtschaft in Deutschland, und niemand wird seinen Betrieb aufgeben, nur weil ein Mittel verboten wird.
Das gilt auch für die Zuckermarktordnung. Ja, die Rübenanbauer befinden sich in einer sehr schmerzlichen Übergangszeit. Niedrigere Preise, Einschränkungen im Pflanzenschutz und Kampagnen gegen den Zuckerkonsum gefährden eine wichtige Säule des Betriebseinkommens oder reißen sie ganz ein. Aber das war absehbar und auch angekündigt, man konnte sich also darauf einstellen. Die Ausdehnung der Anbauflächen vor allem im Süden und der Mitte Deutschlands zeigt jedoch, dass die meisten Betriebe sich von der Rübe mehr versprechen als von Raps, Weizen oder Gerste. Nicht anders ist es bei der Ferkelkas­tration oder der Frage: Wohin mit der Gülle? Auch Tierhalter stehen vor teils herben Anpassungen. Die Umstellung im Stall oder die Anschaffung technischer Lösungen (etwa eines Gülleseparators) ist teuer und/oder nicht immer einfach. Aber sie ist möglich und wird von ersten Betrieben schon umgesetzt.

Ich will die Probleme keineswegs kleinreden oder gar verharmlosen. Aber nur klagen hilft nicht. Besser akzeptieren wir, was nicht zu ändern ist, und verwenden unsere Energie darauf, uns anzupassen. Etwas mehr Gelassenheit und ein nüchterner Blick auf die Rahmenbedingungen könnte uns allen dabei helfen.

 

Christian Bickert