01.11.2016

Tierwohl. Worüber reden wir eigentlich?

Der Kompoststall kommt dem Liegeverhalten der Kühe mehr entgegen als der Boxenlaufstall, muss aber sehr gut gemanagt werden.
Foto: Hoy

Nie zuvor wurde auch von Nicht-Fachleuten über Tierwohl so heftig diskutiert wie heute. Aber was bedeutet Tierwohl und welche Konsequenzen gibt es für die Praxis? Steffen Hoy berichtet.

Schnell gelesen:

  • Was Tierwohl ist, lässt sich weder einfach definieren und schon gar nicht einfach messen.
  • Der Laufstall für Kühe oder die Gruppenhaltung tragender Sauen sind Beispiele für Verbesserungen, die aber in der Gesellschaft kaum wahrgenommen werden.
  • Stattdessen werden immer wieder Veränderungen diskutiert, die aus Tierwohlsicht mitunter kritisch einzuordnen sind.

Kaum ein Beitrag oder eine Diskussion zu Fragen der Tierhaltung erfolgt heute ohne Erwähnung des Begriffes Tierwohl. Dabei ist zu bezweifeln, ob jeder, der darüber redet, auch weiß, was damit gemeint ist. Zugegeben: Es ist selbst für Wissenschaftler nicht einfach, eine klare Definition vorzunehmen, da Begriffe, wie Tiergerechtheit, Tierwohl, Wohlergehen, Wohlbefinden, Artgerechtheit, Tierschutz und andere oft sehr unkritisch verwendet werden. Hinzu kommt eine starke emotionale Komponente bei der Tierwohl-Debatte vor allem bei Nicht-Fachleuten.
Nach fachlich anerkanntem Verständnis kann Tierwohl weitgehend mit Tiergerechtheit (im englischen Sprachgebrauch »animal welfare«) gleichgesetzt werden. Tiergerechtheit bezieht sich dabei auf Tiergesundheit, arttypisches (Normal-)Verhalten sowie Wohlbefinden als Zielgrößen und bezieht die Beurteilung der Haltungsumgebung und des Managements ein. Wohlbefinden ist dabei mehr als die Abwesenheit von Schmerzen, Leiden und Schäden. Während Tiergesundheit und arttypisches Verhalten schon seit längerer Zeit anhand objektiver Kriterien beschrieben werden können, steht die Untersuchung des Wohlbefindens (und damit von Empfindungen) erst am Anfang einer wissenschaftlichen Definition.

Wichtig sind damit Indikatoren, die die Tiergerechtheit charakterisieren. In unserer Arbeitsgruppe wurde eine Rangfolge der Indikatoren für Tierwohl definiert:

  • Eine niedrige (möglichst natürlich keine) unvermeidbare Mortalität.
  • Eine geringe unvermeidliche Erkrankungshäufigkeit. Dies schließt möglichst geringe Prozentsätze von Krankheiten wie auch das weitgehende Freisein von Verletzungen und anderen vermeidbaren Schäden ein.
  • Physiologische Kenngrößen, wie z.B. die Konzentration von (Stress-)Hormonen, Herzfrequenz und immunologische Reaktionen. Die technische Schwierigkeit besteht darin, dass diese Indikatoren zumeist nicht »vor Ort«, also im Stall, erfasst werden können, sondern aufwendige Laboruntersuchungen erfordern.
  • Verhaltensparameter: Wenn das arttypische Normalverhalten von Tieren bekannt ist, können Untersuchungen Auskunft über Abweichungen bis hin zu Störungen als Ergebnis einer nicht adäquaten Haltungsumgebung geben.
  • Leistungsdaten: täglicher Lebendmassezuwachs, Futterverwertung, Fruchtbarkeit. Hohe Leistungen allein sind dabei kein Hinweis auf ein hohes »Tierwohl-Niveau«, wie viele Landwirte meinen. Eine geringe Leistung bei vorhandener genetischer Veranlagung weist aber auf Probleme bei der Umweltgestaltung hin.

Für die Haltung von Rindern und Schweinen bedeutet dies:

  • Keine höhere als eine unvermeidbare Verlustrate (Mortalität),
  • unverletzte Körper und ein guter Gesundheitszustand (nicht mehr als unvermeidbare Erkrankungsfälle),
  • ein artspezifisches Verhalten,
  • eine körperliche Entwicklung der Tiere entsprechend Alter und Geschlecht sowie
  • Leistungen im Normbereich der Art oder Rasse.

Nicht konform mit Tierwohl-Anforderungen sind Haltungen, in denen Verletzungen (Schäden), Schmerzen und vermeidbare Leiden bei den Tieren auftreten, die durch eine notwendige Pflege und gesundheitsprophylaktische Maßnahmen (Impfung, Behandlung, Hygiene) hätten vermieden werden können.

Mit Blick auf das Tierwohl haben sich die Bedingungen in den Ställen in den vergangenen Jahren schon deutlich verbessert. Sei es die Gruppenhaltung tragender Sauen oder der weite Einzug des Boxenlaufstalls in der Milchviehhaltung. Diese Verbesserungen werden von Nicht-Fachleuten aber in den wenigsten Fällen registriert und anerkannt. Stattdessen werden immer wieder Dinge gefordert, die zusätzliche Probleme für das Tierwohl nach sich ziehen können, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Rinderhaltung

Raus aus dem Anbindestall – rein in den Laufstall. Dieser Megatrend ist eine deutliche Verbesserung für das Tierwohl, da die Kühe sich im Laufstall frei bewegen und ihr natürliches Verhalten weitgehend ausleben können. Auch die Entwickung hin zu immer luftigeren und hellen Ställen kommt den Bedürfnissen der Tiere immer näher. Auch wenn aus Tierwohl-Sicht vor allem die Anbindehaltung in der Kritik steht, scheiterten bisher die Initiativen, diese nach einer zwölfjährigen Übergangszeit zu verbieten. Weitere Themen, die in der Diskussion stehen, sind vor allem das Enthornen der Kälber, aber auch die Verbesserung der Tiergesundheit in den bestehenden Laufställen.

Enthornen

Behornte Rinder sind eine Verletzungsgefahr für die Tierhalter. Nach Angaben der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) wurden im Jahre 2013 fast 10200 Unfälle mit Rindern gemeldet. Viele davon passierten beim Melken (24,7%), gefolgt vom Umgang mit Rindern (20,7%). Es gab 149 Angriffe auf einen Menschen, vier dieser Angriffe endeten tödlich. Die landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften empfehlen daher ausdrücklich das Enthornen als »gebotene Maßnahme« des Arbeitsschutzes.
Auch aus Sicht des Tierschutzes ist das Enthornen zu begründen (§ 6 Abs. 1 Nr. 3 TierSchG). In Herden horntragender Kühe treten Verletzungen auf wie Blutödeme im Bauch- und Flankenbereich sowie Rippenbrüche als Folge von Rangordnungskämpfen. Belastbare Daten dazu fehlen allerdings. Dennoch können wir festhalten, dass der Schutz und das Wohlbefinden der Rinder das Enthornen der Kälber rechtfertigen. Nach dem Tierschutzgesetz ist eine Betäubung unter sechs Wochen alter Kälber beim Enthornen nicht notwendig. Zur Schmerzlinderung beim Enthornen sollte Kälbern aber neben einem Präparat zur Beruhigung (Sedation) zusätzlich ein Entzündungshemmer verabreicht werden. In einigen Bundesländern oder von verschiedenen Molkereien wird dies bereits verlangt. Langfristiges Ziel bleibt die Zucht auf Hornlosigkeit, die in der Vergangenheit bereits erhebliche Fortschritte gemacht hat, die aber noch einen längeren Zeitraum benötigt. Diskutiert wird über einen Zeithorizont von mindestens 20 Jahren.

Kompostierungsstall

In der Laufstallhaltung ist die zu hohe Quote an Klauenerkrankungen besonders problematisch. Schätzungen zufolge beträgt die Häufigkeit für Lahmheiten in der EU etwa 25%. Das bedeutet, rund 5 Mio. Kühe sind von Klauenerkrankungen betroffen. Aus Tierwohl-Gründen muss demzufolge die Fußbodengestaltung in Verbindung mit einer regelmäßigen Klauenpflege und einem sehr guten Management (z.B. regelmäßiges Entmisten) stärker beachtet werden.
Alternative Haltungssysteme wie der Kompostierungsstall bieten hierzu einen sehr guten Ansatz. Dabei stehen die Tiere auf einer rund 40 cm tiefen Einstreumatratze, in die die Exkremente eingetragen werden. Der Kompostierungsstall besitzt bei den Kriterien Tiergerechtheit und Sauberkeit Vorteile: Die Kühe sind weniger verschmutzt und weisen geringere Läsionen als im Tiefboxen-Laufstall auf. Auch beim Verhalten überwiegen die Vorzüge – selbst gegenüber einem Laufstall mit Tiefboxen. Die Kühe legen sich in das weiche Einstreusubstrat signifikant schneller ab, sie stehen zügiger auf und zeigen häufiger arttypische Liegepositionen. Somit führt dieses Haltungssystem zu mehr Tierwohl.
Zu Eutergesundheit und Milchleistung fehlen noch belastbare Daten, bisher gibt es allerdings keine Hinweise auf eine Verschlechterung. Nach unseren Untersuchungen geht kein unmittelbares lebensmittelhygienisches Gefährdungspotential von Kühen im Kompostierungsstall unter dem Aspekt einer möglichen Anreicherung hitzeresistenter, sporenbildender Mikroorganismen in der Milch aus. Dennoch muss die Keimzahl beachtet werden. Die täglich mindestens zweimalige tiefwendende Kompostpflege ist unbedingt zu gewährleisten. Bei den Baukosten ist durch den großen umbauten Raum je Kuh keine wesentliche Einsparung im Vergleich zum Liegeboxen-Laufstall zu erwarten. Wenn die hygienischen Bedenken ausgeräumt werden können, werden entscheidend die Fragen nach der Verfügbarkeit und den Kosten eines geeigneten Einstreumaterials (z.B. Getreideausputz) sein. Der Kompostierungsstall ist damit ein Beispiel dafür, wie den Vorteilen aus der Sicht des Tierwohles zugleich Nachteile aus der Sicht von Arbeits- und Betriebswirtschaft sowie möglicherweise Hygiene gegenüberstehen.

Schweinehaltung

Die markanteste Veränderung bei den Schweinen war bisher das Verbot der Einzelhaltung tragender Sauen zwischen dem 29. und 108. Trächtigkeitstag, was zu gravierenden strukturellen Veränderungen in Deutschland geführt hat. Bei der Haltung konzentriert sich die Tierwohl-Diskussion auf den Besamungs- und Abferkelbereich und beim Management auf den Verzicht der betäubungslosen Kastration und des Kupierens der Schwänze.

Besamungsstände

Gegenwärtig gibt es massive Bestrebungen, die Haltung güster und tragender Sauen im Besamungsstand zu verändern. Bislang galten die nach den Ausführungsbestimmungen zur Tierschutz-Nutztierhaltungs-Verordnung festgelegten Maße als tiergerecht und praxistauglich (für Jungsauen: 200 x 65 cm, für Altsauen: 200 x 70 cm lichtes Maß). Nach dem Urteil des OVG Magdeburg sollen Sauen beim Liegen die Beine in die Nachbarbucht ausstrecken können (»ungehindert liegen können«). In der Konsequenz könnte es dazu kommen, dass jeder zweite Stand leer bleiben muss. Einzelne Bundesländer und Veterinärämter verlangen deutlich breitere Maße (85 bis 95 cm breite Stände für Altsauen).
Verhaltensuntersuchungen ergaben, dass trotz vermeintlich zu enger Besamungsstände (70 cm) bei Einzelhaltung die Sauen in 51 % aller Fälle in Seitenlage lagen, in Gruppenhaltung waren es 42 %. Das Liegen in Seitenlage gilt als Position der völligen Entspannung. Insofern kann aus den vorliegenden Ergebnissen zum Liegeverhalten von Sauen in Besamungsständen auf keinen Fall geschlussfolgert werden, dass diese Stände nicht verhaltenskonform oder gar tierschutzwidrig seien.
In einem Betrieb, der nach Verlangen des Veterinäramtes die Besamungsstände 85 bis 95 cm breit einrichten musste (Altsauen), kam es zu einem starken Anstieg der Verletzungshäufigkeit mit Läsionen an Schwanz, Nase oder Ohren. Insgesamt 63 % der bonitierten Sauen waren mittelgradig bis schwer verletzt. Von 1 680 abgesetzten Sauen mussten im Zeitraum vom 1. Mai bis 19. November 2015 insgesamt 1,8 % aufgrund von Vorderbeinbrüchen und 3 % wegen Beinverletzungen in den breiten Kastenständen notgetötet werden. Damit wurde jede Woche im Durchschnitt mindestens eine Sau wegen einer Vorderbein-Fraktur notgetötet. Das lässt nur eine Schlussfolgerung zu: »Gut gemeint ist nicht gut gemacht«. Der zu breite Stand ist eindeutig tierschutzwidrig.

Freilauf für die Sau darf nicht zu deutlich höheren Erdrückungsverlusten führen.
Foto: bütfering

Freies Abferkeln

Für den Abferkelstall wird die Haltung von Sauen in Bewegungs- oder Freilaufbuchten heftig diskutiert. Es wird behauptet, dass die Haltung im Kastenstand bei den Sauen zu Schmerzen, Leiden, Schäden oder schwerer Angst führen würde. In Untersuchungen wurden aber keine signifikanten Unterschiede in der Herzfrequenz und der Herzschlagvariabilität zwischen den Sauen in Freilaufbucht oder Kastenstand nachgewiesen. Von 26 im internationalen Schrifttum vorliegenden Untersuchungen (darunter 24 Vergleichsstudien) kamen 23 zu dem Ergebnis, dass bei der Haltung von Sauen ohne Ferkelschutzkorb höhere Verluste als bei der Aufstallung der ferkelführenden Sauen im Kastenstand auftraten. Lediglich in drei Untersuchungen wurde ein umgekehrtes Ergebnis (höhere Ferkelverluste bei Kastenstandhaltung) oder kein Unterschied gefunden – bei einem generell hohen Niveau der Ferkelsterblichkeit.

Es gibt verschiedene Ansätze, Abferkelbuchten weiterzuentwickeln, sodass sie den Ansprüchen von Sau, Ferkeln und Tierbetreuern entsprechen. Dabei muss grundsätzlich zwischen Freilaufbuchten ohne -Fixierung der Sau und Bewegungsbuchten mit Ferkelschutzstand zur zeitweiligen -Fixierung der Sauen unterschieden werden. Dazu gibt es mindestens 13 Prototypen an Bewegungsbuchten und 5 Prototypen an Freilaufbuchten auf dem Markt. Neuere Untersuchungen in Thüringen an 168 Jungsauen-Würfen mit etwa 2200 Ferkeln ergaben Ferkelverluste von rund 11%, wenn in der Bewegungsbucht der Stand ständig geschlossen blieb (klassischer Kastenstand). Die Verluste stiegen auf 13%, wenn der Stand nach 14 Tagen geöffnet wurde, und auf knapp über 13%, wenn die Sau ab dem siebten Lebenstag der Ferkel Bewegungsfreiheit hatte. In unseren Untersuchungen waren die Verluste in den Bewegungsbuchten etwa 2% und in den Freilaufbuchten um etwa 7% höher als im Kastenstand (bei bislang aber jeweils erst 9 bzw. 10 Würfen). Problematisch ist besonders, dass einige wenige Sauen in den Freilaufbuchten fünf oder mehr Ferkel ihres Wurfes erdrückt haben.

Die Freilaufbucht könnte aus der Sicht des Tierwohls für die Sau (Ermöglichen des Nestbauverhaltens) Vorteile haben. Der Schutz des Lebens der Ferkel ist gegenüber der kurzen zeitlichen Fixierung der Sau aber eindeutig das höhere Tierwohl-Gut. Die Entwicklung von Bewegungs- oder sogar Freilaufbuchten muss mit der Zucht auf Mütterlichkeit kombiniert werden. Neben dem Tierschutz muss aber auch der Arbeitsschutz beachtet werden, denn es darf nicht sein, dass die Zahl an Bissverletzungen oder Ähnlichem bei den Tierbetreuern deutlich zunimmt.
Im Übrigen wurde die Diskussion um die Fixierung der Sau in der Abferkelbucht bereits vor mehr als 60 Jahren geführt: »Der Wert des Abferkelkäfigs liegt für die Praxis darin, dass er bei Arbeitsersparnis das Ferkelerdrücken nahezu vollständig ausschließt. Man muss diese Frage unter dem Gesichtspunkt prüfen, ob wir es uns leisten können, auch weiterhin rund ein Fünftel aller Ferkel durch die Sauen erdrücken zu lassen«, heißt es in dem Buch  »Neuzeitliche Viehhaltung und Tierheilkunde« von 1954.

Management

Intensive Tierwohl-Debatten werden um den Verzicht auf das Kürzen der Schwänze und die betäubungslose Kastration männlicher Ferkel geführt. Nach §§ 5 und 6 TierSchG gilt das Verbot des Kürzens des Schwanzes nicht, wenn der Eingriff im Einzelfall nach tierärztlicher Indikation geboten ist. Einzelne Bundesländer wollen bereits 2016/17 auf das Kupieren der Schwänze verzichten, ohne dass eine praktikable und sichere Prävention und Intervention bekannt ist. Schwanzbeißen lässt sich nicht provozieren und nicht prognostizieren und tritt auch in sehr reichhaltiger, strukturierter Umgebung auf (z.B. Kompoststall, ökologische Tierhaltung, Freilandhaltung). Wenn also die Haltung von »Langschwanz«-Ferkeln politisch durchgesetzt wird, ohne eine erprobte Vorbeuge- und Behandlungsstrategie zu haben, führt das nicht zu mehr, sondern eindeutig zu weniger Tierwohl in der Schweinehaltung.

Anders stellt sich das Problem beim Verzicht auf die betäubungslose Kastration dar. Das Verbot dieser Maßnahme zum 1. Januar 2019 ist beschlossen. Einige Handelsunternehmen (Rewe, Edeka Südwest, Aldi Nord und Aldi Süd) wollen ab 2017 (also zwei Jahre früher!) kein Fleisch von betäubungslos kastrierten Schweinen mehr abnehmen. Die nichtchirurgischen Alternativen Spermasexing und Zucht auf geringen Geschlechtsgeruch werden in den nächsten Jahren nicht praxisreif sein. Als mögliche Verfahren zur Umsetzung der Vor-gaben sind die Ebermast, die Immunokastration sowie die Betäubung unter Isofluran zu nennen. Nach Arzneimittelrecht wird es keine generelle Umwidmung von Isofluran geben. Die Anwendung erfolgt somit durch Umwidmung als Einzelfall-entscheidung des Tierarztes, wodurch aus Praktikabilitätsgründen der Einsatz in größeren Ferkelerzeugerbetrieben unwahrscheinlich ist. Der Königsweg könnte die Immunokastration sein, wobei sich Schlacht- und Verarbeitungsunternehmen hartnäckig weigern, immunkastrierte Eber zu schlachten und zu verarbeiten.

Bei der Ebermast müssen die Anforderungen an Haltung und Management, Futterration, Genetik, Sauberkeit, Gruppengröße, Endgewicht etc. angepasst werden. Das Nadelöhr stellt die Prüfung auf Geruchsabweichungen (bei rund 30 Mio. intakten männlichen Mastschweinen pro Jahr in Deutschland) dar. Eine automatische Geruchsbestimmung hat bisher nicht funktioniert und wird auch zukünftig nicht funktionieren können, da der Geruch eine subjektive Wahrnehmung des Menschen ist. Aus der Sicht der Ferkel und auch der Ferkelhalter könnte der Verzicht auf die chirurgische Kastration ein Vorteil sein. Die Kastrationswunde ist nämlich immer auch eine Eintrittspforte für Krankheitskeime. Allerdings wird bei den unkastrierten Tieren gelegentlich über Penisbeißen berichtet.
Insgesamt sind somit noch viele Fragen beim Kastrationsverzicht offen. Die Bundesregierung sieht jedoch die Wirtschaft gefordert, den Umstellungsprozess weg von der betäubungslosen Ferkelkastration zu vollenden – eine sehr problematische Position angesichts der beschriebenen Schwierigkeiten.

Prof. Dr. Steffen Hoy, Institut für Tierzucht und Haustiergenetik, Universität Gießen

Aus DLG-Mitteilungen 11/16. Den vollständigen Artikel finden Sie hier.

Ihr Kontakt zur Redaktion:
k.heil@dlg.org