08.06.2016

Milchkrise – Wir drehen uns im Kreis

Die Milchmenge muss runter. Aber wer fängt damit an?
Foto: Landpixel

Die Situation auf dem Milchmarkt ist festgefahren. Wenn nicht bald etwas passiert, geht vielen Betrieben die Puste aus. Theo Göbbel analysiert die Situation und diskutiert mögliche Lösungen.

Schnell gelesen

  • Der Bundestag hat eine Änderung des Agrarmarktstrukturgesetzes versprochen. 
  • Damit werden bis Mitte 2017 freiwillige Vereinbarungen von Lieferanten mit u.a. Genossenschaften möglich.
  • Die Andienungspflicht bleibt allerdings bestehen. 
  • Ob das den Preisen hilft ist strittig.
  • Wie lässt sich eine Mengenbegrenzung marktwirtschaftlich bewirken?

Die derzeitige Situation auf dem Milchmarkt ist verfahren. Das Ende der Milchquote kam zwar keinesfalls überraschend, aber die Erwartungen waren zu groß, sowohl bei den Milcherzeugern als auch bei den Molkereien. Die meisten Landwirte freuten sich auf den freien Markt und die Möglichkeit, in Zukunft ohne Quotenbeschränkungen produzieren zu können. Und auch die Molkereien hatten bereits zwei Jahre vor dem Auslaufen der Quote verkündet, alle Milch ohne Wenn und Aber abnehmen zu wollen. Wie man sieht, war das ein Fehler. Jetzt kommt alles zusammen: Der Rückgang der Nachfrage nicht nur in China, der Exportstopp in Russland, der niedrige Ölpreis, sodass vielen Ländern die Einnahmen aus dem Ölgeschäft fehlen, um weiterhin teure Nahrungsmittel importieren zu können.  Trotzdem steigt das Angebot vor allem in der EU und das bei immer niedrigeren Milchpreisen. Anscheinend stehen die Marktgesetze Kopf.

Auf dem Milchmarkt gab es auch schon in der Vergangenheit große Schwankungen. Heute kommen sie aber immer schneller, und die Ausschläge sind immer größer mit kurzen, kräftigen Hochs und langen, tiefen Tälern. Seit 2009 und 2012 ist dies jetzt die dritte Milchkrise. Wann das Tal durchschritten ist, ist derzeit sehr ungewiss. Reflexartig wird daher wieder einmal nach der Politik gerufen und um Zuschüsse und staatliche Hilfen
»gebettelt«. Auf der anderen Seite gibt es bei den Molkereien und den Verantwortlichen im Ehrenamt und in den Verbänden ein ziemliches Beharrungsvermögen, insbesondere was die Frage der Lieferbeziehungen angeht. Die Stimmungslage ist fast ähnlich wie seinerzeit bei der Einführung der EU-Milchquoten. Die Politik wird getrieben. Besser wäre es, wenn die Marktbeteiligten, die Milchlieferanten und ihre Vertreter in den Molkereien, den Markt selbst gestalten.

Dazu gehört auch, über künftige Mengen nachzudenken. Denn steigen die Preise wieder, wächst die Menge erst recht. Bei 30 Ct und mehr geben alle erst richtig Gas, um die finanziellen Löcher zu stopfen. Wenn dann die Nachfrage auf dem Weltmarkt nicht gleichzeitig wieder deutlich ansteigt, drückt die Milchmenge den Preis erneut. Nachfolgend acht Punkte zur Situation und zu möglichen Lösungen. 

 

1. Der Markt wird es richten – aber mit extremen Auswirkungen. Jeder Betrieb hat seine eigene »Schmerzgrenze«. Sicherlich werden irgendwann Angebot und Nachfrage wieder einigermaßen ins Gleichgewicht kommen, möglicherweise werden die Preise sogar »über Nacht« ansteigen und eventuell sogar schneller und höher als gedacht. Aber bis dahin geht vielen die Luft aus. Spätestens seit Anfang 2016 ist es selbst bei gut wirtschaftenden und erfolgreichen Betrieben finanziell eng. Auch die Besten benötigen derzeit, trotz gesunkener Futterkosten, niedriger Dieselkosten und niedrigen Zinsen, etwa 30 Ct/l, um liquiditätsmäßig über die Runden zu kommen. Damit sich auch Neuinvestitionen rechnen und die eingesetzte Arbeitszeit halbwegs gut verwertet wird, ist sogar mehr notwendig.

 

2. Einzelne Molkereien ertrinken in Milch. Das Fass droht überzulaufen. Viele versenden »Brandbriefe« und bitten die Landwirte, nicht so viel zu liefern – wie die Berchtesgardener Molkerei in Bayern. Im Norden droht Frischli den Landwirten offen damit, dass sie demnächst nur noch 19 Ct/l Grundpreis bekommen könnten.

Das einzige Problem, das anscheinend derzeit alle Verarbeiter lösen wollen ist, über die Menge frühzeitig Bescheid zu wissen. Doch das ist völlig unverbindlich. Der Landwirt muss jeden Monat seine Lieferabsicht ins Internet stellen, ansonsten verliert er Bonuspunkte bei der Nachhaltigkeitsberechnung. Dann wird aus einem möglichen Bonus ein Malus – also ein Abzug von Milchgeld.

In den Niederlanden war durch die drohende Phosphatbegrenzung das Milchangebot Ende 2015/Anfang 2016 so groß, dass FrieslandCampina von sich aus wegen kurzfristig knapper Verarbeitungskapazität die Menge beschränkte. Leider nur für sechs Wochen. Besser wäre das Marktsignal gewesen, die Begrenzung noch einige Zeit fortzuführen, möglicherweise sogar bis in den Herbst 2016 hinein. Dann hätte die eine oder andere Molkerei wahrscheinlich nachgezogen. Aus Molkereisicht ist es zweifellos verständlich, dass man teuer angeschaffte Anlagen auslasten will. Wie das Beispiel DMK zeigt, wurde kräftig investiert. Dieses Geld fehlt nicht nur, sondern muss über den Milchpreis finanziert werden. Ein Teufelskreis, wenn auf breiter Front alle Milchverwertungslinien gleichzeitig unter Druck geraten.

 

3. Die Größe der Molkerei allein bringt auch keine besseren Preise, auch das zeigt das Beispiel DMK. Und zwar selbst bei abgeschlossener Umstrukturierung  und guter Organisation. Zu befürchten ist, dass selbst bei der einzigen »deutschlandweiten Molkerei AG« der Lebensmittelhandel immer noch eine Nasenlänge voraus ist. Und die goldenen Zeiten der Exportgewinne sind wahrscheinlich auch vorbei. Aber trotz immer niedrigerer Preise bewegt sich bei vielen Molkereien bisher kaum etwas. Beim DMK gab es zum Beispiel im Frühjahr eine außerordentliche Mitgliederversammlung, aber die Initiatoren haben keine Mehrheit gefunden, sodass die derzeitige Marschrichtung weiter fortgesetzt wird. Etwa 500 Landwirte haben gekündigt und hoffen, in zwei Jahren eine neue Molkerei zu finden. Doch die Alternativen sind dünn gesät. Die Zahl der Molkereien nimmt ständig ab, sodass es in manchen Regionen kaum noch eine Möglichkeit gibt, die Milch an andere Verarbeiter zu verkaufen. Das gilt selbst für ostdeutsche Betriebe mit großen Strukturen. Nur wer nahe an der Autobahn wohnt, kann z. B. aus Thüringen jeden Tag einen Lkw voll Milch nach Bayern liefern, hat allerdings etwa 1 bis 2 Ct höhere Transportkosten je Liter Milch.

 

4. Ein gewaltiger Strukturwandel bei den Milchproduzenten steht an. Über Jahrzehnte gab es einen »gesunden« Strukturwandel von etwa 3 % pro Jahr. Man darf aber auch nicht vergessen, dass zu hohe Milchpreise auch nicht nur Gutes  bringen. Wenn jeder ohne Schwierigkeiten mit der Milchproduktion Geld verdient, »drucken die Top-Betriebe Geld«, und sogar fremde Kapitalanleger investieren in die Milchproduktion – so wie in Neuseeland. Zurzeit ist der Strukturwandel gewaltig. Auch große Betriebe stellen die Milchproduktion ein, sofern sie alternative Einkommensmöglichkeiten haben. Auf der anderen Seite stockt die Modernisierung bei den Kleineren. Immer mehr Landwirte verlieren die Freude am Melken. Mancher trauert sogar den Quoten hinterher und ärgert sich, dass er seine nicht zum Schluss für 14 Ct/l verkauft hat.

 

5. Bei Genossenschaftsmolkereien wird von vielen Landwirten das bestehende Liefermodell mit 100% Andienungspflicht und 100% Abnahmegarantie infrage gestellt. Stattdessen sollten feste Vertragsmengen vereinbart werden. Die Privatmolkereien können schon jetzt eigene Wege gehen, aber wenn der Milchpreis überall im Gleichklang schwankt und jetzt gleichmäßig tief fällt, ist die Milch bei den Molkereien nur ein durchlaufender Posten. Unglücklicherweise haben sich in den letzten Jahren bei den Milchbauern auch »Preisabsicherungen« und Referenzpreise, wie zum Beispiel »AMI-Nord« ­etabliert. Das sorgt zusätzlich für Druck nach unten – selbst bei FrieslandCampina in Köln. Denn durch die Vergleichsmolkereien mit niedrigen Preisen wird auch der eigene Preis nach unten gerechnet. Leider gilt dies auch für Deutschlands größte Molkerei. Statt Leuchtturm zu sein, freuen sich andere Molkereien, wenn das DMK die Preise von Monat zu Monat absenkt.

 

6. Bei den Biomolkereien ist die Situation eine etwas andere. Es braucht in der Regel zwei Jahre, bis ein Betrieb auf Bio umgestellt hat, die Produktionskosten sind deutlich höher und die geeigneten Biokühe und -färsen sind nicht ausreichend verfügbar. Um mehr Milch zu bekommen, bezahlen sie derzeit 20 bis
25 Ct über dem Grundpreis für konventionelle Milch. Deshalb denken viele über den Umstieg auf Bio nach. Das geht so lange gut, bis auch dieser Markt kaputt ist.

 

7. Die Preissignale müssen so gesetzt werden, dass Überproduktion nicht nur nicht lohnt, sondern wehtut. Es kann nicht sein, dass jeder Liter Milch, der zusätzlich angeliefert wird, zum gleichen Einheitspreis bezahlt wird. Marktkonformer wäre eine Differenzierung des Preises nach Art der Verwertung. Jeder weiß, dass es in einer Molkerei unterschiedliche Produktlinien gibt, angefangen bei der Kondensmilch über Käse, Trinkmilch bis hin zu den verschiedenen Pulversorten, Kasein und Molke. Die einen haben derzeit je Liter Rohmilch eine Verwertung von 30 Ct, die anderen von nur 15 Ct. Natürlich muss eine Molkerei auch Luft haben, um mengenmäßige und technische Schwankungen abzupuffern. Aber warum denkt man nicht darüber nach, dass eine Molkerei die ungünstige Verwertung eine Zeit lang »stilllegt« und sich mehr auf die gewinnbringendere konzentriert? Hier ist natürlich jedes Unternehmen anders aufgestellt. Aber es könnte im Ergebnis dazu führen, dass man nur eine Menge von – sagen wir – 90 % wirtschaftlich sinnvoll verwerten kann. Dann könnte man den Milch liefernden Landwirten das Angebot machen, nur 90 % der derzeit angelieferten Mengen zu einem festen Preis abzunehmen. Das würde bedeuten, die Molkerei schließt mit jedem Landwirt einen individuellen Vertrag über seine Menge. Wer mehr liefert, muss gleichzeitig wissen, dass diese Mehrmenge zwar abgenommen wird, aber mit dem auf dem Markt tiefsten Preis, beispielsweise zu einem Spotmarktpreis von 10 Ct, vergütet wird. Also ein ähnliches Modell wie in der Zuckerwirtschaft, wo nicht nur nach A-, B- und C-Rüben, sondern auch nach Überrüben unterschieden wurde.

Die Erfahrung als Berater in sehr vielen Betrieben zeigt, dass selbst große Lieferanten für diese Idee aufgeschlossen sind. Außer denjenigen, die ihren neu gebauten Stall noch nicht voll haben und deren Fläche noch nicht begrenzt ist. Für diese Wachstumsbetriebe muss die Molkerei eigene »Spielregeln« vorgeben.  In anderen Betrieben ist der Stall überbelegt. Von jeder Kuh wird der letzte Liter Milch ermolken und nachher jeder Kubikmeter Gülle teuer entsorgt. Diese Betriebe wären froh, wenn sie etwas entspannter wirtschaften könnten und für 90 % der Menge annähernd das gleiche Milchgeld bekämen. Natürlich hat die Molkerei höhere Festkosten, weil einzelne Anlagen nicht ausgelastet oder sogar zeitweise stillgelegt sind. Möglicherweise haben einzelne Erzeuger ebenfalls höhere Kosten, weil sie neu gebaute Ställe nicht ganz vollmachen können. Aber wenn erst mal einer beginnt, würden die anderen zunächst abwarten, irgendwann aber alle dabei sein. Auch wenn der Teufel im Detail steckt, sollte man bei der derzeitigen Lage offen für andere Wege sein.

 

8. Die Menge muss runter, wer aber fängt damit an? Nach Möglichkeit sollten die Marktbeteiligten selbst versuchen, die Menge zu begrenzen, ohne dass sich die Politik einmischt. Wenn diese allerdings meint, sie sollte einen Teil dazu beitragen, dann könnte sie eine »Abwrackprämie« für Übermilch mitfinanzieren. Ein Zuschlag von 1 oder 2 Cent je ­Liter Milch entsprechen etwa 30 Mio. €, bei 5 oder 10 % der deutschen Menge. Allerdings ist eher unwahrscheinlich, dass Geld für einen solchen Zweck tatsächlich bereitgestellt wird.

Dr. Theo Göbbel, Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, Bonn

Aus DLG-Mitteilungen 6/2016. Den vollständigen Artikel als pdf-Datei finden Sie hier.

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