24.11.2016

Leserbrief. Seid stark, liebe Landwirt!

Zum Titelthema 11/16 erreichte uns dieser Leserbrief.

Den Skandalen zum Trotz: die Berichterstattung über Landwirtschaft ist keineswegs einseitig negativ. Ob es um Erntedank geht oder Kochrezepte, um Landleben oder Milchpreise, um Hoffeste im Lokalteil oder Ernteschätzungen im Wirtschaftsteil. Ein großer Teil der Berichterstattung ist für die Landwirtschaft positiv. Dies wird interessanterweise auch innerhalb der Landwirtschaft weniger stark wahrgenommen als ein einzelner Skandal in einem TV-Politmagazin, das sich an eine eher begrenzte bildungsbürgerliche Zielgruppe richtet.

Warum sollten Landwirte eigentlich von Medien und Öffentlichkeit weniger kritisch angegangen werden, als Bauunternehmer, Politiker oder sogar Journalisten, um deren Image es auch nicht zum Besten bestellt ist.

Es gibt dafür keinen Grund. Und auch keinen Anspruch darauf. Die manchmal etwas beleidigt anmutende Haltung einiger Vertreter des Berufsstandes und das Lamento, man werde ungerecht behandelt, entbehrt der Grundlage. Es ist vielleicht ein Reflex auf vergangene Zeiten, in denen der Berufsstand über ein, gefühlt eigens zu seiner Unterstützung existierendes, Ressortministerium vor allem selber Forderungen an die Politik und damit an die Gesellschaft richtete: wenn die Ernte schlecht war, die Preise niedrig, die Marktmacht der übrigen zu groß, die Quote nicht auskömmlich, der Importdruck hoch oder die Abgabenlast zu drückend. Der Berufsstand trug sein Lamento vor, ein Minister zeigt Verständnis für die Lage der Bauern, sorgt für öffentliche Resonanz und Wertschätzung und ganz nebenbei auch für finanziellen Ausgleich. Der Bauer als schwaches Element in einer Umwelt lauter stärkerer Partner, eingebettet in eine Agrarpolitik, die mehr an Plan- als an Marktwirtschaft erinnerte. Außer dem regelmäßigen Lamento ist davon heute nicht mehr viel geblieben. Umso größer vielleicht der Phantomschmerz einzelner, die solchen Zeiten nachtrauern.

Die Gesellschaft hat die Fragen zur Landwirtschaft inzwischen umgedreht und hält sie den Landwirten entgegen: „Was liebe Landwirte seid ihr bereit zu leisten für die Milliardenbeträge, die ihr von der Gesellschaft erhaltet? Wie weit übertragt ihr die sich wandelnden gesellschaftlichen Wertevorstellungen in eure Produktionssysteme?“ Natürlich drückt sich das bereits in dem heute gültigen Regime von Agrarsubventionen aus: von Greening bis Cross Compliance. Dabei spielt es in der öffentlichen Wahrnehmung allerdings gar keine Rolle, ob etwas erlaubt ist oder nicht. Es stellt sich viel stärker die Frage nach der wahrgenommenen Legitimität als nach der formalen Legalität des Handelns.

Deshalb wird auch niemandem damit geholfen sein, auf geltende Standards, Normen und Gesetze zu verweisen, die vielleicht eingehalten werden – oder im Einzelfall vielleicht nicht. Auch der Verweis auf einzelne schwarze Schafe zielt am Kern des Problems vorbei. Landwirtschaftliche Produktionssysteme haben die Anbindung an gesellschaftliche Wertesysteme teilweise verloren. Und das nicht nur in Bezug auf die Haltung von Tieren und nicht etwa nur bei Städtern. Auch im ländlichen Raum häufen sich die Diskussionen zwischen Landwirten und Nicht-Landwirten, wenn es um Stallbauten, Monokulturen, Windparkanlagen und anderes mehr geht. Zeigt sich die Landwirtschaft nicht selber beweglicher, werden andere Marktteilnehmer wie Schlachthöfe oder Supermarkt-Ketten die sich wandelnden gesellschaftlichen Werte in Anforderungen an Produkte und auch an Produktionssysteme umsetzen und einseitig diktieren. Denn diese können es sich nicht leisten, die Kritik ihrer Kunden zu ignorieren, egal ob die Kritik durch Medien oder NGOs oder auf andere Art und Weise vorgetragen wird.

Die Landwirtschaft sollte sich nicht beleidigt in die Schmollecke zurückziehen. Die tatsächlich stattfindende Entfremdung zwischen Landwirtschaft und öffentlicher Wahrnehmung ist mit Öffentlichkeitsarbeit alleine auch nicht aufzulösen. Gefragt ist Diskurs mit dem Ziel, sich aufeinander zuzubewegen. Das erfordert auch von der Landwirtschaft Beweglichkeit. Alleine ein „Erklären“ landwirtschaftlicher Produktionssysteme reicht längst nicht mehr aus. Diesen Diskurs kann die Landwirtschaft nur mit beweglichen, fortschrittlichen und starken Landwirten erreichen. Nicht mit solchen, die am Status Quo um jeden Preis festhalten wollen, sondern mit solchen, die stark genug sind, sich der Debatte zu stellen, sie auch mit fachlichem Input zu befruchten, die aber auch beweglich genug sind, um gesellschaftlichen Strömungen entgegenzukommen. Seid stark, liebe Landwirte.

Dr. Otto A. Strecker

Vorstand der AFC Consulting Group AG, einem Beratungsunternehmen für die Agrar- und Ernährungswirtschaft. An der Universität Bonn nimmt er einen Lehrauftrag für Kooperationsmanagement in der Agrar- und Ernährungswirtschaft wahr. Er ist Co-Autor des Lehrbuchs „Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte“