13.07.2017

Kupierverzicht. Wir brauchen mehr Erfahrung

Foto: agrarfoto

Um unkupierte Schweine halten zu können, müssen Sie etliche Abläufe im Stall umkrempeln. Für ein generelles Kupierverbot ist es aus Tierschutzgründen noch zu früh, findet Mechthild Freitag.

Schnell gelesen:

  • Für die Haltung unkupierter Schweine müssen etliche Betriebsabläufe geändert werden.
  • Vor allem die Tierbeobachtung bekommt einen höheren Stellenwert.
  • Praktiker brauchen erhebliche Erfahrung, damit das Beißgeschehen nicht eskaliert.
  • Für ein generelles Kupierverbot ist es aus Tierschutzgrünen zu früh, man sollte mit kleinen Gruppen starten.

Schwanzbeißen ist in der landwirtschaftlichen Praxis eine verbreitete Verhaltensstörung. Es ist kein Problem der modernen Schweinehaltung, sondern wird seit mehr als 100 Jahren weltweit bei Mastschweinen beobachtet. Seit den 60er Jahren hat sich das Kürzen der Schwanzspitze als effektivste Maßnahme zur Prophylaxe etabliert. Es kann die Verhaltensstörung allerdings auch nicht komplett verhindern. Auf den meisten Mastbetrieben tritt das Schwanzbeißen von Zeit zu Zeit auf und ist dann mit Arbeit und Stress für den Betriebsleiter und Schmerzen für die Tiere verbunden.
Seit der Klage von ProVieh gegen das routinemäßige Kupieren der Schweineschwänze und dem drohenden Kupierverbot sind in Deutschland und auch in einigen anderen EU-Ländern (Dänemark, Niederlande, Belgien, Irland, Norwegen, Schweden, Frankreich) Versuche zur Haltung unkupierter Schweine durchgeführt worden. Dabei handelt es sich meist um Untersuchungen auf landwirtschaftlichen Betrieben oder betriebsähnlichen Untersuchungsanstalten, um Erfahrungen für die Praxis zu gewinnen.

Schwanzbeißen ist offensichtlich eine Reaktion der Schweine auf ungünstige Haltungsbedingungen. Irgendwann scheint – tierindividuell – eine Schwelle überschritten zu sein, ab der die Tiere den Stress nicht mehr kompensieren können und das Beißen dann als Ventil nutzen.
In einem gemeinsamen Projekt der Fachhochschule Südwestfalen mit dem ­Erzeugerring Westfalen, der Landwirtschaftskammer NRW (Schweinegesundheitsdienst), dem WLV und Hoftierärzten wurde nach den Ursachen für dieses Unwohlsein in Praxisbetrieben gesucht. Mithilfe einer Checkliste wurden Betriebe mit akutem Schwanzbeißen zu möglichen Problembereichen befragt und die Befunde mit Erkenntnissen aus der Literatur verglichen. Außerdem wurden einige Betriebe bei dem Einstieg in den Kupierverzicht begleitet.
Die folgenden Faktoren scheinen relevant. Allerdings stellt sich die Situation auf jedem Betrieb anders dar, sodass in jedem Einzelfall eine intensive Schwachstellenanalyse erforderlich ist.

Genetik. Ein Einfluss der Genetik wird in der Literatur von verschiedenen Autoren beschrieben, allerdings sind die Ergebnisse nicht ganz einheitlich. Untersuchungen ergaben eine positive Korrelation zum Muskelfleischanteil und eine negative zur Rückenspeckdicke. Mütterliche Genetiken scheinen stärker betroffen.
Es ist jedoch nicht klar, wie groß der Einfluss der Genetik ist. Aktuell wird Schwanzbeißen häufig bei Danzucht registriert, möglicherweise im Zusammenhang mit einer speziellen Eberlinie. Nicht klar ist jedoch, ob dabei die Beißaktivitäten als »Rassemerkmal« zu werten sind oder ob es sich eher um eine tierindividuelle Veranlagung handelt. Praxisbeobachtungen zeigen, dass ein Wechsel des Ebers eine spürbare Besserung erbringen kann.
 
Geschlecht. Verschiedene Studien beschreiben Sauen als aggressivere Beißer und Kastraten eher als Opfer. Beißaktivitäten sind bei getrennt geschlechtlicher Aufstallung intensiver, auch in gemischt geschlechtlichen Gruppen mit einem hohen Sauenanteil.

Alter und Gewicht. Bei unkupierten Tieren wird wiederholt ein Beginn der Beißaktivitäten in der zweiten bis dritten Woche nach dem Absetzen beschrieben. Verbesserte Haltungsbedingungen (Raufutter, Wasser, Beschäftigungsmaterial) können den Ausbruch deutlich verzögern und abmildern, aber nicht verhindern. Bei Mastschweinen gibt es offenbar keine Häufung in einem bestimmten Alter. Bei kupierten Schwänzen tritt Schwanzbeißen ab dem Einstallen in allen Altersstufen auf.

Gesundheitsstatus. Gruppen mit einem geringen Gesundheitsstatus tendieren eher zum Schwanzbeißen. Es gibt Untersuchungen, in denen die Beißaktivitäten bei Atemwegserkrankungen um das 1,6-fache erhöht waren und um das 3,9-fache, wenn die Verlustrate nach dem Absetzen mehr als 2,5 % betrug. Bei einer aktuellen Untersuchung auf landwirtschaftlichen Betrieben wurde jedoch von 75 % der Betriebsleiter keine Vorerkrankung in der betroffenen Bucht erkannt. Die Ursachen für Schwanzbeißen lagen dort überwiegend in anderen Bereichen.

Platzangebot. Mit steigender Besatzdichte treten vermehrt aggressive Verhaltensweisen auf, besonders bei mehr als 110 kg/m². Hier sind möglicherweise nicht die enge Aufstallung, sondern die knapper werdenden Ressourcen relevant (Futter, Wasser, saubere Luft). Ein hohes Platzangebot kann Schwanzbeißen nicht verhindern. Dies zeigen eigene Untersuchungen in Deutschland und in der Schweiz, wo in einigen Betrieben mehr als 1 m² pro Tier zur Verfügung stand.
Auch in der ökologischen Haltung wird die Verhaltensanomalie beobachtet. Somit scheint ein Platzangebot oberhalb der aktuell geltenden gesetzlichen Bestimmungen nur wenig zur erfolgreichen Umsetzung des Kupierverbots beizutragen.

Stallklima und Jahreszeit. Das Stallklima ergibt sich aus den Faktoren Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Schadgas- und Staubbelastung sowie Zugluft. Beobachtungen in der Praxis haben gezeigt, dass das Risiko eines Caudophagie-Ausbruchs bei Zugluft besonders hoch ist und diese auf jeden Fall vermieden werden muss. Die Richtwerte für eine Schadgasbelastung
liegen bei 11 ppm für NH3 und 1540 ppm für  CO2. In eigenen Untersuchungen auf 66 Betrieben mit akuter Caudophagie wurden diese in 70 bzw. 88 % der Fälle überschritten. In 68 % der Betriebe war es die Kombination aus Luftfeuchtigkeit
und Temperatur für mindestens 6 Stunden oberhalb des Komfortbereichs der Schweine (Hitzestress), in 47 % der Betriebe traf beides gleichzeitig zu. Diese Untersuchungen deuten auf ein zu geringes Luftvolumen in den Ställen hin, da Temperatur und Schadgasbelastung nicht durch verstärkte Lüftung reguliert werden können (Zugluft). Ein Einfluss der Jahreszeit war in unseren Untersuchungen nicht nachweisbar. Bekannt ist jedoch, dass starke Temperaturschwankungen (z. B. Tag/Nacht) oder ein plötzlicher Witterungsumschwung Auslöser für Beißaktivitäten sein können.

Futter und Fütterung. Futter stellt eine wichtige Ressource dar, die immer in ausreichender Menge und Qualität verfügbar sein muss. Futtermangel, z. B. durch leere Automaten wegen technischer Störungen, kann Schwanzbeißen auslösen. Problematisch ist auch ein weites Tier-Fressplatz-Verhältnis, besonders bei gleichzeitig rationierter Fütterung und/oder zu geringer Trockenmasse im Flüssigfutter (< 22 %). Nach eigenen Untersuchungen auf 54 Mastbetrieben lag der Trockenmassegehalt in 10 Fällen unter dem geforderten Wert. Eine zu feine Vermahlung (≥ 40 % der Partikel < 0,25 mm) trat in keinem der untersuchten mehlförmigen Futtermittel auf, häufiger jedoch eine grobe Vermahlung (> 50 % ≥ 1 mm), die eine schlechtere Futterverwertung bewirkt (Stärkeanflutung im Dickdarm) und damit bei geringem Energieangebot zu einem Mangel führen könnte. In drei Fällen wurden jedoch ein erhöhter Anteil feiner Partikel und ein reduzierter Gehalt an Nahrungsfasern in Siloresten festgestellt, was auf Entmischung des Futters hindeutet.
Im Bereich der Futterzusammensetzung konnte in unseren Untersuchungen keine Komponente als besonders risikoreich identifiziert werden. Ebenso war bisher kein Zusammenhang zum Energie- oder Proteingehalt erkennbar. Problematisch könnte aber in üblichen Rationen die Versorgung mit Nahrungsfasern sein. Ein Gehalt von ≥ 140 g je kg Futtermittel konnte in keinem Futter nachgewiesen werden, der gewünschte Gehalt an Hemicellulosen von ≥ 100 g/kg Futtermittel wurde nur in einem Fall erreicht. Hier ist wahrscheinlich ein guter Ansatzpunkt, um das Wohlbefinden der Schweine zu verbessern.

Wasserversorgung. Schweine benötigen Wasser für einen stabilen Kreislauf, den Stoffwechsel und auch zur Regulierung der Körpertemperatur (verstärkte Atmung). Pro Tag sollten je nach Größe von Ferkeln 1 bis 3 Liter, von Mastschweinen
3 bis 11 Liter aufgenommen werden (DLG Merkblatt 351). Voraussetzung dafür ist eine ausreichende Anzahl an Tränken mit einer altersangepassten Durchflussrate und Erreichbarkeit sowie hygienisch und geschmacklich einwandfreies Wasser. In diesem Bereich besteht offensichtlich auf vielen Betrieben Optimierungsbedarf.
In der genannten Untersuchung auf 54 Mastbetrieben reichten in 39 % die Tränken nicht aus, wobei nur frei zugängliche Tränken gewertet wurden. In 37 % der Betriebe war die Durchflussrate zu niedrig oder auch zu hoch und in 19 % der Eisen-, Mangan- oder Sulfatgehalt des Wassers zu hoch und dieses damit wenig schmackhaft. In 5 Betrieben war bei erhöhter Temperatur (Hitzestress) gleichzeitig die Anzahl der Tränken zu gering und die Durchflussrate unpassend bzw. die Wasserschmackhaftigkeit schlecht.

Beschäftigungsmaterial. Beobachtungen in Studien und in der Praxis haben gezeigt, dass Beschäftigungsmaterial das Auftreten von Schwanzbeißen deutlich reduzieren und – frühzeitig eingesetzt – manchmal verhindern kann. Besonders geeignet sind dabei Dinge, die verändert oder gefressen werden können. Günstig sind Raufutterkomponenten, da sie neben der Beschäftigung das Futteraufnahme- bzw. Wühlbedürfnis befriedigen und Nahrung für die Darmflora bieten. In der Praxis wurden Stroh, Heu, Luzerne, getrockneter Mais und Fasermischungen eingesetzt.
Alle Komponenten wurden gerne angenommen, wobei nach eigenen Beobachtungen die Akzeptanz der Schweine für einzelne Beschäftigungsmaterialien zwischen den Betrieben variiert.
Das Material muss allerdings täglich gewechselt werden. Sobald es Stallgeruch angenommen hat, lässt das Interesse der Tiere nach. Für Materialien, die keinen Stallgeruch annehmen, gilt das nicht in gleicher Weise. Holz, Beißringe, Bite Rite, Lecksteine etc. können länger im Stall bleiben. Bei ersten Anzeichen von vermehrter Unruhe oder Aggressivität – Anzeichen für den möglichen Beginn von Beißaktivitäten – sollte allerdings neues Material in den Stall gebracht und dies auch häufig, mindestens täglich, gewechselt werden.
Möglicherweise dient zerstörbares Beschäftigungsmaterial als Mittel zum Abreagieren von Frust. Gut bewährt haben sich dabei Heupellets, Baumwollseile, Papiersäcke oder Leckmasse.

Ferkelaufzucht und Mast mit langen Schwänzen. Die Beherrschung von Caudophagie scheint in der Ferkelaufzucht sehr viel schwieriger zu sein als in der Mast. Seit 2011 wird in deutschen Forschungseinrichtungen und auf Praxisbetrieben die Haltung unkupierter Schweine erprobt. Bisher war noch kein System erfolgreich in der Vermeidung von Caudophagie. Während der Saugferkelphase werden nur vereinzelt Schwanzverletzungen oder Teilverluste registriert. Der Schwerpunkt der Beißaktivitäten liegt meist offensichtlich in der zweiten bis vierten Woche nach dem Absetzen. Die Ursache für den Ausbruch ist noch nicht bekannt. Auch unter Haltungsbedingungen, die zuvor nach aktuellen Erkenntnissen mittels Checkliste und Klimacheck bzw. SchwIP Analyse optimierten wurden, konnte das Beißen nicht verhindert werden. Lediglich die Ausstattung der Buchten mit Strohraufen und zusätzlichen offenen Tränken, zweimal täglicher Gabe von Luzernehäcksel, Holzstücken und Bite Rite zur Beschäftigung konnte den Ausbruch deutlich verzögern und abmildern. In diesen Buchten erreichten 96 % der Ferkel das Ende der Aufzucht mit langem Schwanz.
Ein zusätzlich höheres Platzangebot brachte in Bezug auf Schwanzverletzungen kaum weitere Vorteile.
In einer Praxiserprobung auf 15 Pilotbetrieben mit 725 Ferkeln erreichten 74 % der Tiere die Mast mit langem Schwanz. Auch hier waren die Buchten mit zusätzlichem Raufutter (Mais, Luzerneheu) und offenen Wasserstellen ausgestattet, bei ersten Anzeichen von Schwanzbeißen wurde weiteres Raufutter bzw. Beschäftigungsmaterial zur Verfügung gestellt. Am Ende der Mast war jedoch bei mehr als 60 % der Tiere ein Teil des Schwanzes abgebissen worden.
Die Ergebnisse decken sich auch mit eigenen Untersuchungen auf sieben Praxisbetrieben.

Praxiserfahrungen. In dem Projekt »Umsetzung eines Beratungskonzeptes beim Auftreten von Caudophagie bei Schweinen« wurden von August 2015 bis Februar 2016 sieben Betriebe beim Einstieg in den Kupierverzicht begleitet. Sie arbeiteten konventionell im geschlossenen System mit 60 bis 180 Sauen und 140 bis 800 Aufzucht- sowie 450 bis 1 440 Mastplätzen. 8 bis 33 Tiere wurden pro Bucht aufgezogen. Voraussetzung für die Teilnahme am Programm war eine längere Freiheit von Schwanzbeißen bei kupierten Tieren. Vor Einstallung der Ferkel in den Aufzuchtstall wurde das Management in Bezug auf Haltung, Fütterung und Stallklima optimiert. Zudem erfolgte vorab eine Schulung der Betriebsleiter zur Tierbeobachtung in Bezug auf Schwanzbeißen und zu Notfallmaßnahmen.
Ein »Notfallpaket« mit diversen Beschäftigungsmaterialien wurde bereitgelegt, um im Bedarfsfall schnell reagieren zu können. Die Materialien variierten zwischen den Betrieben und umfassten Maispflanzen, Papiersäcke, Karton, Leckmasse, Seile, Holz und Lecksteine. Außerdem wurden zusätzliche Futter- und Wasserschalen angebracht, sodass den Tieren Wasser aus einer offenen Schale und Raufutter in Form von Luzerne, Heu, Maissilage oder Grassilage angeboten werden konnte. Auf jedem Betrieb wurden nur einzelne Würfe nicht kupiert (21 bis 51 Ferkeln pro Betrieb), da keiner der Betriebsleiter Erfahrungen mit unkupierten Schweinen hatte. Außerdem wurden die unkupierten Tiere nach dem Absetzen in ihrer Wurfgruppe aufgezogen.

 

Ergebnisse. Zu Beginn der Aufzucht hatten zwar alle Ferkel noch die volle Schwanzlänge, in vier Betrieben zeigten sich jedoch schon in der Absetzphase in größerem Umfang Verletzungen und Bisswunden (Grafik links). Insgesamt zeigten 33 % der Ferkel bereits innerhalb der ersten Woche nach dem Absetzen Bissspuren, Verletzungen oder Schwanznekrosen. Am Ende der Aufzucht war nur in zwei Betrieben bei allen Tieren der Schwanz vollständig erhalten, in zwei Betrieben hatten 40 % der Ferkelschwänze Teilverluste, in einem 80 % und in einem war kein Schwanz mehr intakt. Insgesamt erreichten 61 % der Ferkel das Ende der Aufzucht mit intaktem Schwanz. Zum überwiegenden Teil waren die Verletzungen jedoch schon wieder verheilt und nur in zwei Betrieben waren beim Einstallen in den Maststall frische Teilverluste und tiefere Verletzungen sichtbar. Dabei unterschied sich das Schwanzbeißen innerhalb eines Betriebes zwischen Buchten im gleichen Abteil erheblich (Grafik rechts).Am Ende der Mast war in jedem Betrieb zumindest bei einem Teil der Tiere ein Schwanzverlust zu verzeichnen, wobei die Inzidenz zwischen den Betrieben von 14 bis 100 % schwankte. Insgesamt waren bei Mastende noch 36 % der Schwänze intakt. In der Regel konnten die Ursachen für Caudophagie identifiziert werden: Wetterumschwung, gemeinsame Aufstallung von Ferkeln mit langen und kupierten Schwänzen, Defizite bei der Wasser- und Futterversorgung, Erkrankung oder zu geringe Stalltemperatur. Einige Betriebsleiter haben auch zu lange mit Gegenmaßnahmen (Separierung der Tiere, wechselndes Angebot von Beschäftigungsmaterial) gewartet.Die Untersuchung hat gezeigt, dass die Haltung unkupierter Schweine aktuell in größerem Umfang zu Tierschutzproblemen führen würde. Trotz intensiver Betreuung und Beratung sowie der Bereitschaft und des Eigeninteresses der Betriebsleiter waren drei Viertel der Tiere im Laufe der Aufzucht und Mast von Schwanzverletzungen betroffen, die mit erheblichen Schmerzen einhergehen. In den Vergleichsbuchten mit unkupierten Schwänzen war dagegen in keinem Fall Caudophagie aufgetreten.Für die Haltung unkupierter Schweine sind Managementanpassungen erforderlich. Das gilt besonders in der Tierbeobachtung. Die Beobachtungen von Verhaltensänderungen und die ersten Anzeichen von Schwanzbeißen (blanke Schwanzspitzen, fehlende Schwanzhaare, herunterhängende und zwischen den Beinen eingeklemmte Schwänze, Unruhe in der Bucht) müssen erst erlernt werden.

Ausblick. Aus Sicht des Tierwohls ist der aktuelle Kenntnisstand nicht ausreichend, um auf das Kupieren der Schweineschwänze zu verzichten. Ein Einstieg in den Kupierverzicht sollte nur mit Begleitung durch geschulte Personen erfolgen, da eine Eindämmung des Beißgeschehens frühzeitiges Erkennen und sofortiges Eingreifen erfordert. Erfahrene Landwirte erkennen einen drohenden Ausbruch von Schwanzbeißen schon etliche Tage, bevor die ersten Beißspuren zu sehen sind, am veränderten Verhalten der Tiere. Dann muss sofort reagiert werden, das heißt, Beschäftigungsmaterial muss schon zum Einsatz bereitliegen (Notfallpakete).
Insgesamt erfordert die Haltung unkupierter Schweine eine andere Art der Tierbeobachtung, bei der nicht nur die Gesundheit, sondern das gesamte Verhalten genau betrachtet wird. Außerdem müssen nach dem Absetzen wohl zusätzliche Futter- und Wassertröge installiert werden.
Um Erfahrungen mit Langschwanztieren zu sammeln, sollten Betriebe zunächst mit kleinen Gruppen starten. Praktiker berichten, dass nach jedem Durchgang das Beißgeschehen geringer wird und auch später einsetzt. In der Mast dürfen dann Tiere mit langen und gekürzten Schwänzen nicht gemischt werden. Dann sind Beißattacken vorprogrammiert.
Vor dem Kupierverzicht muss eine Schwachstellenanalyse Risiken in den Haltungs- und Fütterungsbedingungen abklären. Da dies für alle Mastschweine vorteilhaft ist, wurde eine App für mobile Geräte entwickelt, mit deren Hilfe jeder Maststall überprüft werden kann. Die App »Stallcheck Mast« ist kostenlos aus dem App Store (Apple) oder bei Google Play herunterzuladen.

Prof. Dr. Mechthild Freitag, FH Südwestfalen, Soest

Aus DLG-Mitteilungen 7/2017. Den vollständigen Artikel als pdf finden Sie hier.

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