Interview. »Ackerbau ist gerade richtig spannend«

Der Optimismus, mit dem Michael Horsch die Entwicklungen im Ackerbau betrachtet, ist ansteckend. Den Green Deal der EU etwa sieht er nicht als Bedrohung, sondern als Chance. Klimaschutz ist vielleicht nicht alles, aber ohne eine Antwort auf den Klimawandel ist alles nichts. »Die nächsten Jahre werden richtig spannend«, sagt er.


Viele Landwirte sehen den nächsten Jahren eher mit gemischten Gefühlen entgegen. Sie dagegen halten den Green Deal der EU-Kommission für eine gute Sache, auch wenn der Ihr Geschäft etwa mit Pflanzenschutzgeräten beeinträchtigen könnte. Warum?
Weil es viel zu kurz springt, im Zusammenhang mit Klimawandel und Biodiversität nur an mögliche negative Auswirkungen auf den Status quo zu denken. Mit Pflanzenschutzspritzen können Sie auch biologische Präparate ausbringen, wo also ist das Problem?
Der Klimawandel ist die mit Abstand größte Herausforderung, die wir als Menschen haben. Auch als Landwirte, und zwar weltweit. In den letzten Jahren schon konnten wir spüren, wie er die Getreideerträge nach unten drückt. In diesem Jahr war es extrem: In Kanada sind 35 Mio. ha Getreide und Raps vor den Augen der Landwirte innerhalb von fünf Tagen verbrannt.

Also entweder packen wir das jetzt an, oder wir verspielen unsere Zukunft. Wir müssen als Menschen unsere Konsum­gewohnheiten zum Beispiel beim Fleisch ändern und als Landwirte ein Stück weit unsere Produktionsweise. Extreme ­Verfahren passen nicht mehr zur heutigen Situation. Die Landwirtschaft muss sich an Kompromisse hinsichtlich Klima, Natur oder Ernährung gewöhnen. So wie das jetzt in der Zukunftskommission ­verhandelt wurde, deren Ergebnis ich ­übrigens insgesamt für ganz großartig halte. Weil es erstmals gelungen ist, langjährige Gräben zuzuschütten und sich auf eine gemeinsame Grundlage zu verständigen.

Sehen das unsere gemeinsamen Kunden, die Landwirte, genauso?
Zumindest bei den Unternehmer-Landwirten sind die Ohren sehr weit offen. Die sehen ja, was rund um uns passiert. Und das bedeutet dann nicht nur eine weitere Fruchtfolge, sondern die Beschäftigung mit Dingen, die wir alle vor ein paar Jahren noch als esoterisch abgetan hätten. Ich meine damit nicht die mechanische Unkrautbekämpfung. Aber etwa in Brasilien zu sehen, wie Landwirte mit biologischem Pflanzenschutz und auch so verrückten Sachen wie Komposttees Spritzmittel und damit auch viel Geld einsparen, das kann einen begeistern. Diese Landwirte machen sich wenige Gedanken über grundsätzliche Zusammenhänge oder das »Warum«. Sie probieren Neues nach der Methode »Versuch und Irrtum« einfach aus. Diese Herangehensweise kennen wir aus der eigenen Firma ...

… manchmal nicht ganz ohne Rückschläge, aber insgesamt mit Erfolg.
Jedenfalls nehme ich die zweifellos manchmal etwas idealistische Szene der »Regenerativen« etwas ernster als bisher. Solange sie uns nicht mit Heilsversprechen kommt. Wir reden im Ackerbau viel zu viel über Digitalisierung und viel zu wenig über Mikrobiologie. Dieses Spannungsfeld zu begleiten, ist faszinierend. Die zeitweisen Monokulturbedingungen im Boden fordern einen Ausgleich.

Reden wir trotzdem mal über Digitali­sierung.
Ich finde, dass vor allem die Potentiale der teilflächenspezifischen Bewirtschaftung überbetont werden. Sie ist teuer und führt oft nicht zu messbaren Ergebnissen. Und schon gar die Idee, große Flächen mit kleinen Robotern zu behandeln! Ich möchte nichts ausschließen, auch wir halten die Augen offen,  aber der Aufwand für jede einzelne der kleinen Einheiten scheint mir doch sehr hoch zu sein.

Wobei die Hackroboter sich auf Biobetrieben gerade einer großen Nachfrage erfreuen. Und ein schlepperbasiertes Hackgerät mit Verschieberahmen und zwei Kameras ist auch nicht umsonst.
Beides ist richtig. Eine 36 m-Spritze mit 15 km/h schafft 50 bis 60 ha die Stunde. Wie soll ein Roboter oder auch mehrere nur annähernd auf diese Leistung kommen? Schwärme von Kleinrobotern haben ihre Berechtigung in den wertschöpfungsstarken Sonderkulturen, vor allem natürlich im Ökolandbau …

… wo das Hacken etwa von Zwiebeln schonmal 350 Stunden kosten kann, falls man überhaupt noch Arbeitskräfte findet.
Übrigens lassen größere Arbeitsbreiten die Maschinen gerade die digitalen Hilfsmittel günstiger werden, weil es keinen Unterschied macht, ob Sie mit 3 m oder 12 m unterwegs sind. Überall in der Welt gehen die professionellen Landwirte vor dem Hintergrund des Klimawandels und der wachsenden Bevölkerung davon aus, dass die Getreidepreise mittelfristig hoch bleiben. Also versuchen sie, bis hin zu gerade noch tragbaren Pachtpreisen die Betriebe zu vergrößern. Die Maschinenneuwerte steigen aber nicht nur deshalb an, sondern auch, weil jeder versucht, die teuren Flächen effizient zu bewirtschaften und alle Zeitfenster auszuschöpfen. Auch die Vielfalt der Maschinen in einem Betrieb steigt. So steht das Hackgerät neben der Spritze, und selbst ein Direktsaat-Betrieb in Osteuropa leistet sich eine Scheibenegge obendrauf, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein.

Statt auf kleine Roboter setzen Sie eher auf autonome Großmaschinen. Was sagt die Straßenverkehrsbehörde dazu?
Wir haben das Privileg, unsere eigenen Betriebe sozusagen als Spielwiese zu nutzen und zu sehen, was potentiell dabei herauskommt. Niemand redet im Moment vom Verkaufen. Wir gehen dabei von voll arrondierten Betrieben aus, nicht unbedingt in Deutschland. Die haben ja auch die größte Personalnot.
Neben solchen rationalen Erwägungen erscheint mir aber ein anderer Punkt viel wichtiger. Viele Landwirte aus der jungen Generation, gerade die guten, finden Schlepperfahren nicht mehr sexy. Vielleicht noch die erste halbe Stunde, aber nicht den ganzen Tag auf und ab. Die Statussymbole ändern sich. Die Qualität der Arbeit rückt in den Vordergrund, die ich vom Schleppersitz aus gar nicht optimal beurteilen kann. Womit wir wieder bei der autonom fahrenden Maschine wären.

Wird die Technik den »normalen« Betrieben nicht irgendwann zu teuer?
Bei den heutigen Getreidepreisen können auch 100 ha Ackerbau im Eigentum wieder Spaß machen. Ich bemerke, dass auch kleinere Betriebe sich den vielleicht schon angedachten Ausstieg nochmal überlegen, dass sie auf der Suche nach wertschöpfungsstarken Nischen sind. Diese Betriebe werden sich künftig kaum alle selbst vollständig mechanisieren. Dann schlägt die Stunde des Lohnunternehmers oder der teilweisen Mitbewirtschaftung, was ja wieder die Chance für einen Nachbarn sein kann.

Das meiste Geld wird nach wie vor mit den großen Kulturen verdient. Schlagen wir den Bogen zurück zum Green Deal: Haben Sie Sorge, dass wir in Deutschland im Wettbewerb zurückfallen?
Nein. Und zwar aus zwei Gründen. Zum einen: Überall in der Welt wird Land teurer, weil die Landwirte verstehen, wie man damit Geld verdient. Die Produktionskosten werden also auch anderswo steigen, besonders heftig in Osteuropa, wo Flächenkosten und betriebswirtschaftliche Erträge besonders eklatant auseinanderklaffen. Und zum anderen ist, so hässlich das klingt, der Green Deal eine neue Form des Protektionismus. Denn er ist ja nur umsetzbar, wenn die Importe den gleichen Standards genügen müssen wie im EU-Binnenmarkt oder die Differenz abgeschöpft wird.  

Welche Rolle spielen Dienstleistungen für die Gesellschaft, z. B. der Aufbau von Humus?
Mir sind Punktesysteme sehr sympathisch, bei denen solche Dienstleistungen ohne große Diskussion bewertet und belohnt werden können. Beim Humusaufbau bin ich überzeugt, dass wir ein großes Potential haben und dieses nutzen müssen, wenn ich auch zunehmend erkenne, wie wenig trivial das in der Umsetzung ist. Wir lernen ständig dazu und finanzieren als Unternehmen entsprechende Untersuchungen. Ganz kurz und sehr vereinfacht: Die meisten Maßnahmen, die wir diskutieren und auch zertifizieren, haben eine kurzfristige Wirkung, weil sie vor allem labilen, das heißt nicht dauerhaften Humus aufbauen. Das ist, als müssten Sie einen Sack Flöhe hüten. Also muss es gelingen, stabilen Kohlenstoff aufzubauen. Interessant erscheint uns z. B. die mikrobielle Carbonisierung unter latentem Luftabschluss. Dabei entsteht so etwas wie die Vorstufe einer Braunkohle. Aber wir stehen erst am Anfang damit.   

Die Fragen stellte Thomas Preuße

Der Beitrag stammt aus der Sonderbeilage "Klima und Boden". Das komplette Sonderheft als e-Magazine finden Sie hier.