08.05.2017

Haltung. Was Tierwohl kostet

Foto:agrarmotive

Einstreu, Gummimatten, Außenklimazugang und mehr Platz – Vorschläge, wie sich das Tierwohl im Schweinestall erhöhen ließe, gibt es jede Menge. Wie viel müsste Schweinefleisch kosten, damit diese Maßnahmen bezahlbar sind? Angela Ester-Heuing und Jan-Henning Feil haben nachgerechnet.

Schnell gelesen:

  • Gesellschaftliche Diskussionen über Tierhaltung sind immer mit Forderungen nach mehr Tierwohl im Stall verbunden.
  • Was entsprechende Investitionen kosten, wird dabei häufig deutlich unterschätzt.
  • Und auch, was die Tierwohlmaßnahmen für die Leistungen der Tiere bedeuten.

Zunehmende Urbanisierung der Bevölkerung, subjektive Medienberichterstattung, wachsende emotionale Verbindungen zu Tieren und gleichzeitig immer größer werdende Tierbestände auf landwirtschaftlichen Betrieben – die derzeitigen Nutztierhaltungsverfahren werden sehr kontrovers diskutiert. Von vielen Seiten wird eine Verbesserung des Tierwohls gefordert. Allerdings ist von den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen insgesamt noch keinerlei Konsens über künftige Haltungsverfahren gefunden worden.
Dennoch erscheint eine langfristige -Änderung der aktuell geltenden Mindeststandards unausweichlich. Für die Landwirte ist hierbei vor allem von Interesse, welchen Einfluss diese Änderungen auf die Rentabilität künftiger Investitionen in die Schweinehaltung haben können.
Was wird gefordert? Was lässt sich umsetzen? Und was kostet das – in der Anschaffung und im täglichen Betrieb?

Kritikpunkte. Die derzeit geltenden Mindeststandards in der Schweinehaltung werden, trotz hygienischer und arbeitswirtschaftlicher Vorteile, von verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren mit Blick auf das Tierwohl zunehmend kritisch gesehen. Genannt werden hierbei häufig Aspekte der Stallgestaltung, beispielsweise fehlender Außenklimazugang, vollperforierte Böden ohne Einstreu sowie Reiz- und Strukturarmut in den Ställen. Diese werden in ihrer Gesamtheit für Verhaltensstörungen wie das Schwanz- und Ohrenbeißen verantwortlich gemacht.
Scharf kritisiert werden auch der hohe Leistungsdruck und Eingriffe am Tier, wie beispielsweise das Kupieren der Schwänze, das Schleifen der Eckzähne und die betäubungslose Kastration männlicher Saugferkel.

Forderungen. Im Rahmen dieser Kritik wurden in dem vom Wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik (WBA) im vergangenen Jahr veröffentlichten Gutachten »Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung« Vorschläge zur Umsetzung von Tierwohlmaßnahmen dargelegt. Demnach werden Außenklimaställe -empfohlen, unterschiedliche Bodenbeläge und Beschäftigungseinrichtungen für artspezifische Verhaltensweisen gefordert sowie auf die Notwendigkeit von ausreichend Platz und Buchtenstruktur hingewiesen.
Im biotechnischen Management liegt der Fokus auf der Unterlassung von Amputationen, vor allem dem Kupieren der Schwänze. Kastrationen sollen lediglich unter Schmerzausschaltung erfolgen. Außerdem sollen die bisherigen Zuchtziele einer hohen Leistungsfähigkeit und Produktivität um eine stärkere Betrachtung funktionaler Merkmale erweitert werden. Und schließlich wird auch eine Verbesserung des betrieblichen Managements angestrebt, beispielsweise durch Eigenkontrollsysteme im Betrieb und die Förderung der Fachkompetenz der Mitarbeiter.

Investitionen in einem Beispielbetrieb. Am Beispiel eines konventionellen Schweinemastbetriebes aus dem nördlichen Teil des Kreises Coesfeld im Münsterland haben wir die Profitabilität der Investition in einen Schweinemaststall mit unterschiedlich umgesetzten Tierwohl steigernden Maßnahmen anhand der Kapitalwertmethode untersucht.
Die in der Kalkulation berücksichtigten Tierwohl steigernden Maßnahmen wurden vor dem Hintergrund der standortgegebenen Möglichkeiten in Anlehnung an das vom WBA entwickelte Konzept zusammengestellt.
Konkret wurde das folgende Investitionsobjekt betrachtet:

  • geschlossener, zwangsbelüfteter Maststall mit 960 Mastplätzen,
  • mittlere Gruppen: 40 Buchten à 24 Tiere,
  • Sensorfütterung.

Und als das Tierwohl steigernde Maßnahmen:

  • Platzsteigerung um 47 % (1,1 m²/ Tier),
  • je 12 Tiere ein Wühlturm,
  • auf den Liegeflächen installierte -Gummimatten (0,6 m2/Tier),
  • Verzicht auf das Schwanzkupieren,
  • Betäubung der männlichen Saugferkel während der Kastration.

Das Gesamtinvestitionsvolumen beläuft sich auf 789 807 €. Um diese Kosten zu stemmen,  wurde eine 95 %ige Fremdfinanzierung mittels eines Annuitätendarlehens mit einem Effektivzinssatz von 1,66 % und einer der Nutzungsdauer des Maststalls entsprechenden Laufzeit von 20 Jahren unterstellt.
Unter der weiteren Annahme eines Eigenkapitalzinssatzes von 0,01 % ergibt sich ein Kalkulationszinsfuß von 1,58 % als gewichteter Mittelwert.
Bei allen dargestellten Berechnungen und ausgewiesenen Preisen ist die Mehrwertsteuer enthalten. Aus Gründen der Vereinfachung wurden weder Inflation, noch Kosten für die (zusätzliche) Gülleabgabe berücksichtigt.

Welche Mehrkosten entstehen durch die Tierwohlmaßnahmen? Zum einen sind es die Investitionskosten: Die nachfolgend dargestellten Investitionskosten basieren auf der Datensammlung des KTBL und Kalkulationen von Werner Achilles und Stefan Fritzsche sowie Peter Spandau. Für den Bau des Maststalls steigen die Kosten der Gebäudehülle demnach proportional mit der Platzsteigerung, also um 47 %. Bei den Außenanlagen und den technischen Einbauten wurden keine durch das vergrößerte Platzangebot verursachten Mehrkosten berechnet. Für den Stallbau ergibt sich somit insgesamt ein Investitionsvolumen von 706 220 €.
Eine weitere Erhöhung der Investitionskosten entsteht durch die Installation von Gummimatten und Wühltürmen in den Buchten. In jeder Bucht werden 14,4 m2 Gummimatten angebracht, woraus sich bei einem Preis von 107,10 € pro m2 ein Investitionsvolumen von 61 690 € ergibt. Als Nutzungsdauer wurden acht Jahre angenommen.
Die Anschaffungskosten eines Wühlturmes betragen 274 € bei einer Nutzungsdauer von sieben Jahren. Daher wird für die Wühltürme ein Investitionsvolumen von 21 896 € veranschlagt.

Darüber, wie sich der Verzicht auf das Kupieren der Schwänze auswirkt, stehen bislang nur sehr wenige Erfahrungswerte aus der Praxis zur Verfügung. Deshalb wurden im Sinne einer Risikobetrachtung vier Szenarien hergeleitet. Sie unterscheiden sich in der Tageszunahmenverringerung, der Verlustrate und den bereitgestellten Reserveplätzen (Übersicht 2) auf der Basis von Expertengesprächen mit Landwirten sowie in Anlehnung an eine Pilotstudie des Thünen-Instituts.
Durch den Kupierverzicht bedingte Mehrkosten entstehen vor allem durch vermehrte Verluste und entsprechend höhere Tierkörperbeseitigungskosten sowie durch Schlachtkörperbeanstandungen, die in unserer Kalkulation 1,19 € pro Tier betragen. Opportunitätskosten entstehen wegen einer, durch die Bereitstellung von Reserveplätzen bedingten, unvollständigen Auslastung des Maststalls. Reserveplätze werden dann benötigt, wenn sowohl Beißer als auch verletzte Tiere aus den Buchten aussortiert werden.
Außerdem ergeben sich Opportunitätskosten wegen einer, durch vermehrte Bissverletzungen ausgelösten, möglichen Verringerung der täglichen Zunahmen. Diese bewirkt wiederum eine Verlängerung der Mastdauer und damit eine Verminderung der jährlichen Umtriebe pro Jahr. Auch bei den Opportunitätskosten müssen die zusätzlichen Verluste berücksichtigt werden.

Sonstige Erhöhungen der Direktkosten. Dem durchschnittlichen Ferkelpreis des Beispielbetriebes von 64,30 € wurde ein Aufschlag von 5 € zugerechnet, der die Kosten für die Betäubung während der Kastration der männlichen Saugferkel begleichen soll. Weiterhin entstehen Mehrkosten durch das für die Wühltürme eingesetzte Stroh. Kalkuliert wurde mit 50 g Stroh je Tier und Tag. Wegen des erhöhten Platzangebotes werden die durch den Platzanspruch der Wühltürme hervorgerufenen Opportunitätskosten nicht berücksichtigt.

Auch höhere Arbeitskosten fallen an. Für die Reinigung und Instandhaltung der Gummimatten wurden 0,18 Akh pro Mastplatz und Jahr kalkuliert. Weiterhin wurden für das Befüllen und Instandhalten der Wühltürme zwei zusätzliche Akh pro Wühlturm und Jahr veranschlagt.
In Bezug auf den Kupierverzicht wird, insbesondere bei akutem Schwanzbeißen, zusätzliche Arbeitszeit für die Tierkontrolle erforderlich. In der dargestellten Kalkulation wurde der gesamte, durch den Kupierverzicht verursachte, Mehraufwand mit drei Sekunden je Tier und Tag angesetzt. Nimmt man einen Stundenlohn von 17,50 € brutto an, erhöhen sich die Kosten für den zusätzlichen Arbeitsaufwand, der durch die gesamten Tierwohlmaßnahmen verursacht wird, um 61 bis 70 %.

Ergebnisse. In der Ergebnistabelle (Übersicht 3) sind die Kapitalwerte des jeweiligen Investitionsprojektes (Szenarien) sowie die kritischen Verkaufspreise für Schweinefleisch, ab der das jeweilige Investitionsprojekt rentabel wäre, ausgewiesen. Außerdem sind, am Beispiel des ersten Nutzungsjahres, die kumulierten Ein- und Auszahlungen des jeweiligen Investitionsprojektes exemplarisch angegeben.
Im Laufe der Gesamtnutzungsdauer von 20 Jahren weichen die jeweiligen kumulierten Ein- und Auszahlungen aufgrund notwendiger Ersatzinvestitionen lediglich in fünf Jahren von diesen Werten ab. Für die Berechnung des Kapitalwertes wurde ein über die Nutzungsdauer konstanter Schlachtpreis von 1,72 € inklusive Mehrwertsteuer angenommen.
Insgesamt wird deutlich, dass bei den gegebenen Preisen, welche dem aktuellen Preisniveau am Markt ähneln, die be-schriebene Investition in keinem der gezeigten Szenarien rentabel ist. Insbesondere die erhöhten Ferkelkosten wie auch der vermehrte Arbeitsaufwand bedingen dieses Ergebnis. Dieselbe Investition ohne die beschriebenen zusätzlichen Tierwohlmaßnahmen – unter sonst gleichen Bedingungen – ergäbe einen Kapitalwert von 229 905 €, dessen Rentabilitätsschwelle läge bei einem Preis von 1,67 €.

Das erste Szenario wurde als Worst-Case-Szenario entwickelt, dessen Realitätsnähe allerdings kritisch zu betrachten ist: Erstens ist die Einräumung von 10 % Reserveplätzen bei akuten Problemen zwar eventuell notwendig, jedoch aufgrund der dadurch verursachten hohen Opportunitätskosten dauerhaft stark umsatzeinschränkend. Zweitens stützt sich  der für die Verlustrate veranschlagte Parameter auf Daten einer Pilotstudie des Thünen-Instituts. Dort erhöhte ein einzelner Betrieb die durchschnittliche Verlustrate vermutlich durch Managementprobleme stark.
Ebenso ist die Realitätsnähe des vierten Szenarios als Best-Case-Szenario zu hinterfragen. Denn durch die Pilotstudie wird eine Verringerung der täglichen Zunahmen sowie eine Erhöhung der Verluste im Zusammenhang mit dem Kupierverzicht bestätigt. Aus diesem Grunde sind Reserveplätze notwendig.
Berücksichtigt man diese zusätzlich in der Analyse, liegt die Rentabilitätsschwelle des Investitionsprojektes bei einem derzeit völlig illusorischem Schlachtpreis von 1,90 oder 1,93 € (vergleiche Szenario 2 und 3).

Foto: Scholz/Düsse

Angela Ester-Heuing, Dr. Jan-Henning Feil,
Georg-August-Universität Göttingen

Aus DLG-Mitteilungen 7/16. Den vollständigen Artikel als pdf finden Sie hier.

Ihr Kontakt zur Redaktion:
l.langbehn@dlg.org