Haltung. Der Stall von morgen

Der klassische Boxenlaufstall wird sich verändern. Sind Freilaufställe die richtige Alternative? Die gesellschaftliche Diskussion ist in vollem Gange. Die Anforderungen an Tierwohl, Nachhaltigkeit und Emissionsminderung steigen. Dem müssen sich die Landwirte stellen, zeigt Sibylle Möcklinghoff-Wicke.

Wer heute in einen Stall investiert, muss darin mindestens 20 Jahre lang produzieren, damit es sich rentiert. Darum ist die Frage: »Wie sieht der Milchviehstall der Zukunft aus?«, aktueller denn je. Ist der klassische Boxenlaufstall tatsächlich das Stallsystem, mit dem wir sicher in die Zukunft gehen können? Können wir mit diesem System, das in der Praxis immer wieder Schwächen aufzeigt, nachhaltig die Lizenz zum Produzieren von der Gesellschaft erwarten? Oder brauchen wir neue Haltungskonzepte?

Die Mehrheit der Kühe (der westlichen Welt) lebt in Ställen, deren Design in den letzten fünfzig Jahren kaum aktualisiert wurde: der Liegeboxenlaufstall. Wer heute über Ställe der Zukunft nachdenkt, sollte bedenken, dass sie aus nachhaltiger Sicht, aus Sicht des Betreibers, des Verbrauchers und der Kuh »passen« müssen. Und wer heute einen neuen Kuhstall baut, braucht:

  • ein zukunftsfähiges Konzept,
  • eine Menge Geld von der Bank,
  • einen langen Atem und starke Nerven,
  • das  Wissen, dass ein Produkt »Rohmilch« erzeugt wird, das auch Gegner bzw. Konkurrenz hat,
  • ein positives Image der Milch, das mit positiven Bildern und Geschichten dokumentiert wird.

Die Fachwelt ist sich einig: Generell wird für künftige Stallsysteme vor allem das natürliche Verhalten der Kühe, die Stallklimakontrolle, die Umweltwirkung des Haltungssystems, die Wiederverwendung von Abfällen, die Güllequalität, die Ästhetik der Gebäude in der Landschaft und die Kapitaleffizienz immer wichtiger werden. Um den künftigen Anforderungen gerecht zu werden, müssen neue Konzepte jenseits der Liegeboxenställe entwickelt werden. Vor allem sogenannte »Freilaufställe«, d. h. Laufställe ohne Liegeboxen, können einen Teil dieser künftigen Anforderungen erfüllen. Diese Systeme arbeiten mit kompostierbarem Einstreumaterial oder künstlichen, durchlässigen Böden als Liege- und Laufflächen.
Allerdings sind diese Ställe derzeit noch in der Entwicklungsphase, ein aktuelles Beispiel ist der »Freilaufstall 2.0«. Es ist davon auszugehen, dass Kombinationen von Liegeboxen- und Freilaufställen wichtige künftige Systeme werden.

Warum müssen wir beim Stallbau immer mehr auf Tierwohl und Nachhaltigkeit fokussieren, statt nur auf Praktikabilität oder (Management)Gewohnheit zu a­chten? Weil wir nur dann langfristig die Lizenz zum Produzieren von der Gesellschaft bekommen werden. Die Nutztierhaltung steht im Fokus der Gesellschaft und die Fragen der Öffentlichkeit werden kritischer. Und wenn es ein »Morgen« geben soll, müssen die Methoden in der Praxis im Einklang mit den sich entwickelnden Wertevorstellungen der Gesellschaft stehen. Wir spüren alle, dass sich diese Wertevorstellung immer weiter von der guten fachlichen Praxis entfernt.
Die meisten Bedenken haben Bürger in Bezug auf die Fütterung der Milchkühe, den Auslauf (Weide) und möglichen Misshandlungen der Tiere. Auch die frühe Trennung von Kuh und Kalb und der Umgang mit männlichen Milchrassekälbern steht in der Kritik. Diese Diskrepanz der Wahrnehmung muss ernst genommen werden. Viele Praktiker glauben, dass die Bevölkerung durch sachliche Informationen zum Thema in der Meinung beeinflusst werden  und dass ein Verständnis für moderne Produktionsmethoden hergestellt werden kann. Die Zeit für Erklärungen ist aber leider vorbei, denn die reine Faktenvermittlung oder auch das Erklären von Produktionsmethoden räumt die Bedenken der Gesellschaft nicht aus. Einfach gesagt, ist der Wunsch der Verbraucher, dass Kühe ein gutes Leben haben sollen. Und das fängt bei der nicht gewollten frühen Trennung von Kuh und Kalb an und zieht sich wie ein roter Faden bis zu Haltungssystemen und der Fütterung.

Wie kommt man mit der Öffentlichkeit ins Gespräch? Die vielfach zitierten »Social media«-Kanäle sind ein wichtiger Baustein, aber auch die direkten Gespräche im Stall mit dem Bürger vor Ort sind nötig. Allerdings darf man sich hier auch nicht scheuen, kritische Bereiche selbst anzusprechen. Wer fragt den Besucher direkt danach, was ihm missfallen hat beim Betriebsrundgang? Wir können die Landwirtschaft nicht erklären, aber wir können positive Geschichten und Bilder verbreiten und zeigen, dass es den Tieren gut geht und die Bedenken der Öffentlichkeit ernst genommen werden.
Für die Branche ist es elementar wichtig, eine Vision und einen Masterplan zu entwickeln, wie Milchviehhaltung künftig aussehen soll, was erhalten bleiben muss, z. B. alles, was mit Kuhkomfort in Verbindung steht. Es muss auch klar kommuniziert werden, was künftig verbessert bzw. zurückgelassen werden muss, wie z. B. lahme Kühe, Diskussionen um Bullenkälber sowie die Trennung von Kuh und Kalb, Schmerzen und Hormonbehandlung. Nur dann gelingt es, im Konsens mit der Gesellschaft zu agieren. Diese Entwicklung muss unbedingt branchengeführt sein und nicht von einzelnen Gesellschaftsschichten getrieben werden.

Die Rolle der Forschung. Unabdingbar ist dabei auch die Einbindung der Forschung, denn viele Fragen sind nach wie vor ungeklärt (z. B. kuhgebundene Aufzucht), und die Forschung kann sich im Gegensatz zur Praxis Fehler erlauben, ohne dass die Fehler zum wirtschaftlichen Ruin führen. Die zunehmende Automatisierung, der Einsatz von Sensoren zur Tier­überwachung wird künftig noch mehr dabei helfen, kranke Kühe zu erkennen. Aber der Technikeinsatz, der für die Bürger in anderen Lebensbereichen selbstverständlich ist, wird nicht die Akzeptanz für Managementpraktiken verbessern, die von der Gesellschaft nicht gewollt sind.
Vor allem technische Innovationen, veränderte Anforderungen der Kühe und auch Anforderungen der Tierhalter sowie die Auswirkungen auf die Gesellschaft und die Umwelt (national und international) haben in der Vergangenheit zur Entwicklung verschiedener Gebäudesysteme geführt. Diese Anforderungen unterscheiden sich von Land zu Land, was zu einer Vielfalt an Stallsystemen für Milchvieh geführt hat.

Neue Entwicklungen sollen eine angemessene und moderne Produktionsumgebung für Milchkühe schaffen und sie sollen aktuelle und künftige Entwicklungen im Management, in der Agrartechnik und der Ausrüstung berücksichtigen. Die treibende Kraft beim Wechsel vom Anbindestall zum Liegeboxenlaufstall (seit den 1970ern) ist die Verbesserung der Arbeitseffizienz gewesen, die durch technische Innovationen in der Fütterung und beim Melken möglich wurden. Aber es gibt zahlreiche Studien aus den letzten Jahrzehnten, die zeigen dass die Gefahr der Lahmheiten und Technopathien bei Kühen im Boxenlaufstall steigt (Betonboden/Spalten). Durch die züchterische Weiterentwicklung der Rassen haben sich die Tiergrößen verändert, sodass Liegeboxenmaße, die vor 15 Jahren passend waren, es heute nicht mehr sind.
Darum suchen Milchviehhalter nach neuen Lösungen, die die Gefahr der Lahmheit vermindern und das Tierwohl weiter verbessern können. Aufgrund des wachsenden internationalen Fokus auf den Tierschutz wird es immer wichtiger, Kühen mehr Raum für natürliche Verhaltensweisen zu geben. Freilaufställe wie Kompostierungsställe, die inzwischen in vielen Teilen der Welt zu finden sind, können diese Aspekte erfüllen. Neue Entwicklungen in der Haltung können aber zu Konflikten mit anderen Nachhaltigkeitszielen wie dem Schutz der Umwelt stehen. Eine Herausforderung für den zukunftsfähigen Stallbau ist, mögliche Konflikte zwischen bestehenden Liegeboxenlaufställen und Freilaufställen zu lösen. Ein wichtiger Faktor ist dabei der Platz pro Kuh (m²), denn mehr Platz bietet die Möglichkeit von mehr natürlichem Verhalten. Dies hat aber tendenziell den Nachteil, dass aufgrund der größeren emittierenden Fläche pro Kuh mehr Ammoniakemissionen entstehen. Zwar haben Freilaufställe mit kompostiertem Einstreumaterial die Fähigkeit, Stickstoff zu absorbieren, aber mehr Platz heißt auch wieder größere Stallgebäude. In diesem Zusammenhang suchen Landwirte und Architekten nach Lösungen, insbesondere in Bezug auf die Kosten der Dachtypen (Oberbau), Licht, Belüftung und Einfügen in die Landschaft.

Es ist zu erwarten, dass weltweit das Tierwohl, die THG-Diskussion, der Klimawandel (Ammoniak-Emissionen) und Artenvielfalt zunehmend im Fokus bleibt. Milchviehhaltungssysteme können alle diese Aspekte durch verschiedene Wege beeinflussen:

  • verbesserte Produktionseffizienz und gesündere Kühe, was zu mehr Milch pro Kuh mit einem geringeren CO2-Fußabdruck führt, d. h. weniger Emissionen;
  • innovative Ausführungen des Stallbodens und der Lagerung von Feststoffen (Kot) und Flüssigkeiten (Urin), wie z. B. Böden, die feste und flüssige Phase trennen oder Böden mit Einstreumaterial in Freilaufställen, die als Biofilter wirken;
  • Lieferung eines Gülleprodukts, das als Bodenverbesserer wirkt (Kohlenstoff-Sequestrierung);
  • ein reduzierter Jungtierbestand, da eine bessere Tiergesundheit die Remontierungsraten reduziert.

Grundsätzlich muss sich die Branche insgesamt den zunehmend kritischen Fragen der Öffentlichkeit stellen und dabei immer absolut ehrlich und offen bleiben. Nüchtern betrachtet muss man sagen, wer nicht bereit ist für Veränderungen, der wird die Lizenz zum Produzieren in Zukunft nicht mehr haben.
Im Zusammenhang mit der Tierwohldiskussion und den Ansprüchen der Gesellschaft haben wir als Branche eine »Bringschuld«. Wir müssen uns verändern, die Sorgen der Gesellschaft, der Bürger ernst nehmen und darauf reagieren; es ist keine »Holschuld« in der der Konsument erst mehr für Produkte zahlt und dann auf die Verbesserungen wartet. Wer darstellen kann, dass Veränderungen angestoßen werden, dass das Bemühen um mehr Tierwohl ernst genommen wird, wird von der Öffentlichkeit als ehrlich wahrgenommen werden und bekommt die Chance, sich über einen definierten Anpassungszeitraum zu entwickeln. Unser weit verbreitetes System Liegeboxenlaufstall, das der heutige Standard ist, ist nicht perfekt, es gibt Verbesserungsspielraum.
Ställe mit freier Liegefläche bieten viel Potential für Tierwohl und je besser es gelingt, die »Weide in den Stall zu holen« desto eher kann mit gesellschaftlicher Akzeptanz gerechnet werden. Die Ansätze mit dem Kompostierungsstall oder dem Freilaufstall 2.0 sind vielversprechend, aber es sind bei Weitem noch nicht alle Fragen beantwortet. Auch künftig wird es nicht »den Stall« für alle Regionen und für alle Betriebe geben. Jede Stallbaulösung muss ein Kompromiss aus Ökologie, Ökonomie und Tierwohl sein.

Auf der Suche nach Innovationen

Das Thema Stallbau der Zukunft wird derzeit von vielen Fachleuten bearbeitet, vor allem bezogen auf die Aspekte der Nachhaltigkeit: Tierwohl, Ökologie, Soziales und Ökonomie, diskutiert. So gibt es beispielsweise unter dem Titel »Gesamtbetriebliches Haltungskonzept Rind – Aspekte und Visionen einer zukunftsfähigen Milchviehhaltung« eine große Runde von Fachexperten aus ganz Deutschland, die anlässlich der EuroTier digital erste Ergebnisse präsentiert haben. Neben den Standardsystemen Hoch- und Tiefboxen im Bereich Liegen werden auch neue und innovative Konzepte, wie Freilaufställe mit semipermeablen Membranflächen oder Kompostierungsställe ­diskutiert.
Ziel der Arbeitsgruppe ist es, unterschiedliche Stallkonzepte zu skizzieren und diese anhand der Kriterien der Nachhaltigkeit zu bewerten und sie in einem optimierten Mix zusammenzuführen.

Die größte Herausforderung besteht darin, den Stall als integralen Bestandteil des unternehmerischen Systems zu betrachten. Schließlich beeinflusst der Stall die gesamte Betriebs- und Gülle­kette, inklusive der Lagerung und der Nutzung. Er muss sich einfügen in Landschaft und sollte Kreisläufe schließen. Die Kombination von Stallsystemen und Innovationen wird den Weg in die Zukunft weisen.
Es gibt bereits Techniken, um Emissionen in bestehenden Ställen zu reduzieren und es ist davon auszugehen, dass mehr Platz für das natürliche Verhalten der Tiere sowohl für die Landwirte als auch für die Tiere ein Gewinn ist.

Sibylle Möcklinghoff-Wicke, Innovationsteam Milch Hessen, Friedrichsdorf

Aus DLG-Mitteilungen 7/21. Den vollständigen Artikel als pdf finden Sie hier.

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