08.06.2016

Fruchtfolge. Lohnen sich Rüben noch?

Rüben oder doch lieber Weizen, Raps oder Mais? Hier heißt es, ganz genau zu rechnen.
Foto: landpixel

Grundlage für die Anbauplanung ist und bleibt die Auswahl der wirtschaftlich stärksten Fruchtfolge. Ob die Rübe 2017 noch dabei ist? Joachim Riedel hat gerechnet.

Schnell gelesen

  • Die künftigen Abrechnungssysteme der Zuckerfabriken sind fast alle raus. 
  • Die Erlöse für die Landwirte könnten – je nach Weltmarktlage – auf das Niveau von Raps in guten Jahren sinken.
  • Wo bleiben Rüben künftig noch interessant?

Nach dem Auslaufen der aktuellen Zuckermarktordnung zum 30. September 2017 beginnt ein neues Zeit­alter in der Zuckerwirtschaft. Die Zuckerfabriken werden zunächst ihre Rübenverarbeitung ausdehnen und einen Verdrängungswettbewerb suchen, der kaum Raum für hohe Gewinnmargen lässt. Dabei liegt das größte Augenmerk auf dem Rohstoff­einstandspreis (Rüben­erlös) als größte Kostenposition. Gleichzeitig ist im landwirtschaftlichen Betrieb jeder Hektar Zuckerrübenanbaufläche mit Nutzungskosten (Opportunitätskosten) belegt, nämlich den Deckungsbeiträgen, die mit dem Anbau der alternativen Früchte erzielt werden. ­Daraus ergeben sich Rübenmindestpreise, an denen die Zucker­unternehmen nicht vorbeikommen werden.

Die Opportunitätskosten sind regional und einzelbetrieblich sehr unterschiedlich. Das war schon in der Vergangenheit so, als im Rahmen der letzten Zuckermarktreform einzelne Rübenbauern  sich haben abfinden lassen. Und das wird mancherorts bei einer weiteren Rübenpreisreduktion wieder zur Einschränkung oder gar Wegfall des Rübenanbaus führen. An anderen Standorten wird hingegen mangels rentabler Alternativen der Rübenanbau trotz Erlösreduktion bis zur Fruchtfolgebeschränkung ausgeweitet werden. Die Zuckerrübe ist dort auch zu den zukünftig niedrigen Erlösen dank hoher Erträge wettbewerbsfähig.

Auf süddeutschen Gunststandorten weiterhin konkurrenzfähig. Die Rübenerträge profitieren in den Gäulagen Niederbayerns von den hohen Temperatur- und Niederschlagssummen. Dort werden auf den Äckern die höchsten regionalen ­Zuckererträge Deutschlands realisiert. Gleichzeitig sind diese vorzüglichen Standorte mit den geringsten Nutzungskosten belegt – abgesehen vom Kartoffel- und Gemüseanbau –, weil die Erträge für Getreide und Raps begrenzt sind und die Marktferne dieser Produkte zu unterdurchschnittlichen Erlösen führt. Zudem entwickeln sich hier die Erträge zugunsten der Zuckerrübe immer mehr auseinander. Der fünfjährige Ertragsdurchschnitt (2010 – 2014) liegt über 825 dt/ha. Winterweizen mit
76 dt/ha und Winterraps (39 dt/ha) hinken hier stark hinterher. Der Standort ist eher prädestiniert für den Körnermaisanbau (101 dt/ha), dessen Rentabilität jedoch durch hohe Trocknungskosten leidet.

Der Ertragsfortschritt bestimmt ganz wesentlich die relative Vorzüglichkeit. Der Ertragszuwachs der Zuckerrübe ist enorm. Das gilt für alle Standorte. Eine Ursache ist neben dem züchterischen auch der agronomische Ertragsfortschritt in der Art, dass der Anbau zunehmend optimiert wird (Übersicht 1). Auf der anderen Seite wachsen die Herausforderungen im Ackerbau, v. a. in den Bereichen Pflanzenschutz und Düngung. Wirkstoffe fallen weg, und Krankheiten sowie Schädlinge nehmen zu. Das gilt aber besonders im Getreide- und Rapsanbau und ist eine Ursache für den – im Vergleich zur Rübe – geringen Ertragsfortschritt.

Die Ertragszuwächse der Binnen­standorte leiden hier mehr als die der norddeutschen, küstennäheren Anbaugebiete. Am ehesten wird auf den wärmeren Standorten im Binnenland noch der Mais sein hohes züchterisches Potential in der Hybridzüchtung in höhere Rentabilität umsetzen können. Als C4-Pflanze ist er in der Lage, auch noch nach einer Vorsommertrockenheit die Sommerniederschläge in Ertrag umzusetzen – genauso wie die Zuckerrübe – und den vergleichsweise steilen Pfad der Ertragssteigerung aufgrund der hohen kommerziellen Heterosis in den kommenden Jahren weiter zu beschreiten. Daher wird der Mais an den wärmeren Binnenstandorten (Niederbayern, Rheinland, Wetterau) tendenziell für die Zuckerrübe die größte Konkurrenzfrucht sein. Der Klimawandel dürfte hier eher hilfreich als hinderlich sein.

Bei allen Kulturen gibt es einen Zuchtfortschritt, der jedoch in der Praxis weder beim Weizen noch beim Mais umgesetzt wird. Nur bei der Rübe kommen Ertragssteigerungen von über 1 % pro Jahr auf den Feldern an. Der Ertrag steigt sogar stärker als der Zuchtfortschritt.

Welche Mindestpreise braucht die Rübe? Wie das Zusammenspiel aus Flächennutzungskosten und Ertragsniveau bei der Zuckerrübe zu unterschiedlichen Rübenmindestpreisen führt, ist in der nebenstehenden Übersicht exemplarisch für vier bedeutende Zuckerrübenstandorte dargestellt. Als Datengrundlage dienen ausgewählte Zahlen aus der Beratungspraxis. Bei den angenommenen Erträgen der Alternativfrüchte müssen Sie darauf achten, dass diese das Ertragsniveau auf den derzeitigen Zuckerrübenstandorten abbilden. In inhomogenen Betrieben werden die Zuckerrüben tendenziell auf den besseren Standorten angebaut, während z. B. der Winterraps nicht unbedingt in den ­Zuckerrübenfruchtfolgen rotiert und stattdessen die beobachteten Rapserträge eher das Ertragsniveau auf den schwächeren Standorten abbilden.

Die Wechselwirkung der einzelnen Kulturen in den Fruchtfolgen (Vorfruchteffekt) muss ebenfalls bewertet werden und kann z. B. an Trockenstandorten enorm sein. Auch die agronomischen Auswirkungen, wie z. B. der Vorteil einer Sommerung zur Ungrasbekämpfung im zeitigen Frühjahr, müssen in die Nebenleistung der betrachteten Kultur einfließen, wenn sie an dem jeweiligen Standort einen Wert darstellen.

So hergeleitet erhält man für jeden ­Rübenstandort unterschiedliche Flächennutzungskosten in Form von Mindest-­Deckungsbeiträgen (hier DAL = Direkt- und Arbeitserledigungskostenfreie Leistung). Addiert man die Kosten des Rübenanbaus hinzu, so erhält man eine Mindestleistung, die geteilt durch den Rübenertrag den Mindestpreis bestimmt.

Das Ergebnis für die vier betrachteten Standorte zeigt, dass Erlöse von unter
30 €/t (Schmutzrüben ab Feldrand, USt.-netto) für den kostendeckenden Anbau nicht ausreichen. Allenfalls Gunststand­orte mit sehr hohem Durchschnittsertrag und niedrigen Flächennutzungskosten kommen mit diesem geringen Preisniveau zurecht. Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse sind die ersten Preissignale der Zuckerunternehmen ernüchternd. Unterm Strich heißt das: Der Rübenanbau wird mancherorts nicht mehr rentabel sein. Hier gilt es, die Situation im eigenen Betrieb genau einzuschätzen und scharf zu kalkulieren. Das gilt insbesondere dann, wenn sich ertragsstarke Alternativfrüchte zum Anbau und Absatz eignen, deren Preisniveau sich vertraglich oder über Börsenkontrakte absichern ­lassen.

Joachim Riedel, Unternehmensberater, BB Göttingen

Aus DLG-Mitteilungen 2/2016. Den vollständigen Artikel als pdf-Datei finden Sie hier.

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