27.06.2017

Ausgangslage. Wieder eine üppige Ernte?

Foto: landpixel

Auf den ersten Blick verheißen die Prognosen erneut eine weltweite große Ernte. Aber wer in die Details schaut, sieht, dass überall ein kleines bisschen fehlt. So langsam wird das auch den Käufern bewusst.

Schnell gelesen: Kommt da schon wieder eine Rekordernte auf uns zu? Und wenn ja, wo soll die hin? Der Blick auf die Börsekurse der vergangenen Wochen kann zumindest Ackerbauern das Fürchten lehren. Ganz so düster scheint die Lage gar nicht zu sein. Egal wieviel Ölsaaten eingefahren werden, an der strukturellen Knappheit ändert sich wenig. Und die steigenden Weizenüberschüsse im Schwarzmeerraum und in Südamerika finden ihre Käufer in Afrika und Südostasien. Ein Umfeld für Rekordpreise sieht anders aus, aber zur Schwarzmalerei besteht kein Anlass.

Markt ist vor allem eines: Stimmung. Die war in diesem Frühjahr lange Zeit schlecht, geprägt von den Rekordernten des vergangenen Jahres: Australien und Russland, sowie den hervorragenden Ernte in den USA, Argentinien und Kanada. Wäre nicht Westeuropa regelrecht ausgefallen, die Preise wären noch weiter in den Keller gerauscht. Auch die schwachen EU-Exporte trübten lange Zeit die Stimmung, obgleich höhere Exporte aus der EU mangels Masse gar nicht möglich gewesen wären. Denn die EU geht mit geräumten Lägern in die neue Ernte.

Leere Läger in der EU, Rekordexporte in Übersee. Während die EU-Ausfuhren zurückfielen, bei der Gerste relativ noch stärker als beim Weizen, exportieren Australien und Russland mit den großen Ernten 2016 im Rücken jetzt das ganze Jahr hindurch. In den Vorjahren gab es immer wieder Pausen, weil die Vorräte erschöpft waren. So brauchte man in früheren Jahren zwischen März und Juli die Russen nicht ins Kalkül zu ziehen und die Australier legten zwischen September und Dezember eine Pause ein. Das ist in diesem Jahr anders, denn deren exportfähige Überschüsse lassen sich nicht binnen neun Monaten verschiffen.
Hinzu kommt die wieder erstarkte Konkurrenz durch Argentinien, wo die Landwirte den Weizenanbau im vergangenen Jahr kräftig ausgedehnt haben und nach neuesten Prognosen in diesem Jahr noch weiter ausdehnen werden (siehe Interview Seite 43).
Der dritte wichtige Aspekt für die Baisse-Stimmung waren die rekordhohen Soja- und Maisernten in Brasilien sowie die ebenfalls rekordhohen Sojaernten in den USA und den drei anderen wichtigen südamerikaischen Ländern Argentinien, Uruguay und Paraguay. Erstmals seit Jahren waren Sojabohnen nicht mehr knapp und die Preise der wichtigsten Börsenproduktes in Chicago fielen zusammen. Das drückte natürlich auf die Stimmung und zog alle anderen Agrargüter mit in den Strudel. An diesen Fakten hat sich in den vergangenen Wochen nichts geändert, dennoch kam es im Juni zu einem Stimmungsumschwung im Markt. Was war der Anlass dazu? Und wie lange hält das an?

Wenn Erwartungen sich nicht erfüllen, bricht oft ein Weltbild in sich zusammen. Das ist auch im Getreide- und Ölsaatenmarkt der Fall. Hier sind es gleich zwei Faktoren, die sich anders entwickelten als die gängige Meinung unterstellte: Zum einen war der Verbrauch durchgehend höher (bei Weizen, Mais wie auch bei Sojabohnen), und zwar in den Exportländern ebenso wie in den Importländern. China (Soja), Südostasien (Getreide, siehe auch Seite 22), USA (Ethanolmais und Sojabohnen), Russland (Futter) oder Westafrika (Brot): alle Länder hatten unerwartet hohe Verbrauchs- bzw. Importzuwächse. Zum anderen haben sich die Aussichten für die Ernte 2017, die im Frühjahr durch hohe Mais- und Sojaflächen in den USA und eine verschwindend geringe Auswinterung in Osteuropa geprägt waren, verschlechtert.Nicht in Russland, wo dank günstigem Wetter eine zweite rekordhohe Ernte kaum noch zu verhindern sein wird. Aber in der EU, wo nicht nur Spanien einen Totalausfall erleidet, sondern auch in Frankreich und Teilen Deutschlands (Westfalen, Rheinland) die anfangs optimistischen Erwartungen nicht ganz erfüllt werden dürften. In Australien leidet die Aussaat unter Trockenheit, in der Ukraine spricht man von Mindererträgen bei der Sommergerste und beim Raps, wenn es nicht bald regnet auch beim Mais. In den Sommerweizenregionen der USA (Nord- und Süd-Dakota) herrscht bereits Dürre, die auch in die südlichen Prärien Kanadas ausstrahlt. In den Winterweizenregionen werden die Erträge mit »mixed«, also durchschnittlich beschreiben. Alles in allem sind das zwar keine Signale für eine Missernte, aber die Erwartungen werden nicht erfüllt. Statt einer ausgeglichenen Bilanz droht weltweit zum ersten Mal seit 2010 ein Abbau der globalen Vorräte an Futtergetreide. Und zwar nicht nur um ein paar Mio. t, sondern nach der Prognose des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA) weltweit sogar gleich um 40 Mio. t bzw. 15 %. In solchen Betrachtungen empfiehlt es sich immer, China außen vor zu lassen. Denn die chinesischen Getreide- und Ölsaatenbestände stehen dem Weltmarkt nicht zur Verfügung. Aber selbst im Rest der Welt schrumpfen die Vorräte noch um 20 Mio. t bzw. 12 %. Nicht ganz so dramatisch, aber in die gleiche Richtung gehend, klingen die Prognosen für den Weizen: Global dürften die Vorräte auf dem Vorjahresniveau stehen bleiben, außerhalb Chinas werden sie um wenigstens 8 % fallen, die jüngsten Wetterereignisse eingerechnet vermutlich sogar um 10 %. Das alles bei etwa konstantem Verbrauch.

Vergleichbar ist das Bild bei den Ölsaaten. Nach den Zahlen des USDA wird die  weltweite Ernte der sieben wichtigsten Ölsaaten um 3 Mio. t (das sind weniger als 1 %) steigen, währenddessen die Verarbeitung um 17 Mio. t (3,5 %) zulegen soll. Das betrifft vor allem die Sojabohne, deren Produktion um 7 Mio. t sinken soll (– 2 %), während die US-Analysten die Verarbeitung um 11 Mio. t höher  ansetzen (+ 3,7 %). In diesen Zahlen ist noch nicht berücksichtigt, dass die sich aufbauende Trockenheit in den US-Sojaregionen sicherlich den ein oder anderen Ertragsschaden nach sich ziehen wird.
Umgekehrt ist es beim Raps, dessen weltweite Ernte stärker steigen soll als der Verbrauch. Aber hinter dieser Prognose steckt die Annahme eines rekordhohen kanadischen Ergebnis. Für die EU gilt dies nicht – und das Preisniveau der Ölsaaten wird von der Sojabohne und dem Palmöl bestimmt (siehe auch Seite 21).
Wenn sich die Stimmung wie beschrieben dreht, dann werden alle Händler, Futtermischer, Ölmüller und Börsianer auf dem falschen Fuß erwischt, die auf weiter fallende oder wenigstens gleichbleibende Preise gesetzt haben.
Tatsächlich haben viele Fonds an der Börse in Chicago  auf Baisse gesetzt und müssen jetzt Deckungskäufe tätigen. Das treibt die Preise. Auch viele Mühlen und Mischfutterwerke haben weniger Kontrakte in ihren Büchern als üblich und müssen jetzt verstärkt kaufen. Die Nachfrage steigt also. Nicht unbedingt stürmisch (dafür sind die Ernteaussichten noch zu gut), wohl aber stetig.

Was bedeutet das für die Preisentwicklung? Dass die Preise für Getreide und Raps im Juni steigen, ist nicht außergewöhnlich. Das war schon in vielen Jahren so, etwa 2010, 2012, 2015 und im vergangenen Jahr. Von Ausnahmejahren mit schweren Dürreereignissen (2010 brannte Russland, 2012 vertrockneten die USA) abgesehen beruhigt sich der Preisauftrieb kurz vor der Ernte und mündet in den typischen Erntedruck sowie anschließend in einem flachen Preisverlauf.
Wirklich spannend wird es zum Jahreswechsel hin. Denn dann sprechen wir wenigstens im Falle Australiens wieder von einer normalen Ernte, die Überhänge aus 2016 dürften bis dahin abgebaut sein. Der US-Weizen spielt dann wie meistens keine Rolle, denn bei kleinerer Ernte sinkt der Druck. Ohnehin ist in den USA der Blick immer mehr auf Mais und Sojabohnen gerichtet.  Russischer und ukrainischer Weizen dürfte wieder den Markt dominieren, auf jeden Fall in den Ländern, die nicht ausgewiesen auf hohe Qualitäten setzen.
Innerhalb der EU wird Frankreich sicherlich bei den Exporten Gas geben, schon allein um die im abgelaufenen Wirtschaftsjahr verlorenen Marktanteile wiederzugewinnen. Im EU-Binnenmarkt dürfte der hohe Anteil des Weizens in den Mischfutterrationen erhalten bleiben. Denn EU-Mais wird aller Voraussicht nach nicht in größerem Umfang zur Verfügung stehen als im zu Ende gehenden Jahr. Da gleichzeitig geringere Exportüberschüsse aus Brasilien, den USA und vor allem (für die EU wichtig, weil GVO-frei) der Ukraine absehbar sind, werden die Futtermischer Weizen suchen.

Nicht viel anders dürfte es beim Raps aussehen. Nicht nur, dass die kanadische Ernte noch lange nicht »gemacht« ist und damit von dort noch Überraschungen kommen können. Zuletzt machten sich Sorgen um Trockenheit breit, nachdem die Saat vielerorts wegen Nässe verspätet in die Erde kam. Vor allem aber werden die Australier allen Prognosen zu Folge wieder zu einer Normalernte (3 bis 3,5 Mio. t) Raps zurückkehren.
Die 4 Mio. t des laufenden Jahres ermöglichen stramme Exporte und gleichen die enge Rapsbilanz der EU aus. Aber bei einer erneut schwachen EU-Ernte, die Prognosen kreisen um die 21,5 Mio. t, fehlen dann schnell die Importherkünfte. Zumal auch aus der Ukraine etwas weniger Raps als im abgelaufenen Wirtschaftsjahr erwartet wird. Während und kurz nach der Ernte wird die absehbare Knappheit aller Voraussicht nach noch nicht am Preis spürbar. Meist ist es die Zeit nach dem Jahreswechsel bis Februar, in der die Raps-preise ihren Zenit erreichen. Denn dann sind die Erfassungsmengen und Kontrakte aus dem Sommer meist aufgebraucht und die Ölmühlen müssen aus einen knapp versorgten Markt heraus kaufen.
Der Rohölpreis spielte in den vergangenen Wochen nur eine untergeordnete Rolle für den Raps. Zwar unterstützen hohe Ölpreise tendenziell den Raps als Ölfrucht. Aber den jüngsten Preisverfall beim Rohöl ignorierte der Ölsaatenmarkt völlig und orientierte sich vielmehr an Angebot und Nachfrage. Entscheidender als der Ölpreis wird der Dollarkurs sein: Ein Dollar/Euro-Verhältnis von 1,04 verteuert die Importe und hilft den innergemeinschaftlichen Preisen. 

Für die Vermarktungsstrategie der anstehenden Ernte lassen sich daraus zwei Grundlinien ableiten:

  • Wer über ausreichend Liquidität verfügt und Kapazitäten für die Lagerung seines Getreides und Raps hat, hat gute Chancen auf einen hübschen Mehrerlös im Winter. Aber eben erst im Winter, denn kurzfristig dürfte das Potential für weitere Höhenflüge begrenzt sein.
  • Wer jetzt schon verkaufen will oder muss, sollte als erstes (sofern vorhanden) den Roggen abstoßen, da der sehr gesucht ist und der Preisabstand zum Weizen ungewöhnlich niedrig ist. Sehr hohe Preise (bis zu 190 €/t in Süddeutschland) erzielt auch Braugerste, was sie ebenfalls für aktuelle Geschäfte empfiehlt. Als dritte (und in allen Betrieben vorhandene) Verkaufsfrucht empfiehlt sich der Raps, denn der kann immer noch unter die Räder einer guten kanadischen Ernte sowie erneut guter Sojaernten in Nord- und Südamerika kommen. Auch wenn es in Nordamerika aktuell nicht danach aussieht –  möglich ist es. Gerste und vor allem Weizen haben die besten Chancen auf einen ordentlichen Preisanstieg im Winter, denn die Masse der weltweiten Getreideernte ist entweder bereits gemacht oder aber im Wesentlichen vorbestimmt.

Aus DLG-Mitteilungen 7/17. Den vollständigen Artikel als pdf finden Sie hier.

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