Und was kommt als Nächstes?

 

Im finsteren Mittel­alter, das in Wirklichkeit gar nicht so finster war, wie es nachfolgende Jahrhunderte dargestellt haben, waren Drachen das Sinnbild für nicht erklärbare Bedrohungen der Menschen. Wie weit haben wir es doch im aufgeklärten, globalen, vernetzten 21. Jahrhundert gebracht! Auch außerhalb des Nahen Ostens scheinen wir nicht so aufgeklärt zu sein, wie wir uns selbst gerne sehen. Statt vor Drachen fürchten wir uns vor nur wenigen Dingen mehr als vor der Grünen Gentechnik. Glücklicherweise haben wir engagierte Drachentöter, die sich mutig jedem möglichen Wiederaufleben dieser mörderischen Brut entgegenwerfen. Deutschland muss drachen-, pardon: gentechnikfrei bleiben!
Dass diese nicht ganz neue Forderung im November erneut an vielen Stellen des Politikbetriebes hochkochte, liegt an Verhandlungen, die EU-Kommission, Ministerrat und Parlament gerade führen. Es geht um die Spielräume der EU-Länder, »Gentechnik« eigenständig verbieten zu können. Ganz konkret will man ein Loch stopfen, durch das Europas letzter Drachen, der Bt-Mais 1507, vielleicht doch noch schlüpfen könnte. Die EU muss ihn nach einer langen und juristisch einigermaßen komplizierten Vorgeschichte genehmigen, falls er überhaupt zur Zulassung angemeldet wird. Deshalb soll für GVO-Zulassungen künftig nicht nur die (in diesem Fall positive) wissenschaftliche Bewertung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) maßgeblich sein. Auch sozioökonomische und nach der neuesten Forderung des EU-Parlamentes sogar von der EFSA nicht berücksichtigte »eigene« Umweltgründe der einzelnen EU-Länder sollen gelten. Damit kriegt man jeden Drachen ohne großen Aufwand (sprich: Begründung) erlegt.
Und alle klatschen Beifall. Auch die meisten Landwirte in Deutschland können sich das Leben ohne Gentechnik weiterhin sehr gut vorstellen. Anders als in Amerika gibt es für sie ja keine attraktiven Angebote. Die neuen GVO-Regeln sollten dennoch auch Landwirte hellhörig machen. Die nächste Baustelle der Drachentöter könnte nämlich der chemische Pflanzenschutz sein. Da zeichnen sich ganz ähnliche politische Entwicklungen ab: Die wissenschaftliche Bewertung durch die EFSA wird ausgehöhlt, nationale Bewertungen und Befindlichkeiten erhalten einen höheren Stellenwert. Der Fall »Neonics« hat bereits gezeigt, wie dieser Mechanismus funktioniert. Weitere Wirkstoffe – zum Beispiel die tatsächlich oder vermeintlich hormonell wirksamen – könnten folgen. Und dann haben auch deutsche Landwirte ein Problem – nicht mit dem Drachen, sondern mit dem Drachentöter.

 

Thomas Preuße