Meinung. KI und Klimaschutz im Zielkonflikt
"Wer KI will, muss auch über den Strom sprechen", sagt Internetberater Dr. Torsten Beyer im Interview.
Herr Dr. Beyer, die Digitalisierung erscheint als Schlüsseltechnik für alles, auch die Landwirtschaft. Hilft oder schadet das der Umwelt?
Beides! Wir gewinnen natürlich wahnsinnig viel Effizienz und Zeit bei der Datenverarbeitung und -übermittlung. Allerdings ist Software bisher nie auf ihren Stromverbrauch und damit auf ihren CO2-Ausstoß hin optimiert worden, weil Hardware ja immer leistungsfähiger wurde. Nur hat deren verfrühter Austausch auch einen riesigen CO2-Fußabdruck. KI braucht noch viel mehr und leistungsfähigere Hardware. Damit kommt das Thema jetzt endlich in das Blickfeld der Öffentlichkeit.
Ist das relevant? Oder geht es vielmehr um den Stromverbrauch? Eine E-Mail kostet doch weniger CO2 als ein Brief.
Oh ja. Denken Sie an die Mengen.Heute werden 300-mal mehr E-Mails als Briefe verschickt. Und von denen ist die Hälfte nutzloser Spam, weil die Kosten dafür quasi null sind. Da sieht man wieder den typischen »Rebound«-Effekt, der die Einsparung bezogen auf eine einzelne Konversation durch Mehrnutzung ins Gegenteil verkehrt.
Wenn das so eng ist, gefährdet dann Digitalisierung die Stromversorgung?
Der ehemalige Google-Chef, Eric Schmidt, hat gerade prognostiziert, dass KI-Rechenzentren bald 99 % des heute weltweit produzierten Stroms benötigen. Daher wird in den USA der Ausbau der Kernenergie und von Kohle- und Gaskraftwerken massiv vorangetrieben. Auch unsere neue Regierung plant 20 Gigawatt neue Gaskraftwerke. Aber das schadet eher unseren Bemühungen um Klimaneutralität.
Im Rhein-Main-Gebiet regt sich Widerstand gegen den Bau neuer Rechenzentren, da neben dem Flächenverbrauch Unmengen an Wasser zur Kühlung benötigt werden. Daher reglementiert selbst Frankfurt inzwischen den Neubau.
Was heißt das am Ende? Können wir nicht weiter digitalisieren, weil uns der Strom fehlt?
Natürlich muss hierzulande niemand befürchten, dass ihm wegen eines Rechenzentrums in der Nähe der Strom rationiert wird. Aber für alle Länder der Welt würde ich das nicht unterschreiben. Das kennen wir auch von Agrarexporten: Da zählt oft die lokale Bevölkerung im Zweifel nicht.
Firmen wie Open AI machen Verluste in Milliardenhöhe, finden in der aktuellen Goldgräberstimmung jedoch noch genug Investoren, die das finanzieren. Das wird so als Geschäftsmodell dauerhaft nicht funktionieren und die Preise für die KI-Nutzung werden deutlich steigen. Oder die Rohstoffe für den Bau von Hochleistungs-Chips fehlen. Dann werden die Emissionen hoffentlich schwächer ansteigen als prognostiziert.