26.07.2016

KTG. Börsentraum eines Bauern

Foto: KTG

Die Frankfurter Finanzwelt ist gewiss nicht die Welt des Siegfried Hofreiter. Dennoch bringt er seinen landwirtschaftlichen Großbetrieb an die Börse.

Schnell gelesen:

  • Die KTG Agrar ist pleite.

  • Jetzt wundern sich alle, was für ein Unternehmen das eigentlich war.

  • Man hätte es wissen können: Schon vor fast zehn Jahren, im November 2007, erschien dieser Beitrag in den DLG-Mitteilungen.

 

Der erste deutsche Bauer geht an die Börse. Es hat in den vergangenen Jahren wohl nur wenige Meldungen aus unserer Branche gegeben, die eine so breite Resonanz in den Wirtschaftsteilen der großen Zeitungen gefunden hat. Bereits im Sommer hatte der Preisanstieg zunächst von Milch, dann auch von Getreide zu einem ungewöhnlichen Interesse auch der Medien an der Landwirtschaft geführt. Auf diesen Boden baut Siegfried Hofreiter. Seit Mitte November ist die KTG Agrar AG, deren Vorstandsvorsitzender er ist, an der Frankfurter Börse notiert. Die ausgegebenen Aktien sind vollständig platziert worden, der Emissionserlös beträgt brutto 23 Mio. €. Eine Menge »Spielgeld« für einen Landwirt.
Was ist das für ein Mann, der einen Schritt geht, den zu gehen sich vor ihm noch keiner getraut hat, nämlich ein Unternehmen der Primärproduktion an die Börse zu bringen? Und was ist das für ein »Laden«, in das Investoren jetzt ihr Geld stecken?

Siegfried Hofreiter stammt aus Bayern, hatte Landwirtschaft gelernt, Erfahrungen als Betriebsleiter in Ackerbaubetrieben und als Geschäftsführer einer Import-Export-Firma gesammelt, bevor er ab 1995 als Landwirt und Berater in den ostdeutschen Bundesländern tätig wurde. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Beatrice Ams und seinem jüngeren Bruder Werner hat er sukzessive die heutige KTG AG als Holding für ein weit verzweigtes Konglomerat von landwirtschaftlichen Betrieben und Vermarktungsgesellschaften aufgebaut.
So ganz bruchlos ist die Karriere des Siegfried Hofreiter allerdings nicht verlaufen. 2002 war er vom Landgericht Dachau wegen Konkursverschleppung und Bankrotts in je zwei Fällen verurteilt worden und durfte deshalb bis zum Herbst 2007 nicht als Vorstand oder Geschäftsführer von Aktiengesellschaften tätig sein. So fungiert beim Börsengang seine Lebensgefährtin als »Altaktionärin«.

In den letzten zwölf Jahren ist die KTG gleichwohl zu einem der größten Agrarunternehmen in Europa geworden. Gestartet war sie mit 600 ha in der Altmark. Heute bewirtschaftet die Gesellschaft über Tochterunternehmen und Beteiligungen mehr als 12 000 ha in Deutschland, davon 6 700 in Brandenburg, 2 000 ha in Mecklenburg, 1 850 ha in Sachsen-Anhalt und 1 000 ha in Sachsen. 30 % dieser Flächen können beregnet werden. Auf 45% findet Öko-Landbau nach EU-Richtlinien statt, für die Produkte hat die KTG eine eigene Vermarktungsgesellschaft. Etwa 2 000 ha werden in Litauen bewirtschaftet. Vor allem die Flächen in Litauen sind Eigentum, die in Deutschland mit wenigen Ausnahmen gepachtet.

2006/2007 nahm die KTG an zwei Standorten insgesamt zehn Biogasanlagen mit einer Gesamtleistung von 6,5 MW elektrischer Leistung in Betrieb. Hofreiter hofft, dass sie vor dem Hintergrund der neuen EEG-Einspeisevergütungen als Einzelanlagen gelten. Eine Nutzung der Abwärme ist für die Zukunft vorgesehen. Die Rohstoffversorgung der Biogasanlagen nimmt 15 % der Fläche in Anspruch.
Als Dienstleistungszweig betreibt die KTG unter anderem das Management ganzer Betriebe. Insgesamt beschäftigt sie 123 Mitarbeiter, davon 25 in der Verwaltung. Ende 2006 waren es nur 101: Die Biogasaktivitäten und der Börsengang sind nicht zum Nulltarif zu haben.
2006 hat die KTG etwa 18 Mio. € umgesetzt und ein Ergebnis vor Steuern von 2,5 Mio. € erreicht. Wobei man die dabei resultierende Rendite nicht ohne weiteres mit Unternehmen anderer Branchen vergleichen kann, da die Berechnungsgrundlagen andere sind. 40 % des Umsatzes stammten aus dem konventionellen, 25 % aus dem Öko-Landbau, zum Rest haben nicht nur Dienstleistungen, sondern auch Transaktionen beigetragen.

Knappe Liquidität, Führungs- und Nachfolgeprobleme brachten und bringen manchen großen ostdeutschen Agrarbetrieb in Schieflage, gerade auf weniger guten Standorten. In diesem Revier tummelt sich die KTG. Es ist klar, dass bei Nachbarn von Hofreiters Unternehmen jetzt die Sorge umgeht, das Kapital von der Börse werde regionale Bodenmärkte deutlich beeinflussen. Mit seinem Geschäftsgebaren hat sich Hofreiter nicht nur Freunde geschaffen. »Macht durch Größe« ist die Formel, auf die Kenner der Szene die Position dieses Unternehmens in Teilen Brandenburgs oder Mecklenburgs bringen.

Bei einem Börsengang liegen die Zahlen und Fakten für jedermann offen auf dem Tisch, auch das ist neu in der produzierenden Landwirtschaft. Der sogenannte »Wertpapierprospekt« (ein Buch von 280 Seiten und mehr als sieben Siegeln) zeigt: Die KTG ist ein unglaublich unübersichtliches, verschachteltes Unternehmen. Da zählt man etwa 30 Betriebsgesellschaften, mehrere Zwischenholdings und Handelsgesellschaften. Das Zahlenwerk, das für den Börsengang veröffentlicht wurde, zeigt ständige Transaktionen innerhalb der Holding, und sei es nur das Verkaufen und anschließende Zurückmieten einer Beregnungsanlage, das die Bilanz »mal eben« um 152 000 € bereichert. Interessenkonflikte innerhalb des Unternehmens oder nicht bilanzierte Verbindlichkeiten sind weitere Risikofaktoren, die im Wertpapierprospekt offen angesprochen werden.

Und nun die Börse. Neben 8 % Privatanlegern dürften vor allem Fonds, deren Geld in saubere« Anlagen fließen soll, zu den 23 Mio. € beigetragen haben. Deshalb betont Hofreiter immer wieder den Öko-Landbau, die Gentechnik-Freiheit, die Kreislaufwirtschaft mit den Reststoffen der Biogasanlagen.
Mit dem Börsengeld will die KTG Verbindlichkeiten ablösen, zusätzliche Flächen in Litauen und Betriebe in Deutschland kaufen und Beteiligungen aufstocken. »In den nächsten zwei, drei Jahren sind die Chancen günstig«, so Hofreiter. »1000 Betriebe in Ostdeutschland stehen ohne Betriebsleiternachfolge da.«

Thomas Preuße

Aus DLG-Mitteilungen 12/07. Den vollständigen Artikel finden Sie hier.
Weitere Artikel zum Thema:
"So geht es den Börsenbauern" aus DLG-Mitteilungen 07/14,
Kommentar "Am Abgrund" aus DLG-Mitteilungen 07/16.

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