08.06.2016

Ernte. Lohnt sich ein Springer?

Foto: Feiffer

Optimale Erntebedingungen und pralle Sonne, aber stehende Mähdrescher – dieser Anblick schmerzt jeden Betriebsleiter. Denn das kann über die Ernteperiode hinweg schnell an die 10 000 € kosten. Zeit, über einen Wechselfahrer nachzudenken, meint Andrea Feiffer.

Schnell gelesen:

  • Die Ernte steht vor der Tür, da darf der Mähdrescher nicht stillstehen.
  • Wer nur auf das Stammpersonal setzt, pokert hoch.
  • Gerade in größeren Betrieben hat der Chef nichts auf dem Mähdrescher verloren.
  • Ein Wechselfahrer könnte die Maschinenleistung und damit die Erntesicherheit erhöhen.

Blickt man auf die Leistungsbereiche der heutigen Mähdrescher, so sind 70 t pro Stunde bei Verlusten von unter 1 % keine Seltenheit. Wachsende Schneidwerksbreiten, hohe Fahrgeschwindigkeiten, maximaler Durchsatz – das verlangt dem Fahrer ein Höchstmaß an Konzentration ab. Welcher Fahrer soll das auf Dauer aushalten? Der Mensch setzt das Limit. Das wird mit jeder neuen Leistungsgeneration deutlicher.

Wechselfahrer – der Betriebsleiter ist gefordert. Immer wieder nimmt man sich vor, das Thema Wechselfahrer genauer unter die Lupe zu nehmen, um es dann genauso schnell unter der dünnen Personaldecke verschwinden zu lassen. Es scheitert schlicht an der konsequenten Umsetzung. Man muss einen talentierten Mann aus der Mannschaft aussuchen und dessen Tätigkeit durch einen anderen zur Ernte ersetzen. Man muss Zeit in ihn investieren und ihn ausbilden, man muss die anderen Stammfahrer auf das Ablösesystem einschwören, auch wenn sie die alleinigen »Erntekapitäne« bleiben wollen. Man muss Verantwortlichkeiten klären und das System umorganisieren – das kostet Zeit und Nerven. Mit einem Wort, man muss es wollen, denn das Modell an sich schreibt schwarze Zahlen. Immerhin handelt es sich bei den Pausen um die besten Erntestunden des Tages. Natürlich macht das Mühe und man glaubt, man hat noch Zeit, das zu überlegen und bringt weitere Gegenargumente vor. Das sind aber nichts als Selbstentschuldigungen.

Einsatz eines Springers

Viele Betriebe zeigen, dass es auch anders geht. Im Agrarunternehmen Barnstedt beispielsweise steht für vier Mähdrescher ein Springer zur Verfügung. Diese Mitarbeiter mausern sich schnell zum Schlüsselfaktor. Sie lösen nicht nur ab, sondern setzen Schneidwerke um, holen und bringen Ersatzteile und sind plötzlich unentbehrlich. Und: Sie sind rentabel. So zeigen Untersuchungen, dass mit einem Wechselfahrer 5 bis 10 t pro Stunde mehr Durchsatz erreicht werden können.

Nicht ohne Hindernisse. Die Mähdrescherfahrer wollen und brauchen zwar eine Pause, sie wollen oft aber nur ungern ihre Maschine teilen. Das kann dahingehend umschlagen, nicht mehr die volle Verantwortung für den Mähdrescher wahrnehmen zu wollen. Dieses besitzbeanspruchende Denken – mein Schlepper, mein Mähdrescher – ist von Vorteil, wenn Sie wenige gute Fahrer haben und Sie sich auf diese verlassen müssen. Sie kümmern sich intensiver um ihre Maschinen. Aber die Industrie beweist uns, dass sich im Drei-Schicht-System auch drei unterschiedliche Personen um eine Maschine perfekt kümmern. Es bedarf klar abgegrenzter Verantwortungsbereiche.

Die betriebswirtschaftliche Bilanz wird dabei oft falsch gezogen, weil man offene und verdeckte Kosten hat. Ein Wechselfahrer verursacht kalkulierbare Lohn- und Sachkosten. Bei den Einsparungen, die er durch eine reibungslose, schnellere Ernte ohne Pausen bringt, wird es schon schwieriger. Was macht das bei Trocknung, Verlusten, Qualitäten, Erntesicherheit, Folgearbeiten usw. aus? Hier ist eine genaue Berechnung schwierig, wenn nicht gar unmöglich, weil Sie sich durch eine ganze Kette von Effekten rechnen müssen. Deshalb werden zunächst gängige Faustzahlen genutzt, die Sie dann »gefühlsmäßig« an die eigene betriebliche Situation anpassen können.

Bleibt ein Mähdrescher in der besten Druschzeit stehen, so kostet jede Minute Wartezeit etwa 5 €. Ein Betrieb mit hohem Zeitdruck wegen knapper Mähdrescherausstattung muss den Minutenpreis auf über 8 € pro Minute schrauben. Im Gegenzug können Sie bei großzügiger Mähdrescherkapazität diesen Wert auf 4 € pro Minute Stillstand senken.

Hat der erstere Betrieb zwei Mähdrescher der mittleren Leistungsklasse mit je 700 ha Druschfläche, so kosten zwei halbstündige Pausen am Tag bei 20 Erntetagen schon fast 20 000 €. Für den zweiten Betrieb, der mit den beiden Mähdreschern jeweils nur 400 ha innerhalb von 15 Tagen erntet, kosten zwei Pausen am Tag »nur« 7 200 €. Das heißt, die Brisanz des Zeitdruckes entscheidet über die Wartekosten.

Fahrerentlastung durch Assistenzsysteme

Viele Betriebsleiter haben angesichts der Kosten die Pausen ersatzlos gestrichen. Lieber investieren sie in Assistenzsysteme, wie Lenkhilfe oder Durchsatzregler, die neben der Leistungssteigerung zugleich den Fahrerkomfort erhöhen, sodass der Fahrer auch bei voller Fahrt die Hände frei hat zum Essen. Dennoch sind Assistenzsysteme kein Pausenersatz, weil es nicht nur um das ungehinderte Essen geht, sondern mehr noch ums Abschalten. Selbst wenn man nicht Lenkrad und Fahrhebel bedienen muss, ist ungebrochene Konzentration gefordert. Studien zeigen, dass nicht abgelöste Fahrer im Laufe des Erntetages in den Sicherheitsmodus wechseln. Die Arbeitsgeschwindigkeit wird nur so hoch gewählt, um bequem und sicher über den Tag zu kommen. Der Leistungsverlust kann durchaus höher sein als zwei Pausen mit Maschinenstillstand. Kosten zwei halbstündige Pausen an einem 10-Stunden-Tag etwa 10 %, kann der bequeme Fahrstil schon 20 % Leistungsverlust bedeuten.

Die Frage ist demnach nicht: Augen zu und durch oder Pause, sondern Wechselfahrer oder Pause? Vielfach übernimmt der Betriebsleiter diese Aufgabe. Er bringt das Essen und löst die Fahrer ab. Bei ein bis zwei Mähdreschern mag das gehen, vorausgesetzt, er hat den Mähdrescher auch gut im Griff. Oft fährt der Chef jedoch unkonzentriert weiter, ohne den Mähdrescher wirklich zu beherrschen und nutzt die Zeit, um zu telefonieren, Getreide zu handeln, Probleme zu lösen. Die Zeit des Betriebsleiters ist eigentlich zu hochwertig.

Lenkhilfen, Durchsatzregler – die »Erntekapitäne« haben in der Kabine immer weniger zu tun. Trotzdem sind Assistenzsysteme kein Pausenersatz.
Foto: landpixel

Gemeinsame Pause

Im Gutsbetrieb Derenburg weiß man die weichen Faktoren der gemeinsamen Pause zu schätzen. Betriebsleiter Münchhoff leistet sich mit seinen Mitarbeitern in der Ernte nicht nur den Luxus von zwei Pausen, sondern auch einen geordneten Feierabend gegen 22 Uhr. Jeder Betriebswirtschaftler würde angesichts des Hektarumfanges von etwa 900 ha die Stirn runzeln, dennoch schafft der Mähdrescher etwa 50 t/h – und das im Tagesdurchschnitt. Druschbeginn ist bei Kornfeuchten um 16 %, im Regenschatten des Harzes durchaus gegen halb elf.

Der Mähdrescherfahrer ist um sieben Uhr morgens auf dem Hof. Er benötig etwa drei Stunden Vorlauf, für Tanken, Schmieren, Reparaturen und Umsetzen. Gegen halb eins wird eine Mittagspause von 20 Minuten eingelegt. Der Betriebsleiter bringt das warme Essen an die per Funk ausgemachte Stelle. Alle Abfahrer hören mit und können sich einrichten. Selbst der Mann aus dem Lager wird vom letzten Abfahrer mit auf das Feld gebracht und vom ersten Abfahrer wieder mit zurückgenommen. In den 20 Minuten wird gegessen, Wichtiges und Unwichtiges besprochen, jeder weiß was läuft. Das erhöht die Motivation und Konzentration.

Die abendliche Pause gegen halb sechs wird so koordiniert, dass zugleich Diesel nachgetankt werden kann. Wenn die Kornfeuchte mehr als 16 % beträgt, ist oder spätestens um 22 Uhr, ist auf dem Feld Feierabend. Auf dem Hof trifft man sich kurz zum »Feierabendbier«. Das ist gut als Abspann für den Erntetag, zumal die eigene Familie längst im Bett liegt. Zugleich wird der nächste Erntetag besprochen. Um elf Uhr abends ist das Hoftor zu und die Mitarbeiter haben etwa sieben Stunden Schlaf, nachdem sie 17 Stunden auf Achse waren. Das wirkt sich leistungssteigernd innerhalb der Erntesaison aus und reduziert die Schäden, die vorzugsweise nachts passieren. Dieses Pausensystem wird sich aber nur der leisten, der die verbleibende Erntezeit hochprofitabel mit straffer Organisation nutzt.

Fazit. Die Beispiele zeigen, dass es vielfältige Lösungsansätze gibt. Hauptziel ist dabei, eine hohe Leistung in den besten Druschstunden abzusichern. Alle Aufwendungen des Jahres summieren sich zur Ernte. Wer auf nur einen Stammfahrer setzt und hofft, es wird schon gut gehen, pokert hoch. Eine Sommergrippe oder ein Beinbruch genügen, um in Personalnot zu geraten. Auch wenn Sie nicht mit Springern und Wechselfahrern arbeiten wollen, so sollte doch ein Reservefahrer bereitstehen. Dieser muss genauso geschult und weitergebildet werden wie die Stammfahrer. Im Falle eines Falles muss die Mannschaft umbesetzt werden können, um die reibungslose Ernte zu gewährleisten. Das muss man besprechen, einplanen, üben und bei einer Umsetzung die Ernte- und Logistikkette bis zum Ende durchdenken.

Dr. Andrea Feiffer, feiffer consult, Sondershausen

Aus DLG-Mitteilungen 7/2015. Den vollständigen Artikel als pdf-Datei finden Sie hier.

 

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