Bio-Märkte. Bio boomt – aber bleibt das so?

In den letzten Jahren war der Ökolandbau eine Erfolgsgeschichte. Geht es nach den politischen Zielen, soll das so bleiben. Conrad Thimm zeigt jedoch: Das Wachstum hängt stärker von den Märkten ab als von der Politik. Doch wohin entwickeln sich die Märkte?

So sehen Sieger aus, möchte man auf den ersten Blick meinen: Von 2015 bis 2019 ist das Bio-Ackerland in Deutschland von 445 000 auf 700 000 ha gewachsen. Das sind 14 % – pro Jahr! 2015/16 war der sprunghafte Anstieg der Nachfrage nach Futtergetreide im Rahmen der Milchumsteller-Welle ein wesentlicher Treiber auch für die Umstellung des Ackerbaus. Da die Molkereien nach 2016 nur noch wenige Umsteller aufnahmen, beruhigte sich auch die Nachfrage nach Umstellungs- und Bio-Futtergetreide. Die neuen Ackerbauumsteller befriedigten die Futtergetreide-Nachfrage und verdrängten auch Bio-Futterimporte. Im Jahr 2020 sind dann die Umstellerzahlen auch in Folge eines Marktsättigungsgefühls deutlich zurückgegangen.
Zwei Herzen schlagen in der Brust überzeugter Ökos: Politisch wird mehr Ökolandbau gefordert. Die Praxis aber erweitert die Ökoflächen eher differenziert und behutsam.  Dabei ist die Meinung durchaus nicht einheitlich. Das hängt natürlich auch stark von den einzelnen Produkten ab. 

Mähdruschfrüchte: Gemischte Gefühle 


Die Umstellungswelle bei Marktfruchtbetrieben 2017 bis 2019 hatte dazu geführt, dass Bio-Roggen zeitweise schlecht abzusetzen war. Aber bei den anderen Getreidearten trafen größere Ernten auf eine höhere Nachfrage und verdrängten auch Importe. 

Roggen, Weizen, Dinkel. 2019 waren in Deutschland 208 000 t Bioroggen geerntet worden. Davon wurde so viel überlagert, dass 2020 weder eine um 12 % geringere Ernte half, die Lagerbestände abzubauen, noch eine verringerte Importquote. Inzwischen warnen erste Stimmen vor einem Roggen-Schweinezyklus. 2021 sind die Bioroggen-Vorräte weitgehend abgebaut und auch der Anbau ist eingeschränkt, so dass hier Licht am Ende des Tunnels zu sehen ist. 
Die Bio-Weizenernte hingegen stieg von 2018 bis 2020 um 40 % auf 360 000 t. Im Süden ist ein großer Teil davon als Backweizen geeignet, während der Norden und Osten aufgrund der Trockenheit im Mai nur Futterweizen ernteten. Umstellungs-Futterweizen war reichlich vorhanden; der Preis für frei flottierende Ware näherte sich dem konventionellen an. 2021 entspannt sich die Lage. Es stellen wieder mehr Betriebe mit Tierhaltung um; die Futter-Nachfrage steigt wieder stärker. Sie trifft auf mehr anerkannten Futterweizen, weil die Ackerbauer-Umsteller-Welle inzwischen anerkannt ist, und auf weniger Umstellerware, weil derzeit weniger Ackerbauern auf Bio umstellen. Steigende Preise wurden erwartet, bis die für ganz Nord- und Ostdeutschland ungewöhnlichen Regenmengen im Mai die Ertragserwartungen wachsen ließ.
Bio-Dinkel legte in dieser Zeit sogar um fast 50 % auf 131000 t zu. Trotzdem bleibt er gesucht und wird bestens bezahlt, denn im Markt werden Bio-Backwaren inzwischen sehr oft mit Dinkel gleichgesetzt. Bio-Dinkelsaatgut ist so knapp, dass erhebliche Mengen für den Nachbau zurückgehalten werden. Die Importstatistik unterscheidet nicht zwischen Weizen und Dinkel. Wurden 2018 noch ein Drittel des Bio-Weizen/Dinkel importiert, so waren es 2020 nur noch ein Fünftel. 2021 wird mehr Bio-Dinkel angebaut. Wer aus der Ernte verkaufen will, bekommt derzeit Kontrakte zu auskömmlichen Preisen. Wer lagern kann, kann auch spekulieren. 

Hafer und Gerste. Die Ernte von Bio-Hafer wuchs von 2018 auf 2020 um über 50 % auf 168 000 t. Gleichzeitig sank die Importquote von 23 auf 18 %. Hier geht ein Großteil des Zuwachses auf den Bedarf für Haferdrinks zurück. Allerdings könnte der Importdruck besonders aus Skandinavien wieder zunehmen. 2021 ist der Bio-Haferanbau so ausgeweitet worden, dass die Preise etwas nachgeben und mindere Qualitäten ohne Vertrag schwer abzusetzen sein könnten. 
Die Bio-Gerstenernte stieg von 2018 auf 2019 um fast ein Viertel, aber von 2019 auf 2020 nur noch um 1 % auf 162 000 t. Die Importe gingen in der Zeit um 6 Punkte auf 7 % zurück. Gerste spielt im Ökolandbau eine kleine Rolle; 2020 ist überdies die Nachfrage nach Braugerste zusammengebrochen. Die Bio-Triticale-Mengen wuchsen von 2018 auf 2020 um 12 %. Bio-Gerste und -Triticale werden vor allem als hofeigenes Futter verwertet. Die Nachfrage der Futtermühlen ist gering. 

Mais, Körnerleguminosen, Raps. Bio-Körnermais ist auch in Norddeutschland attraktiv, weil sich die Erträge durch den späteren N-Bedarf den konventionellen annähern. Die Gesamterträge erreichen 70 000 t. Dazu kommen 20 000 t Importe. Der Importanteil ist damit von 41 % 2018 auf 22 % 2020 gefallen. Die Nachfrage ist weiterhin stabil, der Anbau könnte weiter ausgebaut werden. Der Selbstversorgungsgrad mit Bio-Futtermitteln ist in den letzten acht Jahren von 68 auf 65 % geringfügig gefallen. Bei nutzbarer Energie werden immer noch fast 90 % erreicht, aber beim Rohprotein nur knapp 60 %. Entsprechend gesucht sind Leguminosen, Sojabohnen, Sojakuchen, Sonnenblumenkuchen, Rapsextraktionsschrot und Rapskuchen aus heimischem Anbau. 
65 % der Bio-Leguminosen werden importiert. In Deutschland werden die bisher führenden Futtererbsen zunehmend von Ackerbohnen aufgrund der Ertragssicherheit verdrängt. Lupinen sind auch von Lebensmittel-Verarbeitern gefragt, aber die Erträge schwanken immer noch zu stark. 2016/17 wurden 90 % der Bio-Soja-Futtermittel sowie 96 % der Bio-Sonnenblumen-Futtermittel importiert. Der heimische Anbau von Bio-Raps fällt durch jede Statistik. Für den Anbau solcher »Exoten« gibt es immer einen Markt. Gleiches gilt auch für Nutzhanf und Öl-Lein. 2022 tritt mit der neuen EU-Öko-VO die Pflicht zu 100 % Bio-Futter in Kraft. Das ist für Bio-Geflügel nur mit den Ölkuchen von Bio-Soja, -Sonnenblume, -Raps und -Lein zu machen, die entsprechend knapper und teurer werden. Die Mengen sind lieferbar, wenn gleichzeitig die Bio-Milchviehhalter weniger hochwertige Ölkuchen und mehr Leguminosen verfüttern. Den Bio-Ackerbauern tut das gut, für Bio-Geflügelhalter wird es teurer. Die extreme Bio-Soja-Knappheit könnte bei Bio-Soja-Lieferungen aus Südosteuropa zur Koppelung mit Bio-Mais-Lieferungen führen und letzteren in Deutschland stark unter Druck setzen.  

Exkurs 1: Milch und Eier

Nach wie vor ist Milch die mit Abstand größte Produktkategorie im Ökolandbau.  Hier gilt so klar wie nirgendwo sonst: Erst Absatz sichern, dann umstellen! Seit 2016 möchten mehr Milchbauern umstellen, als die Molkereien zur Erhaltung des Biopreises aufnehmen. Trotz 30 % mehr Bio-Milch blieb der Erzeugerpreis weitgehend konstant. Erzeugungs- und Logistikkosten, Produktdifferenzierungen und Marketinggeschick machen den Unterschied. Mit Frischmilch allein kann heute keine Molkerei mehr überleben, auch nicht mit Bio-Frischmilch. Produktdifferenzierungen wie Weide- und Heumilch, diverse Käse, Joghurt und Quark, Schafs- und Ziegenmilch etc. sind Voraussetzungen für eine auskömmliche Wertschöpfung. Für den Bio-Milchmarkt als Ganzes gilt der Grundsatz: Behutsame Ausweitung der Mengen auch, wenn das Corona-Jahr 2020 erhebliche Nachfragezuwächse gebracht hat. 
Die zweitgrößte Bio-Kategorie ist das Hühnerei. Bio-Eier machen mehr als 20 % aller Eier-Verkaufserlöse in Deutschland aus – bei der Milch sind es unter 5 %.  Dabei handelt es sich zumeist um Legehennen in 3 000er Einheiten nach EU oder Bioverbandsrichtlinien. Der Absatz über den Einzelhandel ist präzise getaktet. Legehennen sind (über ganz Deutschland verteilt) oft ein wichtiges wirtschaftliches Standbein von Bio-Ackerbaubetrieben. Sie sorgen für organischen Dünger, Schließung der Nährstoffkreisläufe und relativ schnell verfügbaren Stickstoff im Frühjahr.
Fast 40 % der deutschen Bio-Eier kommen aus Weser-Ems. Dort liegt der Bio-Flächenanteil bei 1 %, denn bei Pachtpreisen von 1 200 Euro pro ha kann sich kaum jemand eine flächengebundene Produktion leisten. Mehr Tierhaltung ist nicht mehr möglich, die Eierproduktion auf kleiner Fläche ideal. Das Futter kommt von Ackerbaubetrieben im Osten Niedersachsens, aus Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt. Der Hühnertrockenkot geht dahin zurück. Kein Wunder, dass es auch im Osten immer mehr Bio-Ackerbaubetriebe gibt, die eine eigene Hennenhaltung aufbauen. Aber die Nachfrage nach Eiern decken auch sie noch nicht. Das gilt besonders für Verbands-Bio, wo gerade die nächste Herausforderung in Sicht kommt: das Aufziehen aller Bruderhähne. Denn weder Kükenschreddern noch In-Ovo-Selektion sind akzeptabel für echte Ökos. Und die EU-Öko-VO ab 2022 verpflichtet alle zu 100 % Bio-Futter.      

Hackfrüchte: Von der Kartoffel bis zum Kürbis


Die Mitgliedsbetriebe des Bio-Kartoffel Erzeuger e. V. (BKE) decken mit ca. 4 600 ha gut die Hälfte der Anbaufläche von Speise-Bio-Kartoffeln in Deutschland ab. Ein Kernthema des BKE ist die Neubewertung von Qualitäten, Regionalität und Produktsicherheit. Daraus ist eine Regel entstanden, an die sich sogar Aldi hält. Sie besagt, dass 300 Tage im Jahr deutsche Bio-Kartoffeln vor Bio-Frühkartoffeln aus Ägypten, Israel, Marokko, Spanien oder Süditalien bevorzugt werden. Das hat allerdings nicht verhindert, dass 2020 mit einem größeren Angebot und zum Teil schlechteren Qualitäten die Preise deutlich zurückgegangen sind. 
Möhren wurden auf Biobetrieben seit den 1980er Jahren für die Babykost-Industrie angebaut und machen inzwischen fast die Hälfte des frischen Biogemüse-Angebots aus. Kein LEH verzichtet darauf. Die Erträge und Preise erlauben auch 100 Stunden Handhacke pro ha. Die meiste Ware geht über große Packer wie Westhof-Bio oder Brocker-Möhren. Noch deutlich anspruchsvoller, aber bei Gelingen auch lohnender sind Zwiebeln. Hier muss die knappe deutsche Ware immer durch Importe ergänzt werden. Einfacher im Anbau sind Hokkaido-Kürbisse. Da kann noch etwas im Marketing getan werden, wie es Transgourmet mit einer Handreichung »regionale Bio-Kürbisse Topf- und Pfannen-fertig« vorgemacht hat. 

Zuckerrüben waren in Zeiten der Quotierung das größte Hindernis für die Ausweitung des Bio-Landbaus auf besseren Standorten. Das änderte sich zunächst  langsam mit 1 200 ha Bio-Zuckerrüben in Deutschland bis 2014 und dann Schlag auf Schlag bis auf 5 900 ha in 2019. Bis sich Unkrautroboter für das Hacken in der Reihe durchsetzen, bleibt der hohe Handarbeitsaufwand. Natürlich muss der Betrieb im Einzugsbereich einer Bio verarbeitenden Zuckerfabrik liegen.    

Exkurs 2: Fleisch

51 % mehr Biofleisch-Absatz in der Zeit von 2015 bis 2019: Das liegt vor allem an verpackter SB-Ware und nicht an Fleischtheken. 2017 betrug der Biorindfleisch-Anteil in Deutschland 5,3 %. Beim Schweinefleisch waren es nur 1,2 %. 2018 brachte ein Wachstum von 15 %, 2019 war der Umsatz stabil. 2020 wuchs der gesamte deutsche Bio-Fleischmarkt laut GFK um 52 % auf 50 000 t und einen Umsatzanteil am gesamten deutschen Fleischmarkt von 4,5 %. Vermehrt wurde dafür Bio-Fleisch aus den Niederlanden (Vion mit De Groene Weg) und Dänemark (Danish Crown mit Friland) eingeführt. Es könnten erheblich mehr Bio-Schweine vermarktet werden, wenn es denn die entsprechenden Mengen an Bio-Ferkel gäbe.    
Die meisten Bio-Tiere werden in großen bis sehr großen konventionellen Betrieben geschlachtet und zerlegt. Mit zunehmender Konzentration wird das für diese Betriebe immer uninteressanter. Soll weiterhin Bio-Fleisch vermarktet werden, so werden mehr weiter verteilte, kleinere Schlachtbetriebe gebraucht, was für diese Betriebe auch eine Chance sein kann. Vor allem aber werden Zerlegebetriebe gesucht, die das Fleisch als Selbstbedienungsware verpacken. Findet man keinen bestehenden Betrieb, dann stellt sich die Frage nach Neugründungen oder die Unterstützung entsprechender Strukturen.
 

Fazit. Es spricht viel dafür, dass die Nachfrage nach Bio weiterhin stärker wächst als das Angebot – aber niemand weiß es wirklich. Wird der Trend nach Corona ungebrochen weitergehen, sich vielleicht noch verstärken?
Oder werden wir eine Rezession erleben, in der die Anzahl der Menschen, die sich Bio leisten können oder wollen, wieder deutlich zurückgeht? 

Conrad Thimm, Bio2030.de, Berlin

Aus Öko-Trends 2021.

Ihr Kontakt zur Redaktion:
t.preusse@dlg.org