Agrarrohstoffe. Bauernopfer im globalen Machtspiel
Es geht eigentlich gar nicht um Zölle oder Wirtschaft. Vielmehr fechten die USA und China einen Kampf um die Dominanz in der Weltpolitik aus. Agrarexporte sind da nicht mehr als eine Figur auf dem Spielbrett, meint Carlos Mera.
Ganz offensichtlich ist die Welt heute ein Schlachtfeld zwischen den Einflusssphären der USA und Chinas. Dieser Machtkampf umfasst Kriege wie die in der Ukraine und im Nahen Osten sowie wirtschaftliche Maßnahmen wie Zölle, Subventionen und wichtige Exportbeschränkungen. Während sich die vor vier Jahren verfassten Agrarprognosen auf Angebot und Nachfrage als Ausgangspunkt konzentrierten, müssen wir unter den gegenwärtigen Umständen von der Geopolitik ausgehen. Wir alle sind, wenn auch gegen unseren Willen, in eine Art gigantisches geopolitisches Schachspiel verwickelt. Ein Schachspiel, in dem zwei Könige Züge machen, die Teil eines gut durchdachten Masterplans zu sein scheinen. Zu anderen Zeiten scheinen ihre Züge völlig unvorhersehbar und zufällig zu sein.
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Agrarrohstoffexporte sind die Bauernopfer im globalen Schachspiel zwischen den USA und China. Der Handelskrieg zwischen den USA und China im Jahr 2018 hatte nur marginale Auswirkungen auf die Landwirtschaft insgesamt. Die Sojabohne stand damals im Mittelpunkt. Der aktuelle Kampf hingegen ist existenziell, multidimensional und geht weit über den Handel hinaus. Der Schwerpunkt liegt auf Verteidigungslieferketten, Seltenen Erden, Halbleitern und Mikrochips, Robotik, Künstlicher Intelligenz, geistigem Eigentum und anderen. Jetzt sind alle Agrarexporte zu Bauern in einem Schachspiel degradiert worden. Als Gruppe sind sie unverzichtbar. Als einzelne Rohstoffexportprogramme sind sie hingegen zwar schön zu haben, aber leicht zu opfern.
Das bislang auffälligste Opfer ist das US-Sojaexportprogramm nach China. Im Jahr 2025 brachen die Exporte von US-Sojabohnen nach China zwischen Juni und Oktober ein. Bei Redaktionsschluss Anfang Dezember bestanden weiterhin Zweifel an den künftigen Exportmengen, obwohl die USA ein Handelsabkommen angekündigt haben.
Diese Ankündigung des Abkommens wurde von China nicht bestätigt, obwohl es die Einfuhrzölle auf US-Sojabohnen von 23 auf 13 % gesenkt hat (während brasilianische Sojabohnen in China nur einem Einfuhrzoll von 3 % unterliegen). Bis zur ersten Dezemberdekade wurde noch nichts unterzeichnet. Aber selbst wenn dies der Fall wäre, gilt es zu bedenken, dass der Handelskrieg von 2018 zu Kaufverpflichtungen seitens Chinas führte, die auf dem Papier stärker waren als in der Realität.
Der erste Schritt im Machtspiel: der Zollkrieg.
Die Trump-Regierung setzte als ersten Schritt Zölle ein. Diese Zölle und die Gegenzölle Chinas haben die Agrarströme verändert, manchmal mit unbeabsichtigten Folgen. In jedem Fall werden die Terminpreise für Getreide und Ölsaaten aufgrund der Schlagzeilen aus den USA und China weiterhin kurzfristigen Schwankungen ausgesetzt sein. Darüber hinaus erwarten wir, dass sich die Preisunterschiede zwischen verschiedenen Regionen angesichts von Zöllen und anderen Handelsbarrieren vergrößern. Vor der Bekanntgabe des Abkommens zwischen den USA und China lag beispielsweise der Exportpreis für Soja aus Brasilien um 74 US-$/t über der Börsennotierung in Chicago, während der für Soja aus dem Golf von Mexiko nur um knapp 30 US-$/t über der Börse lag. Und in North und South Dakota, von wo Sojabohnen normalerweise über den Pazifik nach China exportiert werden, gab es einen Preisnachlass von einem ganzen Dollar. Seit dem Abkommen haben sich diese Unterschiede verringert.
Zölle wirken auch auf Rohstoffe, die nicht im US-Fokus stehen. Die Auswirkungen der Zölle auf wichtige Getreide- und Ölsaatenarten sind ziemlich offensichtlich. Aber sie beeinflussen praktisch alle Agrarrohstoffe, wenn auch in unterschiedlichem Maße. Der internationale Zuckerhandel ist bislang vergleichsweise unbeeinträchtigt geblieben, da Nordamerika relativ autark ist. Aber die geringen Margen der Landwirte waren wahrscheinlich ein Faktor, der zur Entscheidung beigetragen hat, die Ethanolquote in Brasilien zu erhöhen. Schließlich hat die Störung im Roten Meer (die es nicht gäbe, hätte der Iran nicht China als Verbündeten, Lieferanten und Abnehmer seines Öls) alle weltweit in Containern exportierten Rohstoffe beeinträchtigt und die Handelsstörungen noch verschärft.
Der zweite Schritt im Spiel: ein Subventionskrieg
Der Zollkrieg verwandelt sich zunehmend in einen Subventionskrieg, um die Folgen zu bewältigen und die Positionen zu stabilisieren. In der Landwirtschaft ist dies besonders offensichtlich. Subventionen sind in der Landwirtschaft zwar nichts Neues. Aber sie haben sich zusammen mit anderen Instrumenten zur Unterstützung des Sektors weltweit vervielfacht und intensiviert. Das ist eine Reaktion auf Handelsstörungen, die sich sowohl auf die Preise für Agrarrohstoffe als auch auf die Kosten landwirtschaftlicher Betriebsmittel auswirken. Beides hat den Abwärtsdruck auf die Margen verstärkt.
Solche Subventionen können in Form von Mindestpreisstützungen, Direktzahlungen, Zahlungen für Lagerung und vielen anderen Formen erfolgen. Nicht zuletzt auch durch die Biokraftstoffpolitik – einst ein wichtiger Bestandteil vieler Umweltagenden, der heute oft auf ein Instrument zur Subventionierung der Landwirtschaft reduziert ist. Diese Fülle an Unterstützung kann dazu führen, dass einige Länder unter ihren tatsächlichen Kosten produzieren. In den USA sieht Präsident Trumps »One Big Beautiful Bill Act« eine erhebliche Erhöhung der Agrarsubventionen vor und zieht weitere Erleichterungen in Betracht. Der Gesetzentwurf enthält auch Änderungen am »Clean Fuel Production Credit«, um Rohstoffe aus den USA, Kanada und Mexiko gegenüber solchen aus anderen Ländern zu begünstigen. Darüber hinaus wird der Vorschlag der Environmental Protection Agency (EPA), die Anforderungen für die Beimischung von Biokraftstoffen im Jahr 2026 um massive 67 % zu erhöhen, die Pflanzenöle in den USA künftig kräftig unterstützen.
Andere Länder reagieren und steigen in den Subventionswettlauf ein. Die USA sind nicht das einzige Land, das kürzlich die Unterstützung für Landwirte erhöht hat, auch wenn die meisten Exportländer dies in geringerem Umfang und ausgehend von einem viel niedrigeren Niveau getan haben. Brasilien hat kürzlich seine Ethanol-Vorgabe erhöht. Ebenso hat Indonesien seine Biodiesel-Vorgaben angehoben und Argentinien hat die Exportsteuern gesenkt. Andere Länder werden wahrscheinlich weiterhin entschiedene Verfechter ihrer eigenen Agrarsektoren bleiben. Russland, das vielleicht schon lange vor seiner Invasion in der Ukraine das aktuelle Szenario vor Augen hatte, ist dank Dutzender Subventionen für seinen Agrarsektor in den vergangenen zwei Jahrzehnten und der Abwertung des Rubels nach der Invasion der Krim 2014 bereits zum größten Weizenexporteur der Welt geworden.
Und natürlich haben auch die EU, Indien und China strenge Schutzmaßnahmen zur Sicherung ihrer eigenen Landwirtschaft. Jedoch ist in der EU angesichts steigender Verteidigungsausgaben und mangelnden Wirtschaftswachstums eine weitere Erhöhung der Agrarsubventionen kaum vorstellbar.
US-Bauern reduzieren ihre Anbauflächen nicht
Angesichts der starken staatlichen Schutzmaßnahmen in den USA ist die Reaktion der Angebotsseite auf niedrige Preise minimal. Daher wird erwartet, dass die Anbaufläche in den USA nahe ihrem Rekordhoch bleiben wird. Auch in Brasilien und Argentinien rechnen wir für die kommende Saison mit einer Ausweitung der Fläche. In Australien hängt die Aussaat der wichtigsten Kulturen in der Regel stark von den Niederschlägen ab. Ein Stand heute wahrscheinliches La Niña-Phänomen könnte diese für die Anbausaison 2026 liefern. Nach einer recht guten Ernte im Jahr 2025/26 ist es unwahrscheinlich, dass die australischen Landwirte freiwillig Kürzungen vornehmen werden.
Stabile Preise auf niedrigem Niveau?
Sofern es nicht zu Wetterereignissen kommt, dürften die weltweiten Getreide- und Ölsaatenpreise daher weiterhin gedämpft bleiben. Trotz der oben genannten enormen Veränderungen in der Landwirtschaft erwarten wir für 2025/26 keine großen Konsequenzen für die weltweiten Bestände an wichtigen Getreide- und Ölsaaten. Angesichts der sehr sichtbaren Maisberge in den USA dürfte die Volatilität in Bezug auf die Fundamentaldaten bei Getreide und Ölsaaten gering sein.
Ohne massive Missernten keine höheren Getreidepreise
Angesichts der strukturellen Natur der Spannungen zwischen den USA und China glauben wir, dass jedes Handelsabkommen nur begrenzt sein und Änderungen unterliegen wird. Nach unserer ersten Schätzung könnte China nach der Senkung der Einfuhrzölle in der Saison 2025/26 12 Mio. t US-Sojabohnen kaufen. Das ist jedoch eher als Zeichen des guten Willens zu verstehen. Denn für private Handelshäuser ist es nach wie vor günstiger, Sojabohnen aus Brasilien zu beziehen.
Auf jeden Fall hatten die US-Landwirte die Schwierigkeiten beim Export nach China vorausgesehen und die Anbaufläche für Sojabohnen auf den niedrigsten Stand seit sechs Jahren (seit dem ersten Handelskrieg) reduziert. Die Anbaufläche für Mais stieg gleichzeitig auf die größte Fläche seit den 1930 er Jahren. Dies wird zu relativ hohen Maisvorräten in den USA am Ende der Saison 2025/26 führen. Da die US-Lagerbestände besonders sichtbar und handelbar sind, wird diese Situation die Volatilität gering und die Preise eher niedrig halten.
Es gab neben dem Soja- und Maiskomplex noch weitere Opfer: Lieferungen von Altspeisefetten aus China in die USA, Talg aus Brasilien in die USA und Rapssaat, -schrot und -öl aus Kanada nach China wurden alle im Namen der Geopolitik geopfert.
Der letzte Zug im Spiel hat begonnen
Wir können das Endspiel dieses geopolitischen Kampfes noch nicht absehen. Auf überschaubare Zeit müssen wir mit Handelsstörungen, schwankenden Preisen zwischen verschiedenen Regionen, hohen Subventionen und »unerwarteten Überraschungen« rechnen. Wir müssen tatsächlich in unseren Marktanalysen Unvorhergesehenes einkalkulieren. Es gibt bereits eine lange Liste von Dingen, die einst undenkbar waren und nun eingetreten sind: zum Beispiel Krieg in der Ukraine, Sabotage der Nord-Stream-Pipeline, Blockade des Suezkanals, hohe US- und chinesische Gebühren für den Schiffsverkehr oder Exportbeschränkungen für Seltene Erden.
Fazit
Die Mitte des Spiels hat noch nicht einmal richtig begonnen und wir haben uns an das Wort »beispiellos« bereits gewöhnt. Es gibt eine lange Liste von Dingen, die bislang undenkbar waren, aber eine nicht unerhebliche Chance haben, einzutreten. Angefangen mit einem US-Angriff auf Venezuela, höheren US-Zöllen für Länder wie Kolumbien und Nicaragua aus politischen Gründen bis hin zu einer Invasion Taiwans und dem Beitritt der Ukraine zur EU. Wir können nicht sagen, was als Nächstes passieren wird. Aber wir können sicher sein, dass die USA genau beobachten werden, welche Länder China zunehmend mit wichtigen Gütern versorgen. Insbesondere die Länder werden im Fokus stehen, die das auf Kosten der US-Landwirte tun. Dann werden politische Reaktionen folgen, die die Märkte stärker beeinflussen als Dürre, Frost oder Hagel.