Unzufriedenheit. Die Mühlsteine am Hals
Das Mercosur-Abkommen war Anlass für erneute Proteste. Aber wie beim Agrardiesel liegen die Probleme vieler Landwirte wohl tiefer. Ein Gespräch mit Wolfgang Reimer und Stefan Zwoll.
Schon bei der Agrardiesel-Kürzung hieß es, dass die Ursachen der Proteste tiefer liegen. Warum sind Landwirte frustriert?
Reimer: Im Kern steckt dahinter das Gefühl mangelnder gesellschaftlicher Anerkennung. Es gibt ein großes Missverhältnis zwischen dem, was die Landwirte glauben zu leisten, und der Wahrnehmung der Gesellschaft. Ein weiteres Gefühl teilen die Landwirte mit vielen Bürgerinnen und Bürgern: Die Politik gibt keine Richtung vor, wir haben keine klaren Rahmenbedingungen, wir können nicht planen. Ein Beispiel ist der Frust über das Scheitern der Borchert-Kommission und der Zukunftskommission Landwirtschaft. Mangelnde Anerkennung und fehlende Konsequenz in der Politik sehe ich als die beiden großen Ursachen des Unbehagens.
Zwoll: Ich persönlich kann allerdings mit dem identitätspolitischen Herumreiten auf Wertschätzung wenig anfangen. Provokant gefragt: Wo ist die gesellschaftliche Wertschätzung für den türkischen Imbissbudenbesitzer in Kreuzberg? Fakt ist doch: Je weiter man sich aus der Berliner Blase »ins Land hinein« bewegt, umso mehr Wertschätzung erfahren Landwirtinnen und Landwirte für ihre Arbeit. Das Geschrei einer Minder-Minderheit in den sozialen Medien sollten wir bitte nicht mit dem allgemeinen Stimmungsbild gegenüber der Agrar- und Ernährungsbranche verwechseln.