Schwanzbeißen. Das Problem kommt von innen
Entzündungsprozesse sind eine wesentliche Ursache für Schwanzverletzungen beim Schwein. Wie man ihnen entgegenwirken kann und was das für einen Kupierverzicht bedeutet, zeigt Gerald Reiner.
Intakte Schwänze rücken in den Mittelpunkt der Anforderungen an die Schweineproduktion. Damit werden Entzündungen, Nekrosen und Bissverletzungen zu einem Kernproblem. Sie können bisher von keinem Haltungssystem dauerhaft und zu 100 % verhindert werden. Wird SINS (Swine Inflammation and Necrosis Syndrome) als Ursache mit einbezogen, können aber frühzeitig Gegenmaßnahmen ergriffen werden.
Entzündungen und Nekrosen im Schwanzbereich wurden lange Zeit nur als Bissverletzungen, solche im Klauenbereich nur als Technopathien angesehen. Natürlich spielt plötzliches und primäres Beißen eine wichtige Rolle als Ursache für derartige Verletzungen. SINS geht aber noch darüber hinaus und es gibt mehr Ursachen dafür als Beißen und Technopathien. Neben Schwanz und Ohren können auch die Zitzen, Nabel, Gesicht, Kronsaum, Ballen und Klauen betroffen sein.
Wie entsteht SINS?
Das Syndrom beginnt harmlos mit entzündungsbedingtem Borstenverlust, gefolgt von Schwellungen und Rötung. Die für eine Entzündung typischen Gewebeschäden lassen sich histologisch nachweisen. Die entzündeten Blutgefäße neigen zum Verschluss. Dadurch wird die Blutversorgung von körperfernen Teilen (Schwanzspitze, Ohren etc.) teilweise oder ganz unterbunden und diese entzünden sich ebenfalls oder können sogar absterben (Nekrose).
Letztlich beruht die Entstehung von SINS auf einer Aktivierung der körpereigenen Abwehr durch bakterielle Produkte, z. B. Lipopolysaccharide (LPS), die aus dem Darm in den Blutkreislauf gelangt sind. Es kommt zu einer Entzündungsreaktion, die u. a. auch die Leber betrifft. Aufgrund der hohen Bedeutung dieser Störungen für den Gesamtorganismus, tritt »sickness behaviour« auf, mit Appetitlosigkeit, Unwohlsein und einer generellen Reduktion des anabolen (hormonregulierten) Stoffwechsels. Durch dieses Unwohlsein kann übrigens auch Schwanzbeißen ausgelöst werden.
Für eine innere Ursache von SINS spricht nicht nur die gleichzeitige Beteiligung so unterschiedlicher Körperteile, sondern auch der Nachweis von Entzündungszellen, deren Anhäufung vier bis sieben Tage braucht, die aber bereits bei frisch geborenen Ferkeln mit SINS-Symptomatik und intakter Epidermis nachzuweisen sind. Allerdings gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Betrieben. Dies ist auf die Bedeutung der Wechselwirkung zwischen SINS-Symptomatik und Umwelt zurückzuführen. Besonders betroffen sind die Klauen. Je stärker die Entzündung der Klauen (SINS), desto empfindlicher reagieren sie auf ungünstige Bodenverhältnisse, und je schlechter der Boden, desto mehr Schäden treten bei gegebenem SINS-Grad auf. Die Ohren sind besonders anfällig für Entzündungen, wenn es im Betrieb Probleme mit der Thermoregulation gibt und die Ohren zur Kühlung »eingeschaltet« werden müssen.
Für eine innere Ursache von SINS spricht nicht nur die gleichzeitige Beteiligung so unterschiedlicher Körperteile, sondern auch der Nachweis von Entzündungszellen, deren Anhäufung vier bis sieben Tage braucht, die aber bereits bei frisch geborenen Ferkeln mit SINS-Symptomatik und intakter Epidermis nachzuweisen sind. Allerdings gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Betrieben. Dies ist auf die Bedeutung der Wechselwirkung zwischen SINS-Symptomatik und Umwelt zurückzuführen. Besonders betroffen sind die Klauen. Je stärker die Entzündung der Klauen (SINS), desto empfindlicher reagieren sie auf ungünstige Bodenverhältnisse, und je schlechter der Boden, desto mehr Schäden treten bei gegebenem SINS-Grad auf. Die Ohren sind besonders anfällig für Entzündungen, wenn es im Betrieb Probleme mit der Thermoregulation gibt und die Ohren zur Kühlung »eingeschaltet« werden müssen.
Störungen der Darmgesundheit führen zu einer übermäßigen Vermehrung von Bakterien, die z. B. LPS bilden. Dabei spielt die Wasserversorgung eine entscheidende Rolle. Schon ein geringer Wassermangel führt zu einer Verlangsamung der Darmpassage und die Bakterien haben viel Zeit, übermäßig viele schädliche Produkte zu erzeugen. Dies wird noch verstärkt durch zu hohe Protein- (> 16 % bei Absetzferkeln) und Stärkegehalte (> 38 bis 40 % bei Absetzferkeln), zu wenig für Mikroorganismen verdauliche Rohfaser (< 5 % bei Absetzferkeln) sowie durch suboptimale Wasserqualität aufgrund von schlechtem Brunnenwasser oder Biofilm in den Leitungen.
SINS ist weit verbreitet
In Untersuchungen wiesen bereits 30 bis 80 % der neugeborenen Ferkel Anzeichen von SINS auf. Dabei wurden vor allem leichte Symptome wie Borstenverlust, Schwellungen und Rötungen beobachtet. Schwere Symptome wie nässende Entzündungen und Nekrosen traten nur vereinzelt an Schwänzen, Ohren und Zitzen auf. Bei Saugferkeln waren in einer Untersuchung vor allem die Schwanzbasis (48,7 % der Ferkel), die Zitzen (75,7 %) und die Kronsaumränder (91,8 %) betroffen. Bei den Absetzferkeln waren es die Schwanzspitze (68,1 %) und die Ohren (76,1 %). Auch ohne Berücksichtigung der Körperteile mit Bodenkontakt waren 94,8 % der Ferkel, 87,5 % der Absetzer und 40,8 % der Mastschweine von SINS betroffen. Studien aus Frankreich und den Niederlanden kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Letztlich bestätigen diese Untersuchungen die Beobachtungen aus der Praxis: SINS ist häufig und weit verbreitet.
Ohne Beckentränken geht es nicht
Schweine verbringen etwa 5 Minuten pro Tag mit Trinken. Einfache Nippeltränken reichen für eine vollständige Versorgung nicht aus, selbst wenn sie in der richtigen Höhe angebracht sind, in ausreichender Menge zur Verfügung stehen, nicht von anderen Tieren verdeckt werden (die sich dort bei Hitzestress abkühlen wollen) und nicht durch Biofilm verstopft sind. Für eine nachhaltige Produktion intakter Schwänze sind Schalentränken vom ersten Lebenstag an erforderlich. Nur so können die Tiere ausreichend Wasser aufnehmen. Dabei sollten die Tränken am Boden und möglichst frei in der Bucht (z. B. am Ende eines Troges oder im Bereich einer Säule) angebracht und mit hygienisiertem Wasser gespeist werden, um Verunreinigungen und Verkeimungen zu minimieren. Die Ferkel lernen von Anfang an, damit umzugehen und wissen nach dem Absetzen sofort, wo sie Wasser finden. Durchflussraten von 0,5 bis 1 l pro Minute entsprechen den Bedürfnissen der Ferkel von der ersten bis zur fünften Lebenswoche. Selbst ein geringer Wassermangel über wenige Stunden hat massive Auswirkungen auf das Darmmikrobiom, was letztlich zur übermäßigen Bildung und Freisetzung bakterieller Produkte beiträgt. Beckentränken mit Lernfunktion unterstützen die Ferkel, wenn ein neues Tränkesystem eingeführt wird.
Störung der Blut-Darm-Schranke
Wassermangel ist auch für die ungewollte Freisetzung der exzessiv gebildeten bakteriellen Produkte aus dem Darm in den Kreislauf verantwortlich. Es greift ein Sparmechanismus, der dem Darm Wasser entzieht, indem die Durchblutung reduziert wird. Dadurch wird jedoch die Funktionalität der Blut-Darm-Schranke gestört. Es entsteht ein durchlässiger Darm (»leaky gut«), der bakterielle Produkte nicht mehr ausreichend zurückhalten kann. Mykotoxine im Futter oder in der Einstreu verschärfen diesen Prozess. Bereits die erste Stufe der Blut-Darm-Schranke, die Glykoproteine der innersten Darmauskleidung, wird geschwächt, wenn im Darm zu wenig Rohfaser für die Ernährung der Darmflora zur Verfügung steht. Die Mikroorganismen im Dickdarm bedienen sich dann alternativ an dem Schutzfilm aus Glykoproteinen.
Von besonderer Bedeutung sind auch Probleme der Thermoregulation. Bereits ab 23 °C wird es der Sau zu warm. Ab 29 °C wird die Blut-Darm-Schranke in ihrer Funktion massiv eingeschränkt. Das Problem der Thermoregulation betrifft alle Altersgruppen. Kein Wunder, wenn man bedenkt, welche erheblichen Mengen an Stoffwechselwärme beim heutigen Leistungsniveau abgeführt werden müssen. Trockene Beton- und Kunststoffböden sind dafür ungeeignet. Abhilfe schafft hier die Befeuchtung des Bodens oder der Einsatz von Mikrosuhlen. Abkühlung ist unerlässlich, um den Darm stabil zu halten.
Für einen stabilen Darm sorgen
Ähnlich wie die Wasserversorgung spielt auch die Fütterung eine entscheidende Rolle, um von Anfang an und ohne Einbrüche einen stabilen Darm mit einem vielfältigen und stabilen Mikrobiom und einer daraus resultierenden guten Abwehr zu gewährleisten. Dazu müssen den Ferkeln ausreichend hohe Kolostrummengen zur Verfügung stehen. Zuckergaben am ersten Lebenstag hemmen die Kolostrumaufnahme im Darm der Ferkel und müssen ebenso wie Antibiotikagaben in den ersten Lebenswochen unterbleiben. Ab der zweiten Lebenswoche benötigen die Saugferkel Starterfutter, eine Woche vor dem Absetzen hilft Ferkelmüsli, den Darm zu stabilisieren und die Absetzer sollten mit dem gewohnten Futter ohne Zinkoxid und ohne Antibiotika in den neuen Lebensabschnitt starten. Das Wichtigste ist, den Darm stabil und konstant zu halten. Dies gelingt am besten mit Trockenfutter, das ad libitum über Langtröge verabreicht wird. Weizen (max. 15 bis 30 %) sollte durch Gerste (min. 30 %) ersetzt werden und Mais nicht mehr als 12 % der Ration ausmachen. Inhaltsstoffe des Weizens können die Darmzotten angreifen, während Gerste das Verhältnis von ungünstigen Escherichia coli zu günstigen Milchsäurebakterien verbessert.
In die gleiche Richtung wirken Zeolithe (Gesteinserden), die zusätzlich Mykotoxinbelastungen abfangen können. Das Futter sollte unbedingt auf Mykotoxine getestet werden. Intakte Schwänze vertragen höchstens ein Viertel des an sich vorgesehenen Maximalgehalts an DON. Luzerne fördert durch die enthaltenen Saponine ebenfalls Milchsäurebakterien anstelle von E. coli. Außerdem fördert sie Aktivität, Zufriedenheit, Kauen und Speichelfluss für einen gesunden Magen-Darm-Trakt. Eine Mischung aus Luzerne und Zeolith, die über zusätzliche Futterautomaten angeboten wird, sollte in keinem Stall fehlen.
Reduzierte Eiweißgehalte im Futter entlasten den Darm. Wichtig ist jedoch, dass essentielle Aminosäuren substituiert werden, um eine ausgeglichene Wertigkeit der Proteinversorgung zu gewährleisten, insbesondere, wenn sich bereits Entzündungen ankündigen und damit der Bedarf an z. B. Tryptophan signifikant steigt. Spezifische Infektionskrankheiten müssen durch Impfung der Sauen (Saugferkeldurchfall) oder der Ferkel (Ödemkrankheit) kontrolliert werden.
SINS und Kupierverzicht – keine gute Idee
Sollten dennoch Anzeichen von SINS außerhalb des Schwanzes oder der Ohren auftreten, sollte im aktuellen Durchgang auf die Produktion von Langschwänzen verzichtet werden. Denn die Schwanzspitze ist aufgrund ihrer peripheren Lage zum Körper besonders anfällig für Entzündungen und Nekrosen sowie primäres und sekundäres Beißen. SINS-Symptome stellen aber sowohl für kupierte als auch unkupierte Tiere ein Frühwarnsystem dar. Die Entzündungswelle kann mit entsprechenden Maßnahmen im frühen Stadium noch unterbrochen werden, Gesundheit und Wachstum lassen sich dann noch positiv beeinflussen.
Genetik
Praxisbeobachtungen haben wiederholt gezeigt, dass unter identischen Bedingungen in einer einheitlichen Sauenherde die Nachkommen verschiedener Eber in ihrer SINS-Prävalenz und Ausprägung erheblich voneinander abweichen können. Systematische Untersuchungen aus eigenen und einer niederländischen Studie bestätigen diese Beobachtung. So traten bisher in verschiedenen Sauenlinien bei den Nachkommen von Duroc-Ebern deutlich weniger SINS-Symptome und keine Nekrosen auf, bei den Nachkommen der »günstigsten« Piétrain-Eber hatten 4,4 % der Ferkel Nekrosen und bei den Nachkommen der »ungünstigsten« Piétrain-Eber bis zu 20 %. Die Genetik spielt also ebenfalls eine Rolle.
Zucht und Kupierverzicht
Im EIP-Agri-Projekt GenEthisch (Zucht für unkupierte Schweine und ein vermindertes Risiko gegen Schwanzverletzungen) werden die Zuchtprogramme der Rassen Piétrain, Duroc, Deutsche Landrasse und Deutsches Edelschwein unter Tierwohlaspekten weiterentwickelt. Unter anderem stehen intakte Schwänze im Fokus. Erfahren Sie mehr über das Projekt auf der EuroTier 2024 am Messestand des Schweinezuchtverbands Baden-Württemberg e.V. in Halle 15. – Be –