SINS: Ist Rauszüchten möglich?
Schwanzbeißen wird häufig durch Entzündungen und Nekrosen ausgelöst. Neue Forschungsergebnisse zeigen, wie Zuchtstrategien das Problem entschärfen können. Gleichzeitig wird die Gesundheit positiv beeinflusst und der Antibiotikaeinsatz reduziert.
Die Aufzucht von Schweinen mit unkupierten Schwänzen verursacht Mehrkosten von rund 20 bis 30 € je verkauftes Mastschwein. Doch selbst wer in eine Verbesserung von Haltung und Management investiert, ist nicht vor Schwanzbeißausbrüchen sicher. Kann die Genetik einen Beitrag leisten, um in deutlich ruhigeres Fahrwasser zu kommen und einem Kupierverzicht den Weg zu ebnen?
Blutige Schwänze sind ein Horror für jeden Schweinehalter! Die Ursachen werden oft als »multifaktoriell« bezeichnet. Dabei ist bekannt, dass viele dieser Faktoren Entzündungsprozesse im Körper der Tiere auslösen. Schätzungsweise 70 % des Beißgeschehens sind darauf zurückzuführen, dass das betroffene Tier am Entzündungs- und Nekrosesyndrom (SINS, DLG-Mitteilungen 11/2024) erkrankt ist.
SINS wurde 2019 zum ersten Mal durch Prof. Dr. Dr. Gerald Reiner, Leiter der Klinik für Schweine an der Uni Gießen, beschrieben. Bis dahin waren Symptome, die Schweine regelmäßig an diversen Körperteilen (Schwanz, Ohren, Klauen, Zitzen, Vulva) zeigten, ausschließlich als Technopathien und Folgen von Beißverhalten beschrieben worden. Die Erkenntnis, dass es sich bei SINS um ein von innen kommendes Problem handelt, ist von entscheidender Bedeutung für die Bekämpfung dieses Syndroms. Dennoch gibt es viele Umweltfaktoren, die Einfluss nehmen und damit Entzündungen und Nekrosen zusätzlich begünstigen. Beispiele sind unzureichende Thermoregulation, suboptimale Wasserversorgung, zu viel Eiweiß oder zu wenig Rohfaser im Futter.
Pietrain sind stärker betroffen
Pietrain vererbt eine hohe Entzündungsneigung. Bereits neugeborene Ferkel weisen zu 30 bis über 90 % SINS-Symptome auf. In verschiedenen Studien konnte gezeigt werden, dass unter exakt denselben Umweltbedingungen und auf derselben Sauengrundlage die Nachkommen von Pietrain-Ebern wesentlich mehr Probleme mit Entzündungen und Nekrosen haben als Hybridferkel mit Duroc-Vätern (Grafik). Nachkommen von Ebern der Rassen Deutsches Edelschwein und Deutsche Landrasse liegen dazwischen.
Der aus züchterischer Sicht mit Abstand wichtigste Befund ist jedoch die große Varianz innerhalb der Pietrain-Eber: Der SINS-Score der Nachkommen des »günstigsten« Pietrain-Ebers war um fast 40 % niedriger als der von Nachkommen eines Pietrain-Ebers mit hoher Entzündungsneigung.
Es gibt also offenbar genetische Unterschiede in der Anfälligkeit für Entzündungsprozesse. Bei manchen Schweinen reicht ein kleiner Auslöser. Der Stoffwechsel anderer Tiere scheint mehr abpuffern zu können, bevor er in den »Entzündungsmodus« wechselt. So führt eine hohe SINS-Neigung z. B. bereits bei geringer Mykotoxinbelastung im Futter zu stark ausgeprägten Nekrosen. Forscher gehen von einer Erblichkeit der Entzündungsneigung von rund 30 % aus. Somit ist eine Selektion auf Nachkommenebene möglich, um das Auftreten von SINS zu reduzieren.
Erste relevante Gene wurden identifiziert. Weitere Studien betrachten nicht nur die genetische Varianz, sondern Unterschiede auf der Genomebene. Dabei konnten einige an der Krankheitsausprägung beteiligte Sequenzen verortet werden. Das hilft dabei, das Syndrom besser zu verstehen und erfolgreich zu bekämpfen. Derzeit sind 49 Kandidatengene im Fokus. »Die große Anzahl zeigt die Komplexität der Zusammenhänge zwischen Genetik und Entzündungen«, erklärt Prof. Reiner. »Die weite Verteilung der Genorte spricht dafür, dass die Selektion auf Leistung in der Vergangenheit doch sehr deutliche Nebenwirkungen hinterlassen hat, die wir dann klinisch als SINS sehen können.«
Eine deutliche Reduktion des SINS-Vorkommens ist realistisch
Ein großer Vorteil sei, dass man aus den betroffenen Genen ableiten kann, welche Mechanismen hinter dem Entzündungs- und Nekrosesyndrom stehen. Hieraus könnten neue
Therapie-, Prophylaxe- und Diagnostik-Verfahren entwickelt werden. Viele Genorte sprächen zwar gegen den Einsatz der markergestützten Selektion. »Dennoch ist eine Zucht gegen Entzündungen und Nekrosen sowohl auf Nachkommen-Ebene als auch über genetische Selektion sehr gut möglich«, so Reiner.
In Zukunft können Eber selektiert werden, deren Nachkommen nicht wie bisher zu einem Anteil von 10 bis 20 % schmerzhafte Nekrosen, Verletzungen und Schäden entwickeln, sondern – unter denselben Haltungsbedingungen – keine Nekrosen mehr bekommen, ist Reiner überzeugt. Zudem könnten in Kombination mit Haltungsverbesserungen leichte Entzündungen (Vorstufen von Nekrosen) erfolgreich vermieden werden.
Die Marktgegebenheiten haben einen entscheidenden Einfluss. Derzeit stecken Schweinehalter noch in einem Dilemma: Weite Teile das Marktes fordern über die Abrechnungsmasken den Einsatz extrem magerer Genetiken. Die Nutzung von Duroc-Endstufenebern wird häufig preislich abgestraft. Denn der Kunde toleriert optisch nur einen geringen Fettanteil. Das gilt ganz besonders im Labelmarkt und im hochpreisigen Haltungsstufensortiment, welche auf die Theken-Frischfleischvermarktung angewiesen sind. Hier ist Optik alles!
Die neuen Erkenntnisse aus der SINS-Forschung haben das Potential, einen Mittelweg zu eröffnen, wenn es gelingt, auf Pietrainherkünfte mit niedriger Entzündungsneigung zu selektieren. Entscheidend wird sein, ob und wie stark SINS und Magerfleischanteil negativ korreliert sind. Da es die eierlegende Wollmilchsau vermutlich nicht geben wird, ist die gesamte Kette gefragt, sich für die Schaffung von Bewusstsein beim Verbraucher einzusetzen und so marmoriertes Fleisch positiv zu besetzen.
Die neuen Erkenntnisse aus der SINS-Forschung haben das Potential, einen Mittelweg zu eröffnen, wenn es gelingt, auf Pietrainherkünfte mit niedriger Entzündungsneigung zu selektieren. Entscheidend wird sein, ob und wie stark SINS und Magerfleischanteil negativ korreliert sind. Da es die eierlegende Wollmilchsau vermutlich nicht geben wird, ist die gesamte Kette gefragt, sich für die Schaffung von Bewusstsein beim Verbraucher einzusetzen und so marmoriertes Fleisch positiv zu besetzen.
SINS führt zu höherem Antibiotikaeinsatz
Die genetische Empfindlichkeit des Immunsystems, SINS-Symptome zu entwickeln, hat nicht nur Auswirkungen auf den Kupierverzicht. SINS-Ferkel haben durch Entzündungen ein größeres Risiko, dass Infektionserreger in die Läsionen eindringen. Eine Kronsaumentzündung kann sich so zu einer Entzündung der Gelenke ausweiten. Entzündete Nabel können zu nicht ausreichender Gewebestärke und späteren Abszessen und Brüchen führen. In der Folge werden Saugferkel relativ häufig mit Antibiotika behandelt. Das zeigen auch die Daten des staatlichen Monitorings: Die Therapiehäufigkeit bei Saugferkeln liegt sogar über der von Aufzuchtferkeln. Aber eine frühe Behandlung von Saugferkeln mit Antibiotika behindert die Ausbildung eines gesunden Darm-Mikrobioms massiv. Diese Tiere bleiben lebenslang anfälliger für Infektionskrankheiten, wie z. B. Atemwegsinfektionen. Weniger SINS würde viele weitere Probleme reduzieren und die gesellschaftliche Akzeptanz der Nutztierhaltung nicht nur mit Blick auf den Antibiotikaeinsatz sicher verbessern.
»Robuste Schweine, weniger SINS«
Die Selektion auf Robustheit und geringe Entzündungsneigung ebnet den Weg zum Kupierverzicht, meint Stefanie Nuphaus. Auch die Aufzucht von Jungsauen mit langen Schwänzen schärft den Blick.
Frau Nuphaus, einen Kupierverzicht zu realisieren, erfordert auch das Zutun der Zucht. Wie geht Topigs Norsvin dieses Thema an?
Die Vermeidung von Schwanzverletzungen hat bei uns hohe Priorität. Bereits seit 2013 nutzen wir einen indirekten sozialen Zuchtwert, der Konkurrenzverhalten reduziert und homogenere Tiere fördert. Darüber hinaus verfolgen wir drei Ansätze: In unseren Reinzuchtbetrieben setzen wir Kameras zur Beobachtung des Tierverhaltens ein. KI-unterstützt können wir das Einzeltier und wie es agiert jederzeit identifizieren. Mit der Uni Wageningen arbeiten wir daran, die erfassten Verhaltensmerkmale zu bewerten, um sie künftig züchterisch nutzen zu können.
Bereits konkretere Auswirkungen hat unser zweiter Ansatz. Bis Ende dieses Jahres verzichten wir unternehmensweit auf das Kupieren unserer Zuchttiere. Aktuell werden schon 75 % der Jungsauen mit langen Schwänzen ausgeliefert. Das wirkt sich unmittelbar auf die Selektion aus.
Welche Erfahrungen haben Sie dabei gesammelt?
Eine unserer wichtigsten Erkenntnisse ist, dass aggressives Tierverhalten nur in 20 bis 30 % der Fälle die Ursache für Schwanzverletzungen ist – meist ausgelöst durch kurzfristige Stresssituationen, wie Probleme mit der Fütterungstechnik, Zugluft oder defekte Tränken. Zu 70 bis 80 % sehen wir Stoffwechselstörungen als Ursache für Schwanzverletzungen.
Damit wären wir beim Thema SINS.
Genau, das ist unser drittes Aktionsfeld. SINS spielt eine entscheidende Rolle bei den Schwanzverletzungen. Eine eigene Studie mit 3 000 Ferkeln aus drei verschiedenen Eberanpaarungen zeigt, dass 62 % der Tiere am 2./3. Lebenstag an mindestens einem Körperteil (Ohren, Schwanz, Zitzen, Klauen) SINS-Symptome aufweisen. Die Erblichkeit von SINS lag zwischen 8 und 34 %. Demnach ist eine Verringerung der SINS-Häufigkeit durch genetische Selektion möglich. Interessant auch: Die Korrelation zwischen SINS-Anzeichen und Geburts- sowie Absetzgewicht war negativ. Eine Selektion von Tieren, die genetisch weniger anfällig für SINS sind, dürfte sich daher positiv auf die Ferkelgewichte auswirken.
Berücksichtigen Sie diese Erkenntnisse bereits in der praktischen Zucht?
Noch nicht. Wir arbeiten aber an Zuchtwerten, die uns dabei helfen, das nekrotische Geschehen zu reduzieren. Wir sind da sehr optimistisch, denn wir sehen, dass es in diesem Merkmal zwischen den Schweinen eine hohe Varianz gibt. Das ist eine gute Voraussetzung, um selektieren zu können. Bereits heute weiß man, dass grundsätzlich robuste Schweine auch weniger anfällig für Nekrosen sind.