Rohöl. Überangebot drückt den Ölpreis
Am Rohölmarkt haben die Notierungen im Jahresverlauf ein deutliches Minus eingefahren. Was auch nach dem Jahreswechsel für Preisdruck spricht, fasst Carsten Fritsch zusammen.
Der Brentölpreis liegt seit Anfang Oktober zumeist in einer Spanne zwischen 60 und 65 US-$ je Fass und dürfte das Jahr 2025 mit einem Minus abschließen – sofern es bis zum Jahresende keinen Anstieg um mehr als 10 US-$ gibt. Angesichts der reichlichen Versorgung am Ölmarkt ist dies eher unwahrscheinlich. Auch im neuen Jahr steht dem Ölmarkt ein beträchtliches Überangebot ins Haus, weshalb die Preise tendenziell unter Druck bleiben dürften.
Hauptursache des Überangebotes ist Angebotsausweitung der OPEC+
Die hat ihre Ölproduktion seit April um rund 2 Mio. Fass/Tag erhöht, primär, um verlorene Marktanteile zurückzugewinnen. Zwar wurde von den acht Ländern, die ihre Produktion freiwillig reduziert hatten, für das 1. Quartal 2026 eine Pause bei den Produktionserhöhungen angekündigt. Die Bereitschaft, die noch bestehenden freiwilligen Produktionskürzungen danach weiter zurückzunehmen, dürfte aber unverändert vorhanden sein. Dadurch könnten im neuen Jahr nochmals gut 1 Mio. Fass pro Tag zusätzlich an den Markt kommen.
Das Ölangebot dürfte die Ölnachfrage im Jahr 2026 deutlich übertreffen. Letztere dürfte laut Prognose der IEA um rund 860 000 Fass pro Tag steigen, und damit ähnlich stark wie 2025. Das globale Nachfragewachstum hat sich in den vergangenen Jahren erheblich abgeschwächt, weil die Ölnachfrage in China weniger stark wächst. Das daraus resultierende Überangebot dürfte zu einem Anstieg der Lagerbestände führen. Dass die kommerziellen Ölvorräte in den OECD-Ländern bislang nur leicht zunahmen, liegt vor allem an den Vorratskäufen Chinas. Die haben dazu beigetragen, das sichtbare Überangebot am Ölmarkt zumindest teilweise zu absorbieren (zu den Lagerbeständen in China wird nicht offiziell berichtet). Zudem ist die Menge von in Tankern auf See lagerndem Rohöl deutlich gestiegen. Ende November erreichte diese laut Daten von Vortexa mit 130 Mio. Fass ein 5-Jahreshoch. Die Frage ist daher, ob die Vorratskäufe Chinas auch im neuen Jahr im selben Ausmaß anhalten werden. Falls nicht, dürfte das Überangebot zu stärker steigenden Lagerbeständen außerhalb Chinas führen, was die Ölpreise belasten würde. Gleiches gilt auch, falls das in Tankern lagernde Öl an Land gelangt.
Es gibt allerdings auch Faktoren, die für ein geringeres Überangebot sprechen. So könnte die Ölproduktion außerhalb der OPEC+ weniger stark steigen als bislang erwartet. Denn das Preisniveau dürfte für viele US-Schieferölunternehmen mittlerweile zu niedrig sein, um neue Ölquellen anzubohren. Sinken die Ölpreise wegen des Überangebotes weiter, dürften noch mehr Unternehmen vor der Frage stehen, ob sie ihre Investitionen in neue Ölbohrungen aufrechterhalten oder kürzen sollen.
Einer Umfrage der Dallas Fed zufolge hat sich die Erwartungshaltung der befragten Öl- und Gasfirmen im 3. Quartal weiter eingetrübt. Fast 80 % der befragten Unternehmen gaben an, Investitionsentscheidungen aufgrund der Unsicherheit über die Preis- und Kostenentwicklung verschoben zu haben. In einer weiteren Umfrage der Dallas Fed hatten mehr als 80 % der befragten Unternehmen angegeben, einen mittleren Ölpreis von 65 US-$ für neue Bohrungen zu benötigen.
Ein weiteres Risiko für das Ölangebot sind die von US-Präsident Trump im November verhängten Sanktionen gegen die beiden größten russischen Ölunternehmen. Seit der Ankündigung der Sanktionen sind die bisherigen Abnehmer in China und Indien zurückhaltender bei Käufen von russischem Öl geworden. Die Menge von in Tankern lagerndem Öl aus Russland ohne Abnehmer ist bereits deutlich gestiegen, was eine Erklärung für den erwähnten kräftigen Anstieg beim »Floating Storage« sein dürfte.
Allerdings hat Russland wiederholt bewiesen, dass es Mittel und Wege findet, sein Öl weiter an den Markt zu bringen. Sollten die Preisabschläge groß genug sein, dürften sich weiterhin Käufer finden.
Der Iran ist ein weiteres Beispiel, wie man erfolgreich Sanktionen umgehen kann. Trotz der seit Jahresbeginn mehrfach verschärften Strafmaßnahmen liegen die iranischen Ölexporte auf unverändert hohem Niveau. Zudem bleibt abzuwarten, wie lange die US-Sanktionen gegen Russland bestehen bleiben. Sollten die laufenden diplomatischen Bemühungen zur Beendigung des Ukraine-Krieges Erfolg haben und es zu einer Friedenslösung kommen, könnten die Sanktionen von Trump aufgehoben werden. Eine deutliche Ausweitung des russischen Ölangebots wäre aber auch dann nicht zu erwarten, weil Russlands Ölproduktion an die Vorgaben der OPEC+ gebunden ist. Zudem produziert Russland bereits nahe der Kapazitätsgrenze. Weil das auch für andere Länder der OPEC+ gilt, dürfte das Ölangebot weniger stark steigen, als es die Anhebung der erlaubten Produktionsmengen nahelegen würde. Eine Anpassung der Produktionsziele an die Produktionskapazitäten ist erst für 2027 geplant.
Der Brentölpreis dürfte 2026 weiter sinken auf 60 US-$ pro Fass.
Das sich abzeichnende Überangebot und der erwartete Anstieg der Lagerbestände sprechen für weiter fallende Ölpreise. Die sanktionsbedingten Angebotsausfälle werden kaum ausreichen, das Überangebot aufzuzehren, zumal sie aus den genannten Gründen nur begrenzt und kaum von Dauer sein dürften. Gegen einen stärkeren Preisrückgang spricht die zu erwartende Angebotsreaktion. So dürfte die OPEC+ die Ausweitung der Ölproduktion bei zu niedrigen Ölpreisen länger aussetzen. Zudem wäre dann wie oben erläutert von einem Rückgang der US-Schieferölproduktion auszugehen. Außerdem würde die US-Regierung das niedrigere Preisniveau wahrscheinlich zum Wiederauffüllen der strategischen Ölreserven nutzen, was zusätzliche Nachfrage generieren und die heimische Ölindustrie unterstützen würde. Wir rechnen daher für 2026 mit einem Brentölpreis von 60 US-$/Fass.
Hohe Differenz zwischen Rohöl- und Dieselpreisen auf Dauer nicht zu rechtfertigen. Die meisten Energiepreise liegen seit Jahresbeginn deutlich im Minus. Beim Gasöl, einem Vorprodukt für Diesel, fällt der Preisrückgang noch moderat aus: Der börsengehandelte nächstfällige Kontrakt an der ICE notiert mit 650 U$/t nur 5 % unter dem Niveau vom Jahresanfang 2025. Entsprechend ist der Gasöl-Crack-Spread mit aktuell 25 US-$/Fass deutlich höher als 12 Monate zuvor. Die Gründe für die relative Stärke von Gasöl sind sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite zu suchen. Letztere überraschte 2025 positiv: Während die IEA das Nachfragewachstum bei Gasöl im Laufe des Jahres mehrmals hochstufte und mit 240 000 Fass pro Tag nun mit einem fast dreieinhalbmal so starken Anstieg wie im Januar 2025 rechnet, hatte sie ihre Erwartungen für die globale Ölnachfrage insgesamt etwas nach unten korrigiert. Dabei haben sich die Aufwärtskorrekturen für die Gasölnachfrage (nicht zuletzt infolge der bis zum Sommer sehr niedrigen Preise) in diversen Regionen summiert. Die höhere Nachfrage trifft auf ein knapperes Angebot, weil zahlreiche Sanktionen und Produktionsausfälle (vor allem in Russland) für Anspannung sorgen. So könnten Vortexa zufolge russische Ölexporte von bis zu 350 000 Fass auf dem Prüfstand stehen. Zudem gilt ab dem 21. Januar 2026 ein Importverbot der EU für Diesel, bei dessen Herstellung russisches Öl verwendet wurde. Das könnte im Vorfeld zu einer höheren Nachfrage geführt haben. Hinzu kommt, dass die industriellen Bestände an Mitteldestillaten in den OECD-Ländern im Herbst noch niedriger waren als im fünfjährigen Durchschnitt. Weil die Industrieländer in der nördlichen Hemisphäre erst am Anfang des Winters stehen, ist die Nervosität am Markt besonders hoch.
Für 2026 sehen wir aber eine weitere Entspannung am Markt. Das globale Nachfragewachstum dürfte sich merklich verringern, was die IEA primär den OECD-Ländern anlastet. Der Anstieg außerhalb der OECD dürfte dagegen in etwa so hoch ausfallen wie 2025, obwohl Chinas Dieselnachfrage auch 2026 kaum steigen dürfte. Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass neue Absatzwege zur Umgehung von Sanktionen gefunden werden. Nicht zuletzt dürfte der deutlich gestiegene Crack-Spread zu einer (relativ) höheren Dieselproduktion und damit auch höheren Dieselexporten aus den USA, Indien, China und dem Mittleren Osten führen. Wir gehen deshalb davon aus, dass der Gasölpreis im Verlauf des neuen Jahres weiter auf 600 US-$/t Tonne fallen wird.