Split-Nursing. Weniger Konkurrenz für kleine Ferkel
In großen Würfen ist die lebenswichtige Kolostralmilch ein knappes Gut. Geteiltes Säugen – auch Split-Nursing genannt – soll dafür sorgen, dass schwache Ferkel ihren Anteil abbekommen. Eckhard Meyer zeigt, ob sich dadurch die Startchancen für die Kleinsten verbessern lassen.
Fair geht es am Gesäuge einer Sau nicht zu. Es gilt das Recht des Stärkeren. In großen Würfen mit einem hohen Anteil untergewichtiger Ferkel kommt es daher zu einer ungleichmäßigen Verteilung des Kolostrums. Anders als bei der »reifen« Milch, die mit der Anzahl gesäugter Ferkel steigt, ist die Menge an Kolostralmilch bei Sauen mit 1,5 bis 4,5 kg mehr oder weniger genetisch festgelegt. Jedes Ferkel benötigt davon mindestens 250, besser 300 g, um optimal versorgt zu sein.
Schwache Ferkel sind doppelt benachteiligt
Bei dem heute erreichten Fruchtbarkeitsniveau gilt es also, die gegebene Kolostralmilchmenge so zu verteilen, dass sie für alle Ferkel die notwendige »Lebensversicherung« für die ersten Lebenstage sein kann.
Vorangegangene Untersuchungen haben gezeigt, dass ausreichend vitale Ferkel spätestens nach 15 bis 20 Minuten am Gesäuge sind und nach etwa 40 Minuten die erste Milch aufnehmen. Die Eiweißfraktion (und damit die Abwehrstoffe) im Kolostrum nimmt schon innerhalb von vier Stunden nach Geburtsbeginn von 30 auf 16 % ab. So bekommen z. B. die ersten vier Ferkel eines Wurfes 50 % mehr Abwehrstoffe als die vier zum Schluss geborenen. Hinzu kommt, dass die letzten Ferkel deutlich langsamer geboren werden. Sie sind 50 g leichter, während die erstgeborenen Ferkel 70 g schwerer sind als der Durchschnitt des Wurfes. In großen Würfen sind die zuletzt geborenen Ferkel also mehrfach benachteiligt.
Split-Nursing soll für mehr Chancengleichheit sorgen
In der Praxis versucht man, diesem Nachteil über das »Geteilte Säugen« (Split-Nursing) entgegenzuwirken. Dabei werden zuerst geborene, schwere Ferkel vorübergehend weggesperrt, um auch den späten und leichteren Ferkeln ihren Anteil an Kolostralmilch zu sichern. In der Regel werden die ausgewählten Ferkel für 1,5 bis 2 Stunden separiert mit dem Ziel, dass nicht mehr Ferkel als funktionsfähige Zitzen am Gesäuge sind. Das wird am ersten Lebenstag der Ferkel zwei- bis dreimal wiederholt. Für den Effekt dieser Maßnahme gibt es keine eindeutigen wissenschaftlichen Belege. Die in Studien betrachteten Verfahren sind uneinheitlich und damit auch die Ergebnisse. Die Bandbreite reicht von positiven Folgen für die Zunahmen über keinen Effekt bis hin zu negativen Auswirkungen. Einig sind sich alle Studien darin, dass Split-Nursing einen nicht unerheblichen Arbeitsaufwand verursacht. Um diesen zu senken, wurde in Österreich eine teilautomatisierte Trennbox entwickelt, die zur Aufnahme der separierten Ferkel dient. Per Zeitschaltuhr öffnet sich die Bodenklappe nach Ablauf einer vorgegebenen Zeit automatisch, die Ferkel rutschen heraus und sind wieder frei.
Vergleich von zwei Verfahren im Praxisversuch
In einem sächsischen Praxisbetrieb mit 3.250 produktiven Sauen wurde diese teilautomatisierte Trennbox mit dem bereits im Betrieb etablierten Split-Nursing-Verfahren verglichen. Bei letzterem kommen zur Separation bodenlose Kunststoffringe zum Einsatz. In der Untersuchung wurden die Arbeitswirtschaft sowie die biologischen Leistungen beider Separationsverfahren mit einer unbehandelten Kontrollgruppe verglichen.
Der Zeitpunkt, zu dem die Anzahl lebend geborener Ferkel im Geburtsverlauf die Zahl funktionsfähiger Zitzen der Sau überschritt, markierte den Start der Separation. Nach Ablauf von etwa zwei Stunden durften die ausgewählten Ferkel wieder zurück an das Gesäuge, um anschließend weitere Wurfgeschwister zu separieren. Das erfolgte zwei- bis dreimal je Wurf, wobei die Ferkel mit unterschiedlichen Farben markiert wurden, um kein Tier mehrfach auszuwählen. Für die Separation kamen nur die stärksten Tiere des Wurfes, die volle Bäuche und eine deutlich angetrocknete Nabelschnur aufwiesen, infrage.
Aufgrund der unterschiedlichen Größen wurden meist vier Ferkel in die Kunststoffringe, aber nur drei in die teilautomatisierten Trennboxen gesetzt. Die durchschnittliche Separationsdauer in den Trennboxen entsprach exakt der voreingestellten Zeitdauer von zwei Stunden. Bei der Betriebsvariante ohne Stoppuhr waren die Ferkel durchschnittlich etwas früher wieder an der Gesäugeleiste.
Schwere Ferkel stecken die Separation gut weg, kleine Ferkel profitieren. Übersicht 1 macht deutlich, dass der Effekt von Split-Nursing auf die biologischen Leistungen den ermittelten Arbeitszeitaufwand von zwei bis drei Minuten pro Wurf (Kasten unten) rechtfertigt.
Nach dem Wurfausgleich werden mit 16 Ferkeln in allen Gruppen eine nahezu gleiche Anzahl gesäugt. Alle Ferkel haben mit 1,4 kg ein gutes mittleres Geburtsgewicht. Wie im Versuchsplan vorgesehen, sind die separierten Ferkel mit 1,6 bzw. 1,7 kg etwas schwerer als die nicht separierten, um sicherzustellen, dass sie die Behandlung verkraften. Das Split-Nursing soll durch eine bessere Immunisierung der kleineren, meist später geborenen Ferkel die Gesamtverlustrate eines Wurfes senken. Für die separierten Ferkel ist das Verfahren allerdings von Nachteil. Schließlich säugen die Sauen nach eigenen Untersuchungen anfangs im Abstand von etwa 30 Minuten. Damit setzen die separierten Ferkel während dieser Zeit etwa viermal aus. Das muss zunächst als eine nicht unerhebliche Belastung dieser Tiere gewertet werden.
Gemessen an der Saugferkelverlustrate stellt sich aber der erhoffte positive Effekt ein. Würfe, bei denen drei bis vier kräftige Ferkel entsprechend der Versuchsbeschreibung separiert wurden, realisieren in der ersten – für die Ferkelverluste maßgeblichen – Säugewoche rund 40 % geringere Verluste pro Wurf (5,8 bzw. 6,2 % Verlustrate gegenüber 10,2 %).
Die täglichen Zunahmen während der Säugezeit unterscheiden sich zwar zwischen den beiden Versuchsgruppen (170 bzw. 192 g/Ferkel/Tag), aber nicht nachweisbar gegenüber der Kontrollgruppe (180 g). Damit wurden die in anderen Studien beobachteten schlechteren Zunahmen nicht bestätigt. Der Grund dafür ist, dass in der vorliegenden Untersuchung nur das absolute Minimum an Ferkeln separiert wurde – und das auch erst in dem Moment, als es tatsächlich notwendig wurde (mehr Ferkel als Zitzen). So überwiegt der positive Effekt, der sich durch ein etwas gleichmäßigeres Wachstum zeigt: 41 bzw. 36 % Streuung der Säugezunahmen bei Würfen mit Separation gegenüber 48 % in der Kontrollgruppe.
Es gilt also, einen Teil des möglichen Defizites im Angebot an Kolostralmilch in den großen Würfen von den kleinen auf die großen Ferkel zu übertragen, ohne diese zu überfordern. Das gelingt in der Versuchsvariante »Trennbox« gemessen an den täglichen Zunahmen der separierten Ferkel, aber auch des gesamten Wurfes, etwas besser. Auch die Streuung der Zunahmen der separierten Ferkel in dieser Behandlungsgruppe ist geringer (26 % gegenüber 38 %). Das liegt daran, dass in der Trennbox-Gruppe weniger, dafür etwas schwerere Ferkel zeitlich exakter separiert worden sind. Offensichtlich verkraften diese den Eingriff etwas besser. Sie realisieren gegenüber den Ferkeln der anderen Versuchsgruppe mit 40 g signifikant höhere Säugezunahmen, was aber auch ganz oder teilweise ihrem höheren Geburtsgewicht geschuldet sein wird. Entscheidend sind aber offensichtlich die Details des angewendeten Verfahrens.
Fazit
In dem Praxisversuch mit über 60 Würfen konnte gezeigt werden, dass das Split-Nursing bei entsprechender Handhabung grundsätzlich positiv zu werten ist. Der damit verbundene zeitliche Aufwand lässt sich durch die um 40 % gesenkten Frühverluste rechtfertigen. Während das teilautomatisierte Verfahren aufgrund des Reinigungsaufwandes netto keinen Arbeitszeitgewinn ermöglichte, waren die biologischen Leistungen (Verluste, Säugezunahmen) hierbei noch etwas günstiger. Denn aufgrund der beschränkten Größe der Trennboxen steht die Auswahl von für die Separation geeigneten Ferkeln noch mehr im Fokus. Zudem hilft die Technik, die vorgesehene Separationsdauer exakt einzuhalten.