Rapsanbau. Der Ertrag wird im Herbst gemacht
Mildere Winter, längere Vegetationsphasen und neue Sorteneigenschaften verschieben die Entwicklung bei Raps deutlich. Was das für Aussaat, Düngung und die weitere Bestandesführung bedeutet, zeigt Ute Kropf.
Wer heute erfolgreich Raps anbauen will, muss das Zusammenspiel von Witterung, Bodenstruktur, Sortengenetik und Nährstoffversorgung viel genauer betrachten als früher. Denn in den vergangenen Jahren haben sich die Rahmenbedingungen für unsere wichtigste Blattfrucht verändert. Seit 2015 ist das Ertragsniveau deutschlandweit abgesackt. Und das ist nicht nur mit dem Wegfall der Neonicotinoide zu begründen. Ganz entscheidend sind dafür auch die veränderten Witterungsbedingungen, die den Entwicklungszyklus der Pflanzen beeinflussen.
Wer Raps verstehen will, muss wissen: Ein wesentlicher Teil des finalen Ertrages entscheidet sich bereits im Herbst. Denn in dieser Phase wachsen die Pflanzen nicht nur »vor sich hin«, sondern legen die Grundlagen für Knospenbildung, Seitentriebentwicklung und später die Korndichte. Dabei folgt die vegetative Entwicklung der Temperatursumme. Pro Blattpaar werden zwischen 120 und 150 °C benötigt. Im 6-Blattstadium erfolgt dann der Wechsel von der vegetativen in die generative Phase, es beginnt also die Anlage von Blütenknospen. Gleichzeitig ist das eine entscheidende Periode für die Wurzeldifferenzierung und den -tiefgang. Wenn alles gut läuft, folgt im 10- bis 12-Blattstadium und einer Temperatursumme von 1.000 bis 1.100 °C eine Winterruhe, in der die Pflanzen zwar weiter Knospen ausdifferenzieren, sich aber ansonsten in einem Ruhezustand befinden. Es gibt also keine Nettosubstanzzunahme mehr. Rückblickend waren die besten Rapsjahre diejenigen, in denen die Lichtverhältnisse im Herbst optimal waren und drei bis vier Monate Winterruhe herrschte.
Wenn dann mit Vegetationsbeginn im Frühjahr die Streckung beginnt, ist die Anlage von Knospen bereits abgeschlossen. Das heißt, der Höhepunkt des Ertragspotentials ist erreicht (gerechnet in Knospen pro Blüte). Ab diesem Zeitpunkt werden in der Streckung Seitentriebe und schwache Knospen auch wieder reduziert.
Die Krux: Unsere Witterungsbedingungen haben sich geändert. Durch mildere Herbste und eine deutlich kürzere bzw. ausbleibende Winterruhe erreicht der Raps heute oft schneller kritische Entwicklungsstadien. Vielerorts beginnt die Streckung deutlich früher als vor zehn Jahren. Damit verkürzt sich das Zeitfenster, in dem die Pflanzen ihre ertragswirksamen Organe ausbilden können (Grafik).
Hinzu kommt, dass sich die Genetik verändert hat. Moderne Hybriden verfügen zwar über ein hohes Ertragspotential. Gleichzeitig hat sich bei ihnen aber die Entwicklungsdynamik verschoben: Viele aktuelle Sorten beginnen deutlich früher mit der Streckung (bei einer Temperatursumme von 900 bis 1.000 °C) als ältere, die dafür etwa 1.200 °C benötigten.
Welche Handlungsmöglichkeiten gibt es, um die Bestandesentwicklung zu optimieren? Ein wichtiger Hebel ist der Saattermin. Zu frühe Saaten führen in warmen Herbsten schnell zu einer übermäßigen Entwicklung. Der Raps nutzt den langen Tag und die hohe Temperatursumme und streckt sich früher als gewünscht. Das kann zu überzogenen Beständen führen, die im Frühjahr weniger robust sind und schlechter mit Stress umgehen können. In vielen Regionen kann ein etwas späterer Saattermin (Ende August/ Anfang September) helfen, den Entwicklungsrhythmus besser an das Klima anzupassen.
Darüber hinaus lassen sich früher gesäte und sich schnell entwickelnde Bestände mit einer ersten Wachstumsreglergabe im 4- bis 6-Blattstadium bremsen. Nach weiteren 200 °C Wärmesumme sollte dann im 8-Blattstadium eine zweite Wachstumsreglermaßnahme folgen. Und auf sehr wüchsigen Standorten mit langer Vegetation kann sogar eine dritte Gabe sinnvoll sein. Wichtig ist, dass den Pflanzen nach der letzten Maßnahme noch mindestens vier Wochen Restvegetationszeit bleiben.
Bei der Sortenwahl ist zu berücksichtigen, dass die Ertragssteigerungen, die in den vergangenen Jahren über den Zuchtfortschritt realisiert wurden, vor allem auf eine erhöhte Korndichte zurückgehen. Mit Blick auf die veränderten Witterungsbedingungen und die dadurch begrenzte Ausdifferenzierung von Körnern wären TKG-starke Sorten hilfreich. Das ist züchterisch allerdings eine große Herausforderung.
Eine zentrale Rolle spielen zudem Nährstoffversorgung und -verfügbarkeit in den Phasen der Ertragsbildung. Da sich die heutigen Sorten früher und schneller entwickeln, muss auch früh und ausreichend hoch angedüngt werden. Im Schnitt liegt der Bedarf der oberirdischen Biomasse und der Wurzeln bis zum Winter bei 100 kg N und 20 kg S pro ha. Gleichzeitig darf der Raps nicht zu stark in die Blattmasse »gedrückt« werden. Gerade dort, wo ausreichend Stickstoff im Herbst vorhanden ist, wächst der Bestand oft sichtbar besser, bringt aber nicht unbedingt höhere Erträge. Zu viel N im Herbst verschiebt das Verhältnis zugunsten der Sprossbildung und kann die Wurzelentwicklung bremsen. Auf leichten oder trockenheitsgefährdeten Standorten ist das besonders problematisch, weil die Pflanzen dann im Frühjahr anfälliger für Trockenstress sind.
Inwieweit der verfügbare Stickstoff in Ertrag umgesetzt wird, hängt von der Bodenstruktur und dem Wachstumsverlauf ab. Wo die Wurzeln ungehindert und tief wachsen können, erschließen sie Nährstoffe aus dem Boden besser. Wo Verdichtungen, Verschlämmung oder schlechte Porenkontinuität vorliegen, braucht die Pflanze mehr »Reparaturstickstoff«.
Auch Bor gehört in die Herbststrategie – möglichst bodennah oder übers Blatt. Das Spurenelement wird für junges Gewebe, Knospen und Wurzelprozesse benötigt, ist im Boden aber auswaschungsgefährdet. Daher muss zu einem späteren Zeitpunkt nachgelegt werden. Phosphor ist vor allem dort wichtig, wo die Böden kalt, nass oder strukturell eingeschränkt sind. In solchen Situationen kann eine Unterfuß- oder Tiefendüngung sinnvoll sein. Wenig sinnvoll ist es hingegen, den Raps im Herbst mit hohen Güllemengen »auf Masse« zu trimmen. Eine adäquate organische Düngung ist aber durchaus empfehlenswert.
Nicht zuletzt ist die Vorfrucht ein weiterer wichtiger Faktor. Steht Raps nach Leguminosen wie Ackerbohne oder Erbse, ist der Stickstoffbedarf im Herbst oft geringer als nach Getreide. Nach Gerste bindet das Stroh beim Abbau zusätzlich Stickstoff. Hier muss das Ernterückstandsmanagement stimmen. Eine gute Strohverteilung, die saubere Einarbeitung und eine ordentliche Bodenstruktur sind deshalb Teil der Düngungsfrage.
Unterm Strich lässt sich sagen: Ein erfolgreicher Rapsanbau ist nach wie vor möglich. Er wird aber deutlich anspruchsvoller. Standort, Aussaat, Bearbeitung und Düngung müssen konsequent aufeinander abgestimmt werden.