Herbizidwirkung. Wie resistent ist Weidelgras?
Haben sich bei marktgängigen Weidelgras-Sorten praxisrelevante Herbizidresistenzen entwickelt? Wie es sich in Wintergetreide kontrollieren lässt und welche Rolle dabei die Behandlungstermine spielen, zeigt Klaus Gehring anhand von Versuchen.
Weidelgräser sind nicht nur leistungsfähige Kulturpflanzen, sie zählen auch zu den schädlichsten Unkräutern im Ackerbau. Weidelgräser können sich durch Samenausfall auf der Anbaufläche, Sameneintrag in die Anbaufläche und als überlebende Altpflanze in
der Fruchtfolge zu schwer bekämpfbaren Unkräutern entwickeln. Ihre artspezifische Fähigkeit einer schnellen und massenwüchsigen
Entwicklung führt in diesem Fall zu erhebliche Konkurrenzschäden in allen Feldfrüchten. Wegen der spezifischen Fortpflanzungsbiologie und der hohen genetischen Variabilität sind Weidelgräser zudem in der Lage, eine rasche und breit angelegte Herbizidresistenz zu entwickeln. Die aktuell in Deutschland vermehrt auftretenden Fälle von Weidelgras-Verunkrautung mit hoch resistenten Biotypen führten zu dem Verdacht, dass bereits das für den Anbau verwendete Saatgut herbizidresistente Eigenschaften habe.
Besitzen marktgängige Weidelgras-Sorten Herbizidresistenzeigenschaften?
Die TH Bingen und die LfL Freising haben diese Vermutung aufgegriffen und in einem systematischen Sorten-Screening untersucht. Zusätzlich wurden von der LfL im Jahr 2024 zwei Feldversuche zur chemischen Regulierung von Weidelgras in Winterweizen durchgeführt. Das Sorten-Screening auf Herbizid-Sensitivität wurde folgendermaßen durchgeführt: Bei Verungrasungen mit Weidelgras handelt es sich im Ackerbau regelmäßig um Welsches Weidelgras (Lolum multiflorum, LOLMU). Zur Überprüfung von Herbizidresistenz-Eigenschaften bei marktgängigen Sorten wurde daher Saatgut aus LSV-Versuchen und von Züchtern der 20 Sorten mit dem höchsten Vermehrungsanbau im Jahr 2022 ausgewählt. Ergänzend zu der bereits veröffentlichten Berichterstattung von der ersten Resistenzprüfung an der TH Bingen werden hier die Ergebnisse der Parallelprüfung an der LfL Freising dargestellt.
Die in beiden Gewächshausversuchen mitgeprüfte resistente Vergleichsherkunft zeigte erwartungsgemäß deutliche Wirkungsverluste
bei boden- und blattaktiven Herbiziden. Lediglich das nicht selektive Herbizid Glyphosat erreichte dort noch das volle Wirkungspotential. Neben einem nur begrenzten Wirkungsverlust von Metazachlor waren die geprüften Herbizide aus den Anwendungsbereichen im Getreide- und Maisanbau von Wirkungsverlusten im Bereich von 50 bis 90 % betroffen. Selbst ein geprüftes Gräsermittel (Clethodim) hatte bei der resistenten Vergleichsherkunft einen Wirkungsverlust von 90 %.
Unterschiede zwischen den Prüfstandorten
Bei der Wirksamkeitsprüfung von Bodenherbiziden gegenüber den marktgängigen LOLMU-Sorten traten Unterschiede zwischen den Prüfstandorten auf (Grafik 1). Während in Freising alle drei untersuchten Herbizide ein volles Wirkungspotential erreichten, war in Bingen bei Prosulfocarb, Flufenacet, Metazachlor – in dieser Reihenfolge – eine beeinträchtigte Leistung gegeben. Der Leistungseinbruch zeigte dabei keinen signifikanten Sorteneffekt. Gegenüber Freising war am Standort Bingen ein temporärer Temperaturstress während der Versuchsdurchführung vorhanden. Dieser führte offensichtlich zu einer wirkstoffspezifischen Wirkungsminderung durch Austrocknung des Bodensubstrats. Damit zeigte sich die Umweltvariabilität dieser Bodenherbizide hinsichtlich Niederschlag und Bodenfeuchtigkeit. Bei den geprüften blattaktiven Herbiziden lag dagegen die wirkstoffspezifische Bekämpfungsleistung zwischen 92 und 98 % ohne erkennbare Sorteneffekte (Grafik 2).
Insgesamt konnten somit keine Hinweise auf eine bereits in marktgängigen Sorten vorhandene Herbizidresistenz festgestellt werden. Die Verwendung von Welschem Weidelgras als Qualitätssaatgut im Feldfutterbau stellt also kein produktionstechnisches Risiko dar. Nach guter fachlicher Praxis ist aber das Verschleppen von Altpflanzen und Samenmaterial in der Fruchtfolge zu verhindern.
Herbizid-Wirkungspotential zur Regulierung von LOLMU in Wintergetreide
Am Standort Freising wurde ein Feldversuch durchgeführt, um das verfügbare Herbizidportfolio auf die Regulierungsleistung von LOLMU in Winterweizen zu untersuchen. Hierfür wurde die Sorte Mustela in hoher Dichte (25 kg/ha) gemeinsam mit Winterweizen ausgesät. Das Prüfprogramm umfasste acht verschiedene Herbstbehandlungen, sechs Frühjahrsbehandlungen und eine Herbst-Frühjahr-Spritzfolge. LOLMU entwickelte sich im Frühjahr zu einer Bestandsdichte von 90 bis 100 % Deckungsgrad mit einem Besatz von durchschnittlich 305 Ähren/m² in der Abreife. Die Herbstbehandlungen mit boden- und blattaktiven Herbiziden erzielten mit Ausnahme von Prosulfocarb und Mesulfuron + Jodosulfuron ein Wirkungsniveau von mindestens 95 %. Die Frühjahrsbehandlungen erreichten mit Ausnahme von Clodinafop eine vollständige Bekämpfungsleistung (97 % LOLMU-Wirkung). Dies gilt auch für die Spritzfolgebehandlung (Grafik 3). Diese Ergebnisse zeigen, dass in Winterweizen mehrere leistungsfähige Herbizide zur erfolgreichen Regulierung von sensitiven LOLMU zur Verfügung stehen. LOLMU aus dem Samenauflauf kann in Winterweizen sowohl durch Herbst- als auch durch Frühjahrsbehandlungen effektiv bekämpft werden. Die Herbstanwendungen von Prosulfocarb (z. B. Boxer) erfordern gegebenenfalls eine Folgebehandlung im Frühjahr. Blattaktive Herbstbehandlungen mit Mesosulfuron (z. B. Niantic) sind weniger effektiv als der Einsatz von ACCase-Hemmern im Herbst oder von Mesosulfuron im Frühjahr. Eine sichere Regulierung erfordert Wirkungsgrade von mindestens 98 %.
Versuch Herbizidanwendung im Frühjahr
Ein weiterer Versuch zur Überprüfung des Behandlungstermins bei der Herbizidanwendung im Frühjahr in Winterweizen wurde in Ergänzung zum Herbizid-Screening vorgenommen. Hierzu wurden Behandlungen mit Pinoxaden bzw. Jodosulfuron + Mesosulfuron
in vier abgestuften Terminen vom 11.03. bis 11.04.2024 eingesetzt. Als Vergleich wurde auch eine Herbstbehandlung auf Basis von Flufenacet angelegt (Grafik 4). Mit einer gewissen Verzögerung bei den Spätbehandlungen erreichten alle Prüfvarianten ab Ende Mai ein Wirkungsniveau von mehr als 99 % gegenüber einer Kontrolle mit 388 LOLMU-Ähren/m². Ein signifikanter Leistungsunterschied war
weder im Vergleich der eingesetzten Herbizide noch der Behandlungstermine vorhanden. Um das volle Wirkungspotential zur erreichen, müssen aber günstige Anwendungsbedingungen beim Einsatz der Präparate angestrebt werden.