Betriebsführung. Gemeinsam zu mehr Biodiversität
Überbetriebliche Ansätze gelten als ein möglicher Weg, um den Arten-, Klima- und Naturschutz voranzutreiben. Doch was spricht aus Sicht der Landwirte für oder gegen die Teilnahme? Eine Umfrage liefert Antworten.
Ein effizienterer, wirkungsorientierter Naturschutz, der stärker von der landwirtschaftlichen Praxis gesteuert wird und zugleich besser in den betrieblichen Alltag integriert ist: Der Ansatz, Naturschutzmaßnahmen gemeinsam und überbetrieblich, also vernetzt umzusetzen, bietet sowohl für die Umwelt als auch für die Landwirtschaft Vorteile. In verschiedenen Modellprojekten – etwa Kombi, MoNaKo, Kooperativ oder MoKo EULLa wird erprobt, wie solche kooperativen Lösungen in der Praxis funktionieren können. Ein entscheidender Erfolgsfaktor dabei ist die Bereitschaft der Betriebe, sich überbetrieblich zu engagieren. Vor diesem Hintergrund befragte das ZALF auf den DLG-Feldtagen 2024 85 Landwirte, wie sie die Vor- und Nachteile eines solchen kooperativen Ansatzes einschätzen.
Nur etwa der Hälfte der befragten Landwirte war der kooperative Ansatz nach dem Vorbild des »Niederländischen Modells« bekannt. Die Niederlande stellten bereits 2016 die Agrarförderung der zweiten Säule um. Der Kerngedanke: Naturschutzmaßnahmen auf Acker‑ und Grünland werden nicht mehr einzeln je Betrieb gefördert, sondern gebietsbezogen über rund 40 regionale Bauern‑Kollektive (»Collectieven«) organisiert. Damit sollen Fördermittel konsequent an konkret definierte Arten‑ und Lebensraumziele geknüpft werden (z. B. Wiesen‑Vogelschutz, Gewässerrandstreifen) – Landschaftswirkung statt Formular‑Erfüllung steht im Vordergrund.
Auch in Deutschland gibt es erste Bestrebungen überbetrieblicher Lösungen. Allen voran Brandenburg, welches als erstes Bundesland 2023 kooperative Maßnahmen in die Regelförderung aufgenommen hat. Daneben erproben auch Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt den kooperativen Ansatz in Modellvorhaben, in Hessen und Niedersachsen gibt es Programme für die Zusammenarbeit von Betrieben respektive Landwirtschaft, Naturschutz und Politik im Agrarnaturschutz.
Landwirte sind prinzipiell offen für kooperative Lösungen
Auf die Frage nach ihrer möglichen Beteiligung äußerten sich 14 % der Befragten positiv, die überwiegende Mehrheit (69 %) antwortet mit einem »Vielleicht«. Während 12 % der Teilnehmer die Möglichkeit klar verneinten, waren lediglich 5 % bereits in einer Kooperative aktiv.
Für die Weiterentwicklung und Schärfung der kooperativen Modelle ist insbesondere die Einschätzung der potenziellen Vor- und Nachteile aus Sicht der Landwirtschaft relevant. Dazu sollten die Befragten die möglichen Faktoren für ihre Teilnahme an kooperativen Lösungen bewerten (1 bis 6 bzw. 1 bis 4 Punkte). Je mehr Punkte insgesamt zusammenkamen, desto wichtiger wurde der entsprechende Vor- oder Nachteil eingestuft. Dabei war die Einschätzung in den Ergebnissen individuell sehr unterschiedlich mit voller Schwankungsbreite über alle möglichen Punkte. Die Vorteile wären:
- Höhere Flexibilität zum Beispiel durch die Möglichkeit, eigene Maßnahmen vorzuschlagen, die wirksamer und besser in ihre Betriebsabläufe integriert werden können.
- Sinkendes Sanktionsrisiko, da sich im kooperativen Ansatz eine Koordinationsstelle bewährt hat, die Maßnahmen fachlich begleitet und als »Frühwarnsystem« agiert. Auch gibt es Kooperativen, die sogenannte Pufferflächen vorhalten, auf denen geplante Maßnahmen ersatzweise umgesetzt werden können.
- Weniger Bürokratie, wenn Betriebe statt Einzelanträge einen gemeinsamen Antrag über die Koordinationsstelle stellen können, welche sie bei der Antragstellung zusätzlich berät und unterstützt.
- Mehr Freiraum bei der Zahlungsgestaltung, da diese je nach Bodenqualität und Eignung der Maßnahmen für bestimmte Umweltziele variiert werden können.
- Förderung des Wissensaustauschs zwischen den Betrieben, sowie mit der koordinierenden Stelle.
- Erhöhte Umweltwirksamkeit, da die Betriebe Maßnahmen auf Landschaftsebene miteinander abstimmen und räumlich besser koordinieren.
Die befragten Landwirte bewerteten weniger Bürokratie als wichtigsten Vorteil und daher größten Motivator für eine mögliche Teilnahme. Dem folgt die Aussicht auf eine höhere Flexibilität in der Umsetzung der Maßnahmen. Ein verringertes Sanktionsrisiko sowie größere Freiheit der Zahlungsgestaltung erhielten von den wenigsten Landwirten die höchste Punktzahl. Zugleich war die erhöhte Umweltwirksamkeit für mehr als ein Drittel nur von geringer Bedeutung.
Differenziert nach Alterskategorien verschiebt sich dieses Bild etwas: Für die unter 25-Jährigen gewinnt im Vergleich zum Durchschnittswert eine höhere Flexibilität sowie mehr Freiheit bei der Zahlungsausgestaltung an Wichtigkeit. Für Landwirte zwischen 25 und 44 Jahren sowie älter als 65 Jahre tritt ein verbesserter Wissensaustausch an die erste Stelle. Landwirte zwischen 45 und 64 Jahren vergeben im Durchschnitt für ein verringertes Sanktionsrisiko sowie für eine erhöhte Umweltwirksamkeit mehr Punkte.
Mit dem kooperativen Ansatz können aber auch Nachteile verbunden sein. Zu diesen zählen:
- Höhere Kosten für die landwirtschaftlichen Betriebe, z. B. aufgrund des zusätzlichen Zeitaufwands für die regelmäßige Kommunikation innerhalb der Gruppe.
- Starke Abhängigkeit von einer geeigneten Koordination, deren Fähigkeiten und Wissen die Effektivität des gesamten Modells maßgeblich beeinflussen.
- Mögliche Konflikte innerhalb der Gruppe, welche die Zusammenarbeit erschweren und im schlimmsten Fall dazu führen, dass einzelne Mitglieder ausscheiden.
- Unsicherheit, ob die erhofften positiven Umweltwirkungen tatsächlich erzielt werden können. Da der kooperative Ansatz relativ neu ist, gibt es bisher keine umfassenden Daten, welche eine verbesserte Umweltwirkung eindeutig belegen.
Die befragten Praktiker sahen die hohe Abhängigkeit von der Koordination (38 % vergaben Maximalpunktzahl) als wichtigsten Hinderungsgrund für die Teilnahme an, sowie mögliche Konflikte innerhalb der Gruppe (29 %). Weniger wichtig waren die höheren Kosten durch Abstimmungsbedarf sowie die noch bestehende Unsicherheit über das tatsächliche Eintreten positiver Umweltwirkungen.
Mit Blick auf die Nachteile kooperativer Ansätze gewinnen für die Altersgruppe der unter 25-Jährigen im Vergleich zu älteren Befragten höhere Kosten an Bedeutung. Mögliche Konflikte in der Gruppe werden vor allem in den Altersgruppen 25 bis 44 Jahre und über 65 Jahre kritisch gesehen. Für die älteste Gruppe rückt dieser Aspekt damit sogar an die erste Stelle. Für die Altersgruppe 45 bis 64 Jahre bekommt schließlich die unsichere Umweltwirkung höchste Wichtigkeit.
Was heißt das für die Teilnahmebereitschaft?
Nach der Bewertung wurde erneut die Teilnahmebereitschaft abgefragt, um den Einfluss der Reflexion über die Vor- und Nachteile zu prüfen: Für die große Mehrheit der Befragten (69 %) veränderte sich ihre Teilnahmebereitschaft nicht. Für etwas weniger als ein Drittel (27 %) hatte sich die Teilnahmebereitschaft erhöht – für 4 % verschlechterte sie sich.
Fazit
Für die Entwicklung kooperativer Ansätze in Deutschland stehen vor allem zwei Aspekte im Fokus: Als Vorteil überzeugt die Landwirte besonders, dass der kooperative Ansatz einen Abbau von Bürokratie verspricht. Dies deckt sich mit der Präsenz dieses Aspekts in der öffentlichen Diskussion. Bei den Nachteilen sprechen zwei eng verknüpfte Aspekte gegen eine Teilnahme: die hohe Abhängigkeit von einer geeigneten Koordinationsstelle, welche die Gruppenprozesse gut steuert, sowie die Sorge vor Konflikten in der Gruppe. In diesem Fall wäre eine Koordination mit gutem Konfliktmanagement gefragt.
Das Potenzial des kooperativen Ansatzes gemeinschaftlich mehr für den Arten-, Klima- und Umweltschutz zu erreichen steht für die Landwirte insgesamt nicht im Vordergrund. Hier gilt es, die Selbstwahrnehmung der Landwirtschaft im Hinblick darauf positiv zu stärken, welche wichtige und wirkmächtige Rolle sie hat. Da der Mehrheit der Befragten der kooperative Ansatz unbekannt war (58 %), sie sich aber zugleich grundsätzlich offen für eine Teilnahme zeigten (69 % antworteten mit vielleicht) bzw. ihr Interesse explizit bekundeten (14 %), sollte auch die Informationsarbeit zu kooperativen Modellen gezielt ausgebaut werden.