Portrait. An erster Stelle steht der Boden
Erosion vorbeugen, das Bodenleben schonen, die Biodiversität fördern, aber natürlich auch genug ernten und Geld verdienen – Hanno Haselroth erreicht das, indem er das bodenschonende Wirtschaften in den Mittelpunkt stellt.
Der Boden ist das Wichtigste!« Druck auf den Boden zu verringern oder am besten gar nicht erst auszuüben sowie die Bodenfruchtbarkeit zu erhöhen – darin sieht Hanno Haselroth seine wichtigste Herausforderung als Ackerbauer. Für den Betrieb heißt das: So wenig Bodenbearbeitung wie möglich und, wo immer es geht, Gewicht reduzieren oder verteilen.
Erheblicher Bodendruck
Das zieht allerdings einen langen Rattenschwanz in der gesamten Betriebsorganisation nach sich: Es geht schon damit los, dass der Betrieb in Tecklenburg im Münsterland ein klassischer Veredelungsbetrieb mit Ackerbau und Schweinemast ist (siehe Betriebsspiegel). Und mit der Gülleausbringung ist normalerweise erheblicher Bodendruck verbunden. Früher hat ein Lohnunternehmer bei Haselroth Gülle ausgebracht. »Beim absetzigen Verfahren mit Feldrandbefüllung und entsprechenden Volumina und bei 27 m Arbeitsbreite wiegen die großen Gespanne 65 t! Dann kommt womöglich noch das Gewicht durch die Schleppkuven dazu. Das ist für den Boden einfach eine zu große Belastung«, sagt der Landwirt.
Eigenmechanisierung in der Gülleausbringung
Inzwischen setzt Haselroth an dieser Stelle auf Eigenmechanisierung: Er nutzt ein umgebautes, kleineres Güllefass mit einer Teilbreitenabschaltung und NIRS-Sensor zur Dokumentation. »Auch wenn man damit nicht einmal den Zubringer komplett absaugen kann. Aber auf dem Großteil unserer Flächen wird Gülle in den stehenden Bestand ausgebracht, und es ist gelungen, die Belastung durch den Güllewagen zu reduzieren und das Bodenleben zu schonen.«
Bodenbearbeitung verringern
Bis 2016 wurden alle Flächen des Betriebes gepflügt, seit 2017 setzt er für Wintergetreide und Raps auf Mulchsaat, für die Kulturen im Frühjahr auf Direktsaat. Den positiven Effekt auf den Boden meinte Haselroth schon nach kurzer Zeit sehen zu können – sprich im Jahr nachdem nicht mehr gepflügt wurde. Er hat den Pflug übrigens sofort verkauft, damit er gar nicht erst in Versuchung gerät. »Bei nassen Verhältnissen sollte man die Bodenbearbeitung lieber ganz unterlassen. Und schon gar nicht Hin- und Herfahren und den Boden verdichten, um die letzten Ecken perfekt zu bearbeiten. Im nassen Herbst 2023 haben wir lieber Sommerungen geplant, anstatt Wintergetreide in den Boden zu schmieren.« Die positiven Aspekte der geringeren Bodenbewegung sind neben dem stärkeren Erosionsschutz, einem höheren Bodenleben und gestiegener N-Effizienz auch eine bessere Wasserinfiltration. Das heißt, mehr Wasser kommt der Fläche zugute. Haselroth erklärt sich so die gute Ertragsstabilität im Betrieb, auch in Trockenjahren wie 2020/2021. Ackerfuchsschwanz, Weidelgras, Windhalm – die Gräserproblematik ist mit der Umstellung der Wirtschaftsweise nicht größer geworden. Für die Direktsaat-Kulturen im Frühjahr ist aber ein Totalherbizid nötig. Die selektiven Herbizide im Verlauf der Vegetation lassen sich deutlich reduzieren. »Aber bei einem Glyphosat-Verbot müssen wir bei den Frühjahrskulturen auf Mulchsaat wechseln. Das allerdings nur sehr schweren Herzens!«
Betrieb Haselroth
- Veredelungsbetrieb (Schweinemast)
- ca. 1 800 Schweinemastplätze
- Beteiligung an Biogasanlage (500 kW)
- etwa 250 ha LN (Getreide, Raps, Mais, Erbsen)
- Saatgutvermehrung auf ca. 110 ha Fläche (WW, WG)
- sehr heterogene Schläge, Bodentypen von Braunerde, Parabraunerde bis Gley, 26 bis 55 BP
- Flächen teilweise drainiert (Eisenoxidauswaschung)
- durchschnittliche Flächengröße ca. 5,5 ha
- maximale Hof-Feld-Entfernung ca. 12 km
Mit Berufskollegen austauschen
Ein Ziel Haselroths ist es auch, das Ackern allein mit einer Aushilfe zu schaffen, also auch aus organisatorischen Gründen nicht zu intensiv zu wirtschaften. Das Dreschen übernimmt der Lohnunternehmer, den Rest erledigt der Betrieb selbst in Eigenmechanisierung. »Dabei muss man gar nicht sofort in die neuste Technik investieren. Häufig geht es auch mit älterer, umgebauter Technik«. Oft tauscht sich Haselroth beim Thema Technik mit Berufskollegen aus. Auch bei der Saat geht es um Bodenschutz: Ein Teil des Saatguts ist in der Front untergebracht, um Gewicht zu verteilen.
Precision Farming
Die Flächen im Betrieb sind heterogen, die Böden sehr unterschiedlich, was ihre Mächtigkeit und die Feldkapazität angeht. Das gilt zum Teil auch innerhalb einzelner Flächen. Deshalb wird seit elf Jahren teilflächenspezifisch gearbeitet. Mithilfe von Precision Farming (Applikationskarten) wird gesät, gedüngt und auch gekalkt. Dazu wurden zunächst die Flächen mit Bodenleitfähigkeitssensoren gescannt.
»Es hat sich bewährt, hier nicht über Satellitenbilder zu gehen. Das Scannen ist genauer, die Wirklichkeit wird einfach besser abgebildet. Es gibt eine flache und eine tiefe Messung (0 bis 0,5 m tief und 0 bis 1 m), so wird die elektrische Leitfähigkeit im Boden erfasst und das Potential der Teilfläche ermittelt. Die Beprobungslinien liegen 13 bis 15 m auseinander«, erklärt Haselroth. Besonders teuer ist das Scannen mit etwa 20 €/ha auch nicht. Für das Kalken ist je nach Auswaschung eine eigene Karte notwendig. Aus der ist dann ersichtlich, wie hoch das Ertragspotential der jeweiligen Teilfläche ist und in welcher Höhe gekalkt wird. Das Ergebnis passt gut zu den Ertragskarten, die der Lohnunternehmer bei der Ernte erfasst, sie sind deckungsgleich. Das genaue Kalken je nach Teilfläche lohnt sich also.
Zunehmend wird im Betrieb Haselroth das CTF (Controlled Traffic Farming)-Verfahren eingeführt – nach und nach, immer wenn neue Investitionen anstehen. Mit der Synchronisation der Arbeitsbreiten wird die überfahrene Fläche insgesamt reduziert. Im Ergebnis werden nur noch 42 % der Fläche überfahren, früher waren es 65 %. Und das vor dem Hintergrund, dass es einen wirtschaftlichen Mehrertrag von CTF auf unbefahrenen Bereichen von bis zu 10 % gibt. Alle Maschinen auf dem Acker fahren satellitengesteuert auf festen und dauerhaften
Spuren. In jedem Jahr, in jeder Kultur liegen sie an exakt der gleichen Stelle. Die Arbeitsbreiten sind dementsprechend abgestimmt: Drusch und Kalken: 9 m, Bodenbearbeitung und Aussaat: 4,5 m, Pflanzenschutz: 27 m. Kritischer Punkt in dem System ist der Mähdrescher: Er ist ohnehin – mit Blick auf das Gewicht – besonders heikel und verursacht eine starke Schadverdichtung. Und bei der CCM-Ernte mit 8-reihigem Pflücker fährt er als einzige Maschine außerhalb des CTF-Systems. Aber der Überladewagen fährt beim Dreschen ausschließlich in der Spur! Das Abtankrohr wurde extra dafür angepasst. Sogar beim Rapsdrusch wird auf diese Weise Gewicht vermieden. »Die Vorteile des Bodenschonens bekommt man nur, wenn man das System ganz konsequent umsetzt«, ist Haselroth überzeugt. Raupen statt Reifen findet er nicht immer überzeugend: »Insgesamt ist ja der Kontaktflächendruck entscheidend und die kleinen Tragrollen in der Mitte der Raupenlaufwerke üben häufig einen viel höheren Lastdruck aus als ein VF-Reifen.«
Wichtiger scheint ihm neben der breiten Bereifung die Reifendruckregelanlage (auch, wenn auf der Straße per Knopfdruck wieder aufgepumpt werden muss). Ein weiteres Problem beim Mähdrescher: Er verteilt das Stroh ab einer bestimmten Arbeitsbreite nicht gleichmäßig über die komplette Schnittbreite – normalerweise schon nicht, aber im CTF-Verfahren wiegt die Kritik besonders schwer. Nach Diskussionen mit dem Lohnunternehmer hat der Mähdrescher, der bei Haselroth im Einsatz ist, jetzt eine aktive Strohverteilung!
Drillkombination in Eigenbau
Der Mais wird in Direktsaat auf spezielle Weise angebaut. Nebeneinander liegen ein Schlitz Ackerbohnen, ein Schlitz Klee (die Leguminosen frieren über Winter schwarz ab, daher wird der Boden schneller warm), vier Reihen Rauhafer (unterdrückt Unkraut) – jeweils im 75-cm-
Reihenabstand. Der Mais wird zwischen die Leguminosen gelegt. Die dafür nötige Drillkombination mit mehreren Tanks ist ebenfalls eine Eigenkonstruktion. Es kommt dann noch ein Unterfußdünger zum Mais, aber keine Gülle. »Der Leguminosen-N reicht aus. »Biostriptill« bedeutet nur etwa 2 bis 3 % Minderertrag gegenüber der Güllegabe. Der Mais ist zunächst zwar etwas träge und nicht ganz so vital, aber nach der Blüte kommt er in Gang, ist dunkelgrün, und die Erträge sind gut.« Damit verschieben sich die N-Gaben im Betrieb insgesamt, der Mais bekommt weniger, Getreide und Raps etwas mehr, denn viele Flächen des Betriebs liegen in Roten Gebieten. Alles in allem wird der N-Einsatz reduziert.
So setzt der Betrieb auf klimaresilienten Ackerbau
- Flache Mulchsaat für Herbstsaaten (8 – 12 cm)
- Direktsaat in allen Sommerungen (Körnererbse, Mais)
- Einführung Fahrspurmanagement (CTF)
- Reduzierung des Kontaktflächendruckes (Großvolumige Bereifung mit angepassten Luftdrücken)
- Erweiterte Bodenuntersuchung (KAK, festgelegte Beprobungslinien)
Aber lohnt sich der ganze Aufwand überhaupt? Das soll ein großer Langzeitversuch zeigen, den Haselroth mit Unterstützung der LWK NRW (Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie) und der Universität Osnabrück in seinem Betrieb angelegt hat. Aufbau und Dokumentation entsprechen wissenschaftlichen Standards. Der Versuch soll fünf Jahre laufen und wird jetzt (2024) im vierten Jahr durchgeführt.
Über die gesamte Fruchtfolge werden fünf Varianten umgesetzt:
- Mulchsaat 24 cm tief (Variante 1)
- Mulchsaat 16 cm tief (Variante 2)
- Mulchsaat mit 8 cm Arbeitstiefe (Variante 3)
- Direktsaat I immergrüne Brücke, lebende Wurzeln (Variante 4)
- Direktsaat II evtl. zusätzlicher Striegelgang (Variante 5).
Ziel des Versuchs ist es zu messen, wie sich die unterschiedlichen Intensitäten der Bodenbearbeitung auswirken. Indikator ist neben dem Bodenleben, gemessen an der Zahl der Regenwürmer (ausgezählt von Studierenden der Hochschule Osnabrück) der Ertrag, sowohl quantitativ als auch monetär. Die Versuchsvarianten werden aber nicht m it einem Versuchsdrescher beerntet. Man könnte so zwar am
leichtesten die Erntemengen genau erfassen. Aber er passt natürlich nicht ins Spur-System – sprich: Er übt zu viel Druck aus.
Und welches Verfahren schneidet nach bisheriger Einschätzung am besten ab? »8 bis 10 cm tiefes Mulchen ist wohl die optimale Tiefe«, schätzt Haselroth. »Die Variante 3 ist der beste Kompromiss aus guten Erträgen und positivem Bodenaufbau.« Ein weiteres Ergebnis des Langzeitversuchs betrifft die Direktsaat-Varianten. Denn dass das Verfahren deutliche Probleme mit Mäusen nach sich zieht, will Haselroth nicht leugnen. »Die vielen Bussarde am Feldrand sind sicher nicht ohne Grund dort«. Er hat auch beobachtet, dass sich die Raubvögel mit stehengebliebenen Stoppeln (Raps/Mais) schwertun und an manchen Stellen lieber keine Mäuse jagen, um den scharfen Stoppelnn icht zu
nahe zu kommen.
»Das Bodenschonen beim Wirtschaften in den Vordergrund zu stellen – da muss man sich schon ein dickes Fell zulegen, in der Familie oder auch gegenüber Berufskollegen, da rollt schon ab und zu einer mit den Augen. Und auch man selbst muss lernen, manchen Anblick auf dem Acker einfach auszuhalten«, resümiert Haselroth. Aber inzwischen ist der Effekt auf den Flächen sichtbar und zeigt, dass die umgesetzten Maßnahmen zu einer nachhaltigen Verbesserung des Bodens beitragen.