Niederlande. Intensität am Limit
Intensivierung war bisher die Antwort der niederländischen Landwirte auf begrenzte Fläche und massiven Urbanisierungsdruck. Forderungen nach mehr Nachhaltigkeit verschärfen die Lage noch. Beides führt im Ergebnis zu massivem Strukturwandel, wie Sjoert Hofstee zeigt.
In den Niederlanden gibt es aktuell nur noch etwas mehr als 50 000 landwirtschaftliche Betriebe. Unter dem Druck des Marktes, restriktiver Vorschriften und einem verschärften Wettbewerb um Flächen wird der Strukturwandel anhalten. Diejenigen, die bleiben, schöpfen Hoffnung aus einer neuen Regierungskoalition, die eine prolandwirtschaftliche Stimme erhebt.
Stickstoffkrise und Bauernproteste. Demonstrationen liegen den niederländischen Landwirten normalerweise nicht im Blut. Am 1. Oktober 2019 gingen sie dennoch auf die Straße, aus Existenzangst. Anlass war die Stickstoffkrise, durch die sich viele Betriebe mit nicht ausreichender Flächenausstattung gezwungen sahen, ihre Produktion aufzugeben. Diese Krise ist noch nicht vollständig und formell überwunden, aber sie bestimmt schon seit einiger Zeit nicht mehr die Schlagzeilen. Und das, obwohl noch immer keine Klarheit darüber herrscht, welche Betriebe für Naturschutzgebiete weichen müssen und welche nicht. Die Landwirte sind »stickstoffmüde«, weil neue und größere Herausforderungen kurzfristig aufgetaucht sind.
Der Güllemarkt völlig aus dem Gleichgewicht. Im Milchviehsektor, der als wichtiger »Treiber« des Agrarexports gilt und die Niederlande weltweit zu den besten Standorten für die Milcherzeugung gehören, gibt es eine solche neue und größere Bedrohung: die schrittweise Abschaffung der Ausnahmeregelung. Seit 2006 hatte der gesamte niederländische Milchviehsektor eine Sonderstellung im Brüsseler Düngerecht, die »Derogation«.
Normalerweise erlaubt die EU-Wasserrahmenrichtlinie auf Grünland 170 kg/ha aus organischen N. Die niederländischen
Milchviehhalter profitierten von einer Ausnahmeregelung und durften 250 kg/ha ausbringen. Die Argumentation dafür: Die
Erträge pro Hektar und damit der Nährstoffentzug sind im Durchschnitt viel höher als in den meisten anderen Teilen Europas. Daher dürfe auch mehr gedüngt werden. Diese Argumente gelten nach wie vor, aber Brüssel sorgte sich wegen der Phosphatüberschüsse zunehmend um die Qualität des Grundwassers. Die Niederlande wurden insgesamt als Rotes Gebiet ausgewiesen – nicht pro Bundesland oder Region wie in Deutschland und Frankreich. Weil einige Regionen die Phosphatobergrenze nicht einhalten, ist jetzt das gesamte Land betroffen. Die Ausnahmeregelung wird schrittweise bis 2026 vollständig abgeschafft, sodass generell nur noch maximal 170 kg/ha organischer N ausgebracht werden dürfen.
Dies bereitet vielen Milchviehhaltern große Kopfschmerzen. Ihre Optionen sind: zusätzliches Land kaufen, Land pachten, weniger Kühe halten oder einen Teil ihrer Gülle verkaufen. Alle diese Optionen kosten viel Geld und es wird erwartet, dass sich der Strukturwandel beschleunigt. Neben der Güllekrise und den zusätzlichen Kosten gibt es noch viele weitere Gründe dafür: Das Durchschnittsalter der Betriebsinhaber ist hoch, die in den vergangenen zwei Jahren gestiegenen Zinsen und verteuerten Betriebsmittel belasten die Liquidität. Obwohl der Milchpreis aus historischer Sicht hoch ist, kann er für viele Milchviehhalter die gestiegenen Produktionskosten nicht ausreichend ausgleichen.
Bodenpreise in schwindelerregender Höhe. Der Milchviehsektor ist in Bezug auf die Anzahl der Betriebe und die Landnutzung der größte Betriebszweig. Aber wer denkt, dass ein hier beschleunigter Strukturwandel zu sinkenden Bodenpreisen führt, wird enttäuscht. Die Bodenpreise in den Niederlanden gehören seit jeher zu den höchsten in Europa und dürften ihren Aufwärtstrend in den kommenden Jahren fortsetzen. Davon geht eine aktuelle Prognose der Rabobank aus. Die durchschnittlichen Preise für Ackerland lagen im ersten Quartal 2024 bei 79 000 €/ha. Für Grünland wird mit 73 300 €/ha nur unwesentlich weniger aufgerufen. Mittelfristig werden Bodenkäufer wahrscheinlich noch mehr Geld auf den Tisch legen müssen. Das Flächenangebot wird trotz Strukturwandel kaum zunehmen, während die Nachfrage – insbesondere von nichtlandwirtschaftlichen Käufern – stabil bleiben dürfte. Diese Interessenten treiben die Preise in die Höhe, weil sie zumindest das Gleiche und mehr zahlen können als Landwirte.
Wichtige Einflussfaktoren sind die zunehmende Verstädterung und die Ausweisung von Naturschutzgebieten. Bodenmakler erwarten bis 2030 unter dem Strich einen zusätzlichen jährlichen Bedarf für nicht landwirtschaftliche Zwecke von mindestens 8 900 ha. Damit wäre der »Flächenfraß« in den Niederlanden bezogen auf die verbleibende Agrarfläche gut dreimal intensiver als in Deutschland. Außerdem sollen nach Maßgabe des »Naturpakts« zur Umsetzung von EU-Vorgaben bis Ende 2027 rund 34 000 ha Naturfläche geschaffen werden. Der größte Teil des dafür benötigten Bodens wird der Landwirtschaft entzogen.
Trotz gestiegener Zinsen und einer im Durchschnitt viel geringeren Bereitschaft der Banken, Finanzierungen zu gewähren als noch vor einigen Jahren, bleibt der Druck auf das Land hoch. Es gibt jedoch immer noch genügend finanzstarke Betriebe, die die Flächenausdehnung vorantreiben. An sich ist das nichts Neues, aber in den letzten Jahren fällt auf, dass es zunehmend die Ackerbauern sind, die dem Milchviehsektor die Flächen streitig machen. Grund dafür ist, dass auch die Ackerbauern in Richtung Extensivierung gedrängt werden. Und diese Betriebe haben in den vergangenen Jahren im Durchschnitt deutlich bessere Gewinne erzielt als die meisten Milchviehhalter. Sie sind daher im Wettbewerb um Flächen in einer stärkeren Position.
Strengere Regeln im Ackerbau. Obwohl die Ertragskraft im Ackerbau im Durchschnitt seit mehreren Jahren gut ist, kämpft dieser Produktionsbereich mit den Folgen des Klimawandels und des zunehmenden Regulierungsdrucks. Wie in anderen EU-Ländern gilt natürlich die GAP, wobei die Prämien bei der vergleichsweise hohen Wertschöpfung pro Hektar ökonomisch eine untergeordnete Rolle spielen. Mit Blick auf den Grundwasserschutz war die niederländische Regierung in den vergangenen Jahren oft strenger als die europäischen Vorschriften. Viele Landwirte sind aufgrund der nationalen oder regionalen Regelungen beispielsweise zu Stickstoff-
und Phosphatobergrenzen stärkeren Einschränkungen unterworfen als in den Nachbarländern. Und bei den erwähnten hohen Bodenpreisen sind Maßnahmen wie die obligatorischen Mindestabstandsstreifen von fünf Metern, auf denen keine Dünge- oder Pflanzenschutzmittel ausgebracht werden dürfen, für viele Ackerbaubetriebe ein kostspieliger Eingriff.
Politik: Landwirte setzen ihre Hoffnungen auf BBB. Sowohl Ackerbauern als auch Milchviehhalter haben daher ihre Hoffnungen auf die kürzlich eingesetzte neue Regierung gesetzt. Zu den vier Fraktionen gehört neben den Rechtspopulisten um Geert Wilders auch die Bauernpartei »BoerBurgerBeweging« (BBB). Diese ist aus den eingangs erwähnten Bauernprotesten hervorgegangen und hat in ihrem Wahlprogramm zur Parlamentswahl im Hinblick auf die Agrarpolitik unter anderem
gefordert:
- Hochproduktive Landwirtschaftsflächen als Schutzgebiete zur Lebensmittelproduktion auszuweisen,
- Zwangsstilllegungen und Brachlegung von Agrarflächen zu beenden,
- Einsatz von Wirtschaftsdünger als Alternative zu Mineraldünger fördern und das derzeitige Stickstoffgesetz abzuschaffen,
- Erzeugnisse neuer Züchtungstechniken wie Crispr/Cas schnell zuzulassen.
Während andere politische Parteien und viele NGOs darauf hinweisen, dass eine Reduzierung der Tierbestände unvermeidlich ist, will die BBB nichts davon wissen. Sie sagt, sie stehe für den aktuellen Agrarsektor und glaube an technische Innovationen. Mit dem Einzug ins Parlament hat die BBB bereits viel erreicht. Aber welche Positionen des Wahlprogramms sich am Ende des Tages tatsächlich durchsetzen lassen, wird die Zeit zeigen. Und obwohl die BBB nicht über Schrumpfung sprechen möchte und auch selbstredend die Landwirte davon nichts hören wollen, scheint dies unvermeidlich.
Die Tierbestände werden in den kommenden Jahren voraussichtlich weiter abnehmen, vor allem wegen des Drucks auf dem Güllemarkt. Für den Einzelbetrieb muss das kein Problem sein. Auch der einst große Schweinesektor ist in den vergangenen Jahren deutlich geschrumpft, auf gut 3 000 Betriebe. Die meisten der verbleibenden Veredelungsbetriebe sind finanziell gesund. Gleiches gilt für den Geflügelsektor. Hier sind weniger als 1 500 Betriebe übrig geblieben, die aber fast jedes Jahr ausgezeichnete Gewinne erzielen.
Natürlich sind auch für diese intensiven Tierhaltungsbetriebe die Rahmenbedingungen nicht nur rosig. Aber unter dem Einfluss der BBB steht ihre Produktion politisch etwas weniger unter Druck. Was die gesellschaftliche Akzeptanz angeht, sieht das jedoch anders aus. Vor allem der Kalbfleischsektor steht am Pranger, obwohl er mit über 1 Mio. Kälbern, die hauptsächlich für den südeuropäischen Markt gemästet werden, eine wichtige Säule darstellt. Die meisten Kälber für diesen Sektor kommen aus Deutschland, aber auch aus Irland und den baltischen Staaten. Im vergangenen Jahr verabschiedete die »Tweede Kamer« (Parlament) verschärfend zur EU-Verordnung ein Gesetz, um lange Kälbertransporte zu verbieten.
Fleischkonsum und Bioproduktion. Das Fleisch von jungen Kälbern wird fast vollständig exportiert, andere Fleischsorten jedoch auch importiert. Schließlich ist der Fleischkonsum der Niederländer – entgegen dem EU-Trend – in den vergangenen Jahren nicht zurückgegangen. Der Konsum von Bioprodukten wächst dagegen kaum. Im Gegenteil: Auf nur rund 4,1 % der Fläche wird ökologisch gewirtschaftet – ein starker Kontrast zu Deutschland. Auch hier sind die hohen Bodenpreise der ausschlaggebende Faktor.
Führende Agrarnation
Seit Jahrzehnten gilt der niederländische Agrarsektor weltweit als führend. Sicherlich auch wegen seiner Position als zweitgrößter Exporteur der Welt in Euro des Handelswerts. Jetzt, da der Export zunehmend unter Druck gerät, gibt es Zweifel, ob diese führende Position in Zukunft gehalten werden kann.
Trotz des starken Drucks aus verschiedenen Richtungen sieht die Zukunft keineswegs düster aus. Was die Niederlande über die Jahre zu einer starken Agrarnation gemacht hat, ist vor allem die Anpassungsfähigkeit ihrer Landwirte. Sie haben es immer geschafft, Märkte zu bedienen und Nachhaltigkeitsanforderungen ein wenig früher zu erfüllen, als die meisten ihrer Kollegen in anderen Ländern. Die hohen Produktionskosten und der starke Wettbewerb zwangen sie dazu. Und das gilt auch heute noch. Wer nicht nur mit älteren Landwirten spricht, sondern auch jungen zuhört, wird feststellen, dass immer noch viel Unternehmergeist zu spüren ist, die Zukunft mit Zuversicht und Mut anzugehen.