Milchrinderzucht. »Wir sind kein typischer Zuchtbetrieb«
Familie Rust hat sich auf die Vermarktung von Zuchttieren spezialisiert, besucht aber keine einzige Tierschau. Allein die außerordentlichen genomischen Zuchtwerte ihrer Herde sorgen für eine hohe Nachfrage.
Torsten Rust ist kein Milchviehhalter, der mehrmals jährlich mit seinen Kühen auf Zuchtschauen anzutreffen ist. Dennoch ist die Zucht ein Schwerpunkt des Betriebes. »Wir wollen keine Schaukühe produzieren, sondern Tiere, die die Milchproduktion unseres Betriebes rentabel machen. Die Zucht ist bei uns rein zahlen- und ökonomiebasiert«, sagt er. Der Betrieb setzt zu 100 % genomisch getestete Vererber ein. »Ich vertraue Daten mehr als einer – zumeist subjektiven – Beurteilung des Exterieurs«, sagt Rust. Wir haben durch die genomische Selektion eine deutlich homogenere Herde«, erzählt er. Die Milchleistungen stimmen trotzdem bzw. gerade deshalb. Die Kühe geben derzeit im Schnitt jährlich 13 225 kg Milch bei 4,13 % Fett- und 3,55 % Eiweißgehalt.
Zucht hat Tradition
Zucht hat Tradition auf dem Betrieb Rust Holsteins GbR in Stolzenau-Anemolter (Landkreis Nienburg/Weser), der von Torsten und seiner Frau Julia geführt wird. Torsten war nach seinem Studium der Agrarwissenschaften und Stationen bei der Deutschen Kreditbank und der Norddeutschen Bauernsiedlung 2007 in den Betrieb eingestiegen. Unterstützt wird die Familie von vier festangestellten Mitarbeitern, drei Teilzeitkräften, den beiden Altenteilern und einem Auszubildenden.
Ein wichtiger Betriebszweig ist der Verkauf von Zuchtbullen an Besamungsstationen. Genetisch interessante Bullenkälber bleiben zur Aufzucht auf dem Betrieb. »Bei uns gezüchtete Tiere sind an dem Namenszusatz RUH zu erkennen«, sagt Torsten Rust. Der Hauptkunde ist Synetics, aber Besamungsbullen aus Anemolter sind außerdem in zahlreichen weiteren Zuchtstationen im In- und Ausland zu finden. Entweder wechseln sie den Besitzer schon als Jungtier komplett oder Torsten Rust vereinbart neben dem Kaufpreis auch eine Beteiligung an den Spermaverkäufen. Bekannte Vererber sind z. B. die Synetics-Bullen Castelli, Sullivan, Follow Me, Rayban P und Cadillac. Außerdem sind sie Züchter der auf den Plätzen eins und zwei der Zuchtwertrankings liegenden weiblichen Kälber bei den genetisch hornlosen Holsteins. 30 bis 35 Zuchtbullen werden außerdem jährlich als Deckbullen ab Hof an andere Milchviehbetriebe verkauft.
Fünf 100 000-l-Kühe.
»Wir wollen eine langlebige und damit produktive Kuh züchten. Diese soll neben einer hohen Lebensleistung vor allem arbeitswirtschaftlich interessant sein. Daher sind für uns die funktionalen Merkmale wie Langlebigkeit, Eutergesundheit und Fruchtbarkeit kombiniert mit sehr guten Fundamenten und guter Euterqualität sehr wichtig«, sagt Rust. Aktuell sind fünf Kühe im Bestand, die in ihrem Leben mehr als 100 000 l Milch gegeben haben – ein Beleg für die Langlebigkeit der Herde.
Familie Rust lässt jährlich 200 bis 250 Embryonen auf eigene Kühe oder Trägertiere übertragen. Mittlerweile stammen diese überwiegend aus der In-vitro-Fertilisation und nicht mehr aus Embryonenspülungen. Gewonnen werden die Embryonen ausschließlich aus genetisch hochveranlagten Jungrindern, um den höchsten Zuchtfortschritt bei kurzen Generationsintervallen zu erreichen. Bei der Übertragung auf Trägertiere arbeitet Rust mit mehreren Partnerbetrieben zusammen, von denen er die lebend geborenen Kälber abkauft. Niedrige Zuchtwert-Tiere und generell Kühe ab der dritten Laktation werden (insgesamt etwa 60 % der Herde) mit Fleischrinderbullen der Rasse Inra belegt. Torsten Rust scheut sich dabei nicht, auch eine mit 92 Punkten bewertete Kuh mit einem Fleischbullen zu besamen. Die Kreuzungskälber kauft ein Mäster, der sich weniger als 30 km entfernt befindet. Deshalb darf Rust die Tiere auch schon im Alter von 14 Tagen dorthin transportieren.
Die Jungrinderaufzucht ist an einen anderen kooperierenden Betrieb ausgelagert. Die weiblichen Kälber verlassen den Hof im Alter zwischen fünf und sieben Monaten und kommen fünf bis sechs Monate vor der Abkalbung zurück.
Alle Tiere der Herde bekommen die gleiche Ration am Futtertisch, die dann durch die Fütterung im Melkstand individuell aufgewertet wird. Gefüttert wird eine Sandwich-Silage. Der Mais wird jeweils über den ersten bzw. den zweiten Grasschnitt fahren. So muss immer nur ein Silo geöffnet sein und es entstehen weniger Verluste.
Neben Gras- und Maissilage besteht die Ration aus Kartoffeln, Rapsextraktionsschrot, Luzerneheu, Mineralstoffen und geschütztem Fett. Die Kartoffeln kommen von einem Schälbetrieb, der nach dem Waschen der Kartoffeln die Schalen fein abraspelt. Die Kartoffeln werten die Ration gut und kostengünstig auf. Allerdings ist die benötigte Menge nicht immer gleichmäßig lieferbar. Beispielsweise wird in den Sommerferien und zu Weihnachten weniger geschält.
Seit dem vergangenen Jahr ist die Rust GbR in Haltungsformstufe 3 (QM++) zertifiziert. »Da wir den Stallbau gerade abgeschlossen hatten, mussten wir dafür lediglich noch einige zusätzliche Kuhbürsten installieren. Alle anderen Kriterien hatten wir bereits erfüllt, sodass der Aufwand für uns gering war«, sagt Rust. Er legt hohen Wert auf Kuhkomfort. Beispielsweise sind die Liegeboxen der Trockensteher 1,30 m breit und alle Kühe haben extra hohe Nackenrohre, um ihnen ein problemloses Liegen und Aufstehen zu ermöglichen. Sie werden mit Pferdemist eingestreut.
Gemolken wird zweimal täglich, in einem 20er Side by Side Swing-Over. Die Milch liefert der Betrieb an die Molkerei frischli.
Ackerbau. Auf den 140 ha Flächen baut der Betrieb Silomais, Weizen, Gerste und Roggen an. Die GbR hat für die meisten ackerbaulichen Arbeiten eine Maschinen-
kooperationen mit Nachbarbetrieben. Auf den 60 ha Grünland übernimmt der Betrieb die Düngung und Pflege selbst. Die Grundfutter- und die Getreideernte sowie die Gülleausbringung sind an Lohnunternehmen ausgelagert. Den festen Bestandteil der auf dem Betrieb separierten Gülle kauft ein Biogasanlagenbetreiber. »Wir müssen Gülle abgeben, um die vorgeschriebenen 170 kg/N pro ha einzuhalten«, sagt Rust.