Neue Lebensmittel. Berlin ist die Heimat vieler neuer Esstrends
Wer mit neuen Essideen erfolgreich sein will, benötigt dazu ein spezielles Umfeld: urbane Gesellschaften, eine lebendige und experimentierfreudige Kulturszene und eine intensive Forschungslandschaft. Berlin ist dafür ein besonders geeignetes Pflaster, zeigt Lia Carlucci.
Neue Lebensmittel und innovative Ernährungskonzepte prägen heute in besonderer Weise die Entwicklung urbaner Räume. Kaum eine europäische Großstadt steht dabei so sehr im Mittelpunkt wie Berlin. Die Hauptstadt gilt seit Jahren als Hotspot für Food-Startups, neue Technologien und besonders experimentierfreudige Konsumenten.
Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie klassische Landwirtschaft und Ernährungswirtschaft ihren Platz in diesem dynamischen Umfeld behaupten und gestalten können. Ein Blick auf die Entwicklung der Berliner FoodTech-Landschaft zeigt, wie eng Innovationskraft und traditionelle Wertschöpfung miteinander verwoben sein können.
Berlin als urbanes Ökosystem für neue Lebensmittel
Die Entstehung der Berliner FoodTech-Szene reicht zurück in die Anfänge der 2010er Jahre. Eines der frühesten Beispiele ist HelloFresh, 2011 in Berlin gegründet und heute ein globaler Marktführer im Kochboxensegment mit Milliardenumsätzen.
Mit der wachsenden Technologieszene entstand ein Milieu, in dem Fachkräfte aus Softwareentwicklung, Ernährungswissenschaft, Lebensmitteltechnologie und Betriebswirtschaft zusammenkamen – ein interdisziplinärer Mix, der die Grundlage für zahlreiche junge Food-Unternehmen legte, darunter Formo (biotechnologische Käsealternativen), Project Eaden (Fleischalternativen), Klim (digitale Plattform für regenerative Landwirtschaft) oder Vly (pflanzliche Milchalternativen). Neben den wirtschaftlichen Strukturen spielte auch die Lebensqualität der Stadt eine Rolle: eine lebendige Kultur- und Subkulturszene, vergleichsweise moderate Lebenshaltungskosten und eine offene urbane Gesellschaft machen Berlin attraktiv für Gründer. Gleichzeitig verfügt die Metropolregion Berlin-Brandenburg über eine dichte Hochschul- und Forschungslandschaft, von TU, HU und FU über die Berliner Hochschule für Technik und die Universität Potsdam bis hin zu Fraunhofer-Instituten und dem Deutschen Institut für Ernährungsforschung. Diese institutionelle Vielfalt bietet Startups ein fachliches Umfeld, das in dieser Form in Deutschland einzigartig ist.
Innovationsfelder, die den Markt prägen.
Die deutsche Food-Startup-Szene bildet ein Schaufenster für Entwicklungen, die europaweit an Bedeutung gewinnen. Besonders sichtbar wird dies in den aktuellen Schwerpunkten der Food-Innovation, die zunehmend ineinandergreifen: Algen rücken als nachhaltiger Rohstoff vom »blauen Planeten« stärker in den Fokus. Sie benötigen weder Ackerfläche noch Süßwasser, wachsen schnell und bieten eine hohe Nährstoffdichte. Startups wie BettaFish (Berlin) oder Viva Maris (Hamburg) nutzen dieses Potential bereits für Fischalternativen, Snacks oder funktionale Produkte.
Parallel dazu rückt die Darmgesundheit in den Mittelpunkt. 75 bis 80 % der Deutschen erreichen nicht die empfohlene Ballaststoffzufuhr, was Unternehmen wie Hülsenreich (Leipzig), Fairment (Berlin) oder Super Pop (Stuttgart) mit innovativen, alltagstauglichen Konzepten adressieren – von fermentierten Lebensmitteln bis zu präbiotischen Getränken.
Auch Fermentation, insbesondere Präzisionsfermentation, entwickelt sich zu einem technologischen Schlüsselbereich. Unternehmen wie Formo (Berlin) oder Planet A Foods (München) arbeiten daran, Milchproteine oder Rohstoffe wie Kakao mithilfe von Mikroorganismen effizienter und ressourcenschonender herzustellen. Und nicht zuletzt erlebt das Konsumentenbedürfnis nach gemeinsamen, analogen Genussmomenten eine Renaissance – sichtbar etwa in Institutionen wie der Markthalle Neun oder der Berlin Food Week.
Neue Schnittstellen: Wie Landwirtschaft von der Entwicklung profitieren kann
Die Entstehung neuer Lebensmittel bedeutet keine Entkopplung von der Landwirtschaft, sondern eröffnet im Gegenteil zusätzliche Optionen der Zusammenarbeit. So entstehen rund um pflanzliche Proteine, etwa aus Ackerbohnen, Lupinen oder Hafer, neue Rohstoffpartnerschaften zwischen Landwirtschaftsbetrieben und Startups.
Darüber hinaus verbinden digitale Anwendungen wie Agrarrobotik, KI-gestützte Bodendaten oder Farm-Management-Systeme landwirtschaftliche Betriebe direkt mit technologischen Innovationsprozessen. Auch die Nutzung von Nebenströmen bietet Potential: Treber, Obstkerne oder Gemüseausschüsse lassen sich in »Upcycling«-Prozessen wirtschaftlich veredeln.
Ein zentraler Ansatz bleibt der gegenseitige Wissenstransfer
Viele Startups verfügen über technologisches Know-how, aber wenig Praxiserfahrung im Anbau oder in der Verarbeitung. Kooperationen ermöglichen Pilotprojekte, die Theorie und Praxis eng verzahnen – etwa im geschützten Anbau, im Precision Farming oder bei Spezialkulturen. Gleichzeitig eröffnet die Diversifizierung in neue Bereiche wie Algenkultivierung, Indoor-Farming oder Kooperationen mit Fermentationsanlagen neue wirtschaftliche Perspektiven auch für landwirtschaftliche Betriebe.
Ausblick: Ernährung als gemeinsames Zukunftsprojekt
Berlin als Hauptstadt fungiert als Labor und Motor für neue Ideen. Es zeigt, wie urbane Innovationskraft, wissenschaftliche Kompetenz, eine offene Gesellschaft und vielfältige Konsumenten gemeinsam einen Nährboden für die Lebensmittel der Zukunft schaffen.
Die aktuellen Entwicklungen, von ballaststoffreichen Produkten über präzisionsfermentierte Proteine bis hin zu neuen gemeinschaftlichen Esskulturen, verdeutlichen, wie breit das Spektrum der Ernährungsinnovation geworden ist. Für die klassische Landwirtschaft eröffnen sich damit vielfältige Chancen, neue Absatzwege zu erschließen, Kooperationen zu vertiefen und aktiv Teil dieser neuen Wertschöpfung zu sein.