Antriebskonzept. Elektrotraktoren aus Wolfsburg?
Tatsächlich. Volkswagen baut Traktoren – allerdings nicht für deutsche Äcker. Im Projekt Gen.Farm hat die Konzernforschung einen vollelektrischen Kompakttraktor entwickelt, der Landwirten in Ruanda eine Mechanisierung ermöglichen soll.
Neun Prototypen mit VW-Logo wurden bisher gebaut. In der Phase der Inbetriebnahme wurden zwei auch bei Landwirten getestet – in Isenbüttel, 15 km westlich des VW-Werks, nahe dem Technikum der Volkswagen Group Innovation. Dort entstand mit dem »Mk 1 e-Tractor« das Herzstück eines Projektes, das dabei helfen soll, Landwirtschaft in Afrika zu mechanisieren und zu elektrifizieren – und damit ganze Regionen zu versorgen.
Das Projekt entstand 2020, als in der Group Innovation neue Geschäftsfelder für den Konzern entwickelt werden sollten. Zusammen mit VW Südafrika und VW Ruanda wurde das Projekt Gen.Farm gestartet. Das Ziel: ein Ökosystem aus lokaler Energieerzeugung und Verbrauch über Service-orientierte Dienstleistungen schaffen. Pilotiert wurde das Projekt in Ruanda – einem Land, dessen Landwirtschaft bisher wenig mechanisiert ist, gleichzeitig aber den Import von Verbrenner-Motorrädern bereits verboten hat und stark auf Solarstrom setzt.
Der Mk 1 e-Tractor
Den Mk 1 e-Tractor hat der Wolfsburger Automobilhersteller nicht aus einem Serientraktor abgeleitet. In einer ersten Baustufe (Mk 0) wurde ein Dieseltraktor umgerüstet, um grundlegende Erkenntnisse zu gewinnen. Daraus wurde der Mk 1 als komplette Neuentwicklung abgeleitet. Projektleiter für den Elektrotraktor ist Gregor Dietz.
Man wählte bewusst ein Low-Tech-Konzept, das mit wenig Elektronik und reiner Luftkühlung auskommt. Alle Hydraulikfunktionen werden mechanisch über Bowdenzüge betätigt, Wartung und Bedienung sind einfach. Zwei identische Elektromotoren übernehmen getrennt Fahr- und Nebenantrieb: 30 kW (41 PS) für den Fahrantrieb mit zwei mechanischen Gängen – Acker und Straße – sowie
22 kW für Zapfwelle, Hydraulik und Lenkung. »Durch die Unabhängigkeit von Fahr- und Nebenantrieb erreichen wir enorme Wirkungsgrade«, erklärt Dietz.
Das Antriebs- und Hochvoltkonzept inklusive Batterie stammen von VW, für den »Rest« wurden wo möglich Serienkomponenten verwendet. Insgesamt wiegt der Traktor knapp 2,9 t, die sich nahezu gleichmäßig auf die Achsen verteilen. Der Traktor erreicht eine Fahrgeschwindigkeit von 30 km/h. Standardzapfwelle, Heckhydraulik und die offene Dreipunktkonsole machen ihn voll kompatibel zu gängigen Anbaugeräten (Bild unten) – vom Grubber bis zum Mulcher. Für den Frontheberbetrieb lässt sich der Fahrersitz samt Lenksäule und Armlehne um 180 Grad drehen.
Das Batteriewechselsystem
Herzstück des Konzepts ist das Batteriewechselsystem. Die 360 kg schwere Batterie (32 kWh) sitzt in der Fahrzeugfront und kann mit einem kleinen Hubwagen in weniger als drei Minuten getauscht werden – ohne Hochvolt-Stecker in der Hand des Fahrers. Während eine Batterie arbeitet, wird eine zweite im Ladehub geladen.
Das Wechselkonzept wurde speziell auf die Bedingungen in Ruanda ausgelegt, wo Photovoltaikanlagen tagsüber ausreichend Strom zum Laden produzieren. »Schnellladen wäre technisch möglich, aber zu teuer und zu belastend für die Zellen«, erklärt Florian Schulze, Leiter des GenFarm Projekts. So erreiche der E-Traktor je nach Einsatz drei bis vier Stunden Feldarbeit pro Ladung – meist mit zwei Batteriewechseln am Tag. Die Entfernung zwischen Hub und Feld sollte idealerweise nicht mehr als 3-5 km betragen.
Mechanisierung als Dienstleistung
Volkswagen Mobility Services Rwanda betreibt inzwischen sechs dieser Traktor en. Sie sind in einem sogenannten E-Hub stationiert – einer kombinierten Werkstatt- und Ladehalle mit Solarstromversorgung und Schulungszentrum. Das Geschäftsmodell: Mechanisierung als Service. Die Bauern mieten den Traktor stundenweise – inklusive Fahrer und Anbaugerät. Bezahlt wird digital, etwa 50 US-Dollar pro Hektar.
Parallel werden über die GIZ (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) und das RICA (Rwanda Institute for Conservation Agriculture) Fahrer und Landwirte geschult. »Damit entsteht nicht nur ein Maschinenring, sondern auch ein lokales Energie- und Ausbildungsnetz, das neue Jobs schafft – vom Mechaniker bis zum Transportdienstleister«, erklärt Schulze, der regelmäßig vor Ort ist.
Das Projekt zielt über den Acker hinaus. Die E-Hubs sind »Energieknoten«, die Dörfer mit Solarstrom versorgen und perspektivisch auch andere Elektrofahrzeuge oder Kühlcontainer laden können. »Wo der Traktor arbeitet, entsteht Infrastruktur. Mit jedem Hub schaffen wir Strom, Mechanisierung, Wirtschaftsleistung und Mobilität zugleich«, erklärt Florian Schulze. Das senke Abhängigkeiten von importiertem Diesel und steigere Produktivität und Lebensqualität.
Made in Wolfsburg – getestet in Ruanda
Alle Prototypen tragen deutsche TÜV- und DLG-Zertifikate, besitzen eine deutsche Einzelbetriebserlaubnis und sind mit einem amtlichen Kennzeichen zugelassen. Erprobt wurde zunächst auf niedersächsischen Böden: mit Grubber, Pflug, Mulcher und Hecklader.
In Ruanda arbeiten ein Mk 0 seit Ende 2021 und inzwischen sechs Mk 1 seit Mitte 2024 – vornehmlich mit Scheibenpflügen auf terrassierten Flächen von ein bis zwei Hektar. Sie ersetzen Schaufel- und Spitzhacke. Damit überspringt das ostafrikanische Land den Einsatz von Zugtieren. »Wir konkurrieren mit der Hacke, nicht mit dem Ochsen«, verdeutlicht Entwickler Gregor Dietz. Und das funktioniere: »Die Böden sind hart, die Sonne unerbittlich. Mit unserem robusten und vergleichsweise einfachen Traktor erreichen die Landwirte höhere Flächenleistungen zu gleichen und zum Teil sogar geringeren Kosten.«
Für die afrikanischen Partner ist der Mk 1 ein Werkzeug zur Ernährungssicherung. Deutsche Landwirte dürfte er mit seinem drehbaren Fahrerplatz und der Frontlader-Option an die Geräteträger vergangener Zeiten erinnern – nur eben emissionsfrei. Die zwei Landwirte aus Isenbüttel zeigen sich beeindruckt von der Traktorenkompetenz bei VW und können sich den kompakten 40 PS Elektrotraktor im Hofeinsatz sowie in Gemüse-, Obst- oder Kommunalbetrieben vorstellen.
Volkswagen versteht sich bei Gen.Farm als Enabler, nicht als künftiger Traktorenhersteller. Die Group Innovation will zeigen, dass das Konzept technisch funktioniert und wirtschaftlich tragfähig ist – um es dann mit einem Industrialisierungspartner weiterzuentwickeln. Dazu führt man Gespräche mit potentiellen Partnern. Wir sind gespannt, ob es der Mk 1 vom Prototypen zum Serienprodukt schaffen wird.