Südamerika. Rosige Aussichten für den Großversorger
Südamerika gehört zu den Gewinnern der vielen von US-Präsident Trump angezettelten Handelskonflikte. Viele Käufer greifen vermehrt auf Produkte aus Brasilien oder Argentinien zurück. Und deren Aussichten sind damit weiter positiv.
Ob Getreide, Fleisch und natürlich Ölsaaten – ohne Südamerika läuft auf den Weltagrarmärkten nichts. Bei wichtigen Produktgruppen erreicht der Subkontinent Marktanteile von 20 bis 60 % bei den Weltagrarexporten– vielfach mit steigender Tendenz (Grafik 1, unten). Von den in der Region beheimateten zwölf Ländern sind es vor allem vier, die in größerem Maßstab als Anbieter von Agrarerzeugnissen am Weltmarkt in Erscheinung treten. Im Zentrum steht ganz klar das Schwergewicht Brasilien, das gemessen am Umsatz mit Agrarprodukten nur hinter den USA zurücksteht. Daneben gibt es als weiteren großen Spieler noch Argentinien. Komplettiert wird das Quartett aus Südamerika durch Paraguay und Uruguay. Beide Länder bleiben aufgrund ihrer in weiten Teilen stabilen Erzeugung und ihrer vergleichsweise geringen Größe in dieser Betrachtung außen vor.
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Brasilien schöpft aus dem Vollen
In den vergangenen zwanzig Jahren ist in der brasilianischen Landwirtschaft unglaublich viel passiert:
- Sojaernte verdreifacht auf 172 Mio. t,
- Maisernte vervierfacht auf 136 Mio. t,
- Geflügelfleisch: + 75 % auf 15 Mio. t,
- Rindfleisch + 50 % auf 12 Mio. t,
- Schweinefleisch + 75 % auf 4,5 Mio. t,
- Zucker + 55 % auf 44 Mio. t,
- Kaffee +50% auf 3,9 Mio. t.
Und das sind nur die mengenmäßig bedeutsamsten Produkte. Der Milchsektor fehlt in dieser Aufzählung. Und das aus folgendem Grund: Bei Käse, Butter und anderen Molkereierzeugnissen tritt Brasilien nicht als Exporteur auf. Hier ist eher das Gegenteil der Fall:
Die Brasilianer fragen steigende Mengen an Käse und Milchpulver nach. Bei Vollmilchpulver zählt Brasilien zu den fünf größten Käufern am Weltmarkt, bei Käse und Magermilchpulver liegt das südamerikanische Land in den Top 10. Auch die EU-Länder verkaufen Käse nach Brasilien, trotz eines hohen Importzolls von fast 30 %. Die Nahrungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) rechnet damit, dass die Käseeinfuhren Brasiliens in den kommenden zehn Jahren um 50 % auf dann fast 90 000 t zunehmen werden. Das war es dann aber auch schon an größeren »Importabhängigkeiten«, von denen auch die Anbieter in der EU profitieren dürften.
Flächenreserven als Schlüsselfaktor
Ermöglicht wurde der immense Zuwachs in der landwirtschaftlichen Erzeugung Brasiliens vor allem durch einen Faktor: grenzenloses Flächenwachstum. Natürlich sind in den vergangenen zwanzig Jahren auch die Hektarerträge massiv gestiegen. So holen die Landwirte in Brasilien heute beispielsweise 90 % mehr Mais und fast 60 % mehr Sojabohnen vom Acker als 2004. Aber das erklärt doch nur den kleineren Teil der Produktionszuwächse (beim Mais ein Drittel, bei der Sojabohne ein Viertel). Tatsächlich hat sich allein die Erntefläche von Getreide und Sojabohnen seit 2004 auf zusammengenommen knapp 75 Mio. ha annähernd verdoppelt. Der dahinter stehende Flächenzuwachs entspricht ungefähr der Größe Deutschlands. Dazu kommen heute noch 165 Mio. ha Weideland (ein Fünftel der Landesfläche), das die Grundlage für die expandierende Rindfleischerzeugung stellt.
Größendimension
Südamerika. Manchmal verlieren wir die Dimensionen aus den Augen. Wir wissen, dass Brasilien einer der größten Agrarexporteure und Südamerika ein Power-House der globalen Agrarexporte ist. Aber die »Größe« und damit das Potential dieser Region haben wir selten vor Augen. Dazu eine kurze Veranschaulichung: Nehmen Sie die gedruckte Ausgabe der DLG-Mitteilungen zur Hand und legen die aufgeschlagen auf den Tisch. Wenn die gesamte Doppelseite Südamerika darstellt, dann entspricht eine Seite etwa der Fläche Brasiliens. Davon die Hälfte, und wir kommen auf die Größe der EU. Und Deutschland, das ist ein etwa 2-Euro-Stück breiter Streifen an der Unterkante einer Seite.
Geringer Anteil an Agrarflächen
Im gleichen Maße, wie die landwirtschaftlich genutzte Fläche über die Jahre zunahm, fraßen sich die Acker- und Weideflächen in die tropischen Regenwälder und in die Savannenlandschaft Brasiliens hinein. Trotz des immensen Flächenanstiegs liegt der Anteil der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Brasilien heute nur bei etwa 27 %, Ackerland kommt sogar nur auf 7 %. Zum Vergleich: In Deutschland liegen die Vergleichswerte bei 48 und 33 %, in den USA sind es 45 und 17 %. Jeder Prozentpunkt Ackerfläche zusätzlich läuft für Brasilien auf ein Plus von 8,5 Mio. ha hinaus. Der überwiegende Teil des Landes (fast 60 %) ist noch immer mit Waldflächen bedeckt.
Wer den Regenwald schützen will, muss bezahlen
In welchem Ausmaß die agrarisch genutzten Flächen in Zukunft wachsen werden, ist ungewiss. Mit den Jahren ist das Bewusstsein für die Bedeutung des Amazonasregenwalds, der sich über weite Teile Brasiliens erstreckt, für das globale Klima gewachsen. Dabei geht es nicht nur um den Raubbau durch Abholzung für Agrarflächen, auch die Rohölförderung und der Abbau von Mineralien stehen in der Kritik. Allerdings werden die Brasilianer diese Rohstoffe nicht ohne Gegenleistung unangetastet lassen. Das zeigte sich auch auf dem Weltklimagipfel im brasilianischen Belèm im November, auf dem die Länder des Südens von den Industrieländern mehr Geld zum Schutz der Regenwälder einforderten, und Brasiliens Präsident Lula da Silva die Idee eines von den Industrieländern finanzierten Waldschutzfonds vorstellte.
Chinas Importnachfrage wächst langsamer
Ein weiterer Punkt spricht zumindest für eine zukünftige Abschwächung des Flächenausbaus. Denn die Nachfrage Chinas als Hauptabsatzmarkt für brasilianische Sojabohnen wird in Zukunft langsamer wachsen. Bei der Sojabohne kann Brasilien aber jederzeit den Weg von Ländern wie Indonesien, Malaysia oder USA einschlagen, die über steigende Beimischungsvorgaben für Biodiesel die Pflanzenölnachfrage im Inland anheizen. Oder die Landwirte schwenken im Anbau um und konzentrieren sich auf das Produkt, das der Wachstumsmarkt Afrika in Zukunft verstärkt benötigt: Getreide. So oder so: Brasilien bleibt ein wichtiger Faktor am Weltagrarmarkt.
Argentinien trumpft bei vielen Agrarprodukten
In Argentinien sind die Voraussetzungen andere. Das beginnt bei der politischen und wirtschaftlichen Unsicherheit, den auch unter Präsident Milei chronisch hohen Inflationsraten und der großen Bedeutung der Steuern auf Agrarexporte für den Staatshaushalt (was die Verkaufzurückhaltung fördert). Der letzte Punkt führt immer wieder zu Spannungen zwischen der Regierung und der Landwirtschaft und dämpft deren Investitionsneigung. Dazu kommt die Anfälligkeit für wetterbedingte Produktionseinbrüche. Dabei zeigt die Maiserzeugung trotz hoher Schwankungen (in den vergangenen fünf Jahren 37 bis 53 Mio. t) tendenziell weiter nach oben. Beim Weizen ist das, trotz der Rekordernte 2021/22 und der ähnlich hoch geschätzten Ernte 2025/26 nicht erkennbar, die Menge schwankt über die Jahre zwischen 10 und 20 Mio. t. Noch stärker schlagen die Sojaernten aus, von 25 bis 50 Mio. t war zuletzt alles drin. Dafür erlebt der Sonnenblumenanbau einen kleinen Aufschwung (Erzeugung zwischen 4 und 5 Mio. t).
Großer Anbieter von Getreide und Ölschroten
Verglichen mit Brasilien liegt der Anteil landwirtschaftlicher Flächen mit 43 % deutlich höher, Ackerbau macht immerhin 17 % der Landnutzung aus. Die Sojabohne dominiert im Anbau und belegt mehr als die Hälfte der Ackerfläche. Die Produktion konzentrierte sich über die Jahre in der Pampa. Im Gegenzug wanderte die extensive Rindfleischhaltung zunehmend in Mastanlagen oder auf Grenzstandorte ab. Letzteres führt vor allem in nördlichen und westlichen Landesteilen zu einer beschleunigten Umwidmung von Flächen für die landwirtschaftliche Nutzung, was wiederum Kritik wegen ökologischer Bedenken hervorruft.
Die Ölsaatenexporte erfolgen weitgehend in Form der Verarbeitungsprodukte, Öl und Schrot, was Argentinien zum weltgrößten Anbieter von Sojaschrot und -öl macht. Im Sonnenblumensektor reicht es jeweils für einen Platz in den Top 5. Neben der EU fragen vor allem asiatische Länder Sojaschrot aus Argentinien nach. Beim Getreide zählt der Andenstaat sowohl bei Mais, als auch bei Weizen und Gerste ebenfalls zu den größten Anbietern.
Gute Perspektiven für Sojasektor
Mindestens für Argentiniens Sojaschrotverkäufe sieht die FAO noch deutliches Potential nach oben. Ausgehend vom steigenden Futterbedarf, der mit der weltweit steigenden Fleischerzeugung (+ 40 Mio. t bis 2034, vor allem in Asien und Afrika) einhergeht, könnten Argentiniens Ölschrotverkäufe in den nächsten Jahren um bis zu 50 % zulegen. Auch die steigende Erzeugung des Koppelprodukts Pflanzenöl dürfte vermehrt in diese beiden Regionen abgesetzt werden. Ähnliches lässt sich über die Perspektiven für die Ausfuhren von Mais und Weizen sagen. Auch hier gilt: steigende Verbräuche in Asien und Afrika ziehen eine zunehmende Nachfrage am Weltmarkt nach sich, von der auch Argentinien profitieren wird.
Rindfleisch folgt dem allgemeinen Trend
Für die Rindfleischerzeugung Argentiniens legen die Erwartungen der FAO für das kommende Jahrzehnt nur ein überschaubares Plus von 5 % nahe. Die auf etwa 200 000 t geschätzte zusätzliche Erzeugung dürfte im Ausland ihre Käufer finden, während im Inland zunehmend kostengünstigere Alternativen wie Schwein und Geflügel gefragt sind.
Die Nachfrage am Binnenmarkt »Südamerika« wächst auch, vor allem über die Einkommen. Bei einem Bevölkerungswachstum von mehrheitlich 0,3 bis 0,4 % (Tendenz fallend) ist das auch kaum anders möglich. Entsprechend ziehen die steigenden Binnenverbräuche an Fleisch auch den Futtergetreidebedarf der Region langsam in die Höhe. Am steigenden Exportpotential der Region ändert das aber nichts.