Indien. Großes Potential, viele Herausforderungen
Beim Handelsabkommen zwischen der EU und Indien bleiben die für beide Seiten sensiblen Bereiche in der Landwirtschaft außen vor. Dennoch ergeben sich über den Zollabbau für EU-Anbieter Perspektiven im Agrar- und Lebensmittelsektor. Welche sind das? Und wie ist es um die Landwirtschaft im bevölkerungsreichsten Land der Erde eigentlich bestellt?
Im Vergleich zum Mercosur-Abkommen ging das Ende Januar vereinbarte Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien bemerkenswert geräuschlos über die Bühne. So ganz überraschend kam das nicht, schließlich spart das Abkommen die für die jeweilige Landwirtschaft sensiblen Bereiche aus. Zudem wird Indien weniger als großer Rivale und Angstgegner wahrgenommen als Brasilien. Zollabbau und Importquoten gibt es natürlich trotzdem, es ändert sich aber nichts in den Bereichen Fleisch, Geflügel, Milch oder Zucker. Was sieht das Abkommen künftig für den Agrarhandel beider Regionen vor? Und wie steht es eigentlich um die Landwirtschaft in Indien?
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Das Abkommen
Indien ist das bevölkerungsreichste Land und die fünftgrößte Volkswirtschaft. Rechnet man die Wirtschaftsleistung aller EU-Mitglieder zusammen, wirkt Indien daneben allerdings wie ein Zwerg. Denn der Subkontinent, der auf zwei Drittel der EU-Fläche dreimal so viele Menschen beherbergt wie die Staatengemeinschaft, erzielt über den Daumen gepeilt »nur« ein Fünftel des EU-Bruttoinlandsprodukts (BIP). Das Abkommen sorgt nun dafür, dass eine Freihandelszone zwischen zwei Blöcken entsteht, die zusammen fast ein Viertel der Weltbevölkerung und ein Fünftel der globalen Wirtschaftsleistung stellt.
Bislang spielen beide Länder für den Agrarhandel des jeweils anderen keine große Rolle. Die EU macht weniger als 1 % ihres Exportumsatzes im Agrar- und Ernährungsbereich mit Indien, umgekehrt kommen die 27 EU-Mitglieder für Indien auf eine Marktbedeutung von zusammen rund 5 %. Zum Vergleich: Die wichtigsten Abnehmer für indische Agrarexporte (Vereinigte Arabische Emirate, Saudi-Arabien, USA) liegen jeweils im Bereich von 7 %. Das soll und dürfte sich ändern, wenn das Abkommen ratifiziert ist.
Die bislang auf beiden Seiten gültigen Importzölle fallen für 92 % der EU-Agrarprodukte beziehungsweise 97 % der indischen Exportgüter bis spätestens 2032 weg oder werden deutlich gesenkt. Indien kann mit Inkrafttreten des Abkommens dann beispielsweise Tee, Kaffee und Gewürze zollfrei in die EU liefern (auf diese Produkte entfällt übrigens ein Viertel der EU-Agrar- und Ernährungsimporte aus Indien).
Für bestimmte Geflügelerzeugnisse und haltbar gemachtes Gemüse senkt die EU ihre Importzölle, bei Shrimps/Garnelen gilt ein zollbegünstigtes Importkontingent (TRQ).
Im Gegenzug streicht Indien die Hälfte aller Zolltarife ganz, weitere 40 % werden im Rahmen von Übergangsphasen von fünf bis zehn Jahren auf null reduziert. Davon profitieren Olivenöl, Fruchtsäfte, alkoholfreies Bier sowie verarbeitete Lebensmittel wie Brot, Nudeln, Schokolade, Gebäck und Heimtiernahrung. Eine stufenweise Zollsenkung oder TRQs sieht das Abkommen etwa für Äpfel, Birnen und Pfirsiche vor. Auch alkoholische Getränke profitieren stark: Die derzeit geltenden Zölle von 110 bis 150 % werden auf 20 bis 50 % zurückgefahren. Das Gleiche gilt für Wurst und Wursterzeugnisse, wo künftig ein reduzierter Zoll von 50 % (bisher bis zu 110 %) fällig ist. Über die Anerkennung geographischer Herkunftsbezeichnungen wird noch verhandelt.
Die für die Landwirtschaft in der EU sensiblen Bereiche wie Rind- und Hühnerfleisch, Reis und Zucker sind von der Liberalisierung im Abkommen ausgenommen. Dasselbe gilt auf indischer Seite für Milchprodukte, Getreide, Geflügelfleisch sowie ausgewähltes Obst und Gemüse.
Den eher geringen Stellenwert, den die deutsche Landwirtschaft dem Indien-Abkommen zumisst, lässt sich an der Reaktion zweier großer Branchenverbände ablesen:
Der Deutsche Raiffeisenverband stellte in einer Mitteilung auf die Chancen für die deutschen Winzer ab, die sich durch den Zollabbau und die Vereinheitlichung der bisher von jedem Bundesstaat selbst vorgegebenen Einfuhrbedingungen ergeben. Der Deutsche Bauernverband äußerte sich gar nicht dazu.
Ganz anders fiel die Reaktion der Maschinenbauer aus. Von einem »Feiertag für den exportorientierten Maschinenbau« sprach etwa der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Kein Wunder, schließlich soll die eine Hälfte der entsprechenden Zolllinien bereits beim Start des Abkommens wegfallen, die andere Hälfte in einer zehnjährigen Übergangsperiode. Dazu kommt der Abbau technischer Handelshemmnisse; die Deutsche Industrie- und Handelskammer verweist an dieser Stelle auf die aktuell »sehr bürokratischen Zertifizierungsvorgaben für die Produktzulassungen«. Dazu darf man sicher auch zählen, dass die für die Zulassung vorgesehenen Landmaschinen mit den Vorgaben zu staatlichen Subventionen und Einfuhrbedingungen kompatibel sein müssen. Ob und in welchem Maße die EU-Landtechnikanbieter auch von dem Freihandelsabkommen mit Indien profitieren, muss sich zeigen. Potential gibt es auf jeden Fall: Das Analysehaus Mordor Intelligence erwartet, dass Indiens Landtechnikmarkt im Fünfjahreszeitraum bis 2029 um 50 % auf 25 Mrd. US-$ wachsen wird. Traktoren machen demnach 40 % des Gesamtmarktes aus.
Und bei Traktoren zählt Indien zu den größten Produzenten. Das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMLEH) verweist in einer im Herbst 2025 veröffentlichten Studie zum indischen Landtechnikmarkt auf Daten der Tractor & Mechanization Association, wonach in Indien 2023/24 etwa 940 000 Traktoren produziert wurden (von denen etwa 12% ins Ausland verkauft wurden). Dominiert wird der Markt von wenigen großen Herstellern wie Mahindra & Mahindra, TAFE, Escorts Kubota und Sonalika, die zusammen mehr als 80 % des Marktes abdecken.
Der größte Teil der im Inland verkauften Schlepper hat eine Motorleistung zwischen 22 und 37 kW. Gleichzeitig liegt die Mechanisierungsrate in Indien nur bei 40 bis 45 %. Die höchsten Werte (> 50 %) gibt es in den nördlichen Bundesstaaten Punjab, Haryana und dem Westen Uttar Pradeshs – diese Regionen bilden das Zentrum des indischen Getreideanbaus. Davon abgesehen ist die Nachfrage nach Landmaschinen in hohem Maße geprägt von Monsunverlauf, Erntezyklen und staatlichen Förderprogrammen.
Indiens Landwirtschaft
Indien verspricht sich durch das Freihandelsabkommen mit der EU auch Impulse für die heimische Landwirtschaft und den Verarbeitungssektor. Der von Brüssel gewährte bevorzugte Marktzugang für indische Erzeugnisse wie das bereits erwähnte Trio Tee/Kaffee/Gewürze, aber auch für frisches Obst und Gemüse wecken die Hoffnung auf eine steigende Wettbewerbsfähigkeit auf den Binnenmärkten der EU. Das könnte im Umkehrschluss die Landwirtschaft in Indien stärken, und zwar über steigende Einkommen und daraus resultierend bessere Lebensverhältnisse im ländlichen Raum. Das ist kein kleiner Wunsch, denn die Landwirtschaft ist der größte Arbeitgeber.
Laut dem indischen Arbeitsministerium beschäftigt die Landwirtschaft 46 % aller Arbeitskräfte. Nimmt man die für Oktober 2025 ausgewiesene Zahl von 643 Mio. Erwerbstätigen als Maßstab, kommt man auf etwa 300 Mio. Menschen, die direkt von der Landwirtschaft abhängig sind. Die Zahl der Betriebe beträgt je nach Schätzung etwa 145 bis 150 Mio. – und die teilen sich eine landwirtschaftliche Nutzfläche von um die 155 Mio. ha. Größere Einheiten (> 10 ha) finden sich vor allem im Getreidegürtel im Norden des Landes: Auf die Bundesstaaten Uttar Pradesh, Madhya Pradesh, Punjab, Telengana und Westbengalen entfällt gut die Hälfte der landesweiten Getreideerzeugung.
Die Getreideproduktion hat sich in den vergangenen Jahren dynamisch entwickelt und alle Prognosen übertroffen. Von dem seit 2015 verzeichneten Zuwachs von 100 Mio. t entfällt (grob gerundet) die Hälfte auf Reis; dazu kommen 30 Mio. t Weizen und – angetrieben von der wachsenden Tierhaltung – zusätzliche 20 Mio. t Mais. Im Gegensatz dazu stagniert die kombinierte Erzeugung von Hirse, Sorghum und Gerste seit einigen Jahren bei etwa 19 Mio. t.
Abgesehen vom Reis, bei dem Indien mit 24 Mio. t zuletzt eine dreimal so große Menge am Weltmarkt absetzte wie der zweitgrößte Anbieter Vietnam, ist Indien in Sachen Getreide Selbstversorger. Bei Weizen und Mais verlassen hin und wieder größere Mengen das Land, wenn die Ernten groß und die Läger bereits gut gefüllt sind. Übrigens zählt Indien nicht nur beim Getreide zu den größten Produzenten, sondern auch bei Erdnüssen, Obst/Früchten, Gemüse, Zuckerrohr und Tee. Nicht zuletzt ist Indien der weltgrößte Milchproduzent, der zweitgrößte Eier- und der fünfgrößte Fleischerzeuger. Als Käufer ist Indien vor allem als größter Importeur von Pflanzenölen auffällig.
So erfolgreich das indische Agrarmodell auch wirken mag: Die Herausforderungen für die Branche sind groß. Das beginnt schon damit, dass die Zahl der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte über die Jahrzehnte nicht in gleichem Maße gesunken ist wie der Beitrag der Landwirtschaft zur nationalen Wirtschaftsleistung. Anders formuliert: Die Arbeitsproduktivität sinkt und weder der Industrie noch dem Dienstleistungssektor gelingt es, in großem Maßstab Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft abzuziehen. Die indische Nationalakademie für Agrarwissenschaft mahnt daher die Stärkung der Land- und Arbeitsproduktivität und die Schaffung von Arbeitsplätzen außerhalb der Landwirtschaft an. Mehrere indische Bundesstaaten haben in den vergangenen Jahren auch tatsächlich Reformen im Agrarsektor vorgenommen. Dabei ging es unter anderem um die Themen Landverwaltung, Technologieeinführung, Anbaudiversifizierung und Wassermanagement.
Wasser ist ohnehin ein großes Thema. Nicht ohne Grund fördert Indien Maßnahmen zur Bewässerung (und dem Wasserschutz) über verschiedene Programme. Mit Erfolg: Im vergangenen Jahr gab das indische Landwirtschaftsministerium bekannt, dass der Anteil der bewässerten Agrarflächen im Land zwischen 2016 und 2021 von 49 auf 55 % wuchs.
Der Hintergrund: Der für die Wasserversorgung so wichtige Südwest-Monsun, der zwischen Juni und September fällt und der für drei Viertel der Jahresniederschläge sorgt, wird immer unvorhersehbarer. Das äußert sich in zunehmend längeren Trockenphasen und häufigeren Starkregenereignissen. Das stört die Wasserversorgung der Flüsse und die Grundwasserneubildung und hat nicht nur negative Folgen für den Ackerbau, sondern auch für die Trinkwasserversorgung und die Energiegewinnung in den Wasserkraftwerken.
Im Gegensatz zu Wasser gibt es auf Indiens Feldern Harnstoff im Überfluss. Die indische Regierung subventioniert Harnstoff massiv (anders als etwa DAP). Allein im Fiskaljahr 2026/27 sind dafür etwa 13,8 Mrd. US-$ vorgesehen, mit denen die Regierung den Verkauf an Landwirte zum Fixpreis weit unter Marktniveau finanziert. Anfang 2026 wurde der Preisdeckel für den 45-kg-Sack Harnstoff angehoben (!) auf etwa 2,50 € (55 €/t) – da ist es kein Wunder, das Harnstoff getreu dem Motto »viel hilft viel« auf den Feldern landet. Um der N-Überschüsse in den Intensivregionen Herr zu werden, wird immer häufiger der Ruf laut, die Düngersubventionen zu streichen und stattdessen auf eine direkte Einkommensstützung zu setzen.
Dazu kommen Herausforderungen, die mit den bereits genannten teils zusammenhängen: Die Bodengesundheit lässt zu wünschen übrig, die Lagerkapazitäten sind unterentwickelt (die Weltbank schätzt die Nachernteverluste auf 12 bis 16 Mio. t Getreide pro Jahr), das Gleiche gilt für die ländliche Infrastruktur. Den Landwirten fehlt der Zugang zum institutionellen Kreditwesen, Geld wird oft zu hohen Zinsen bei lokalen Geldleihern beschafft, was zu Überschuldung führen kann. Die Baustellen sind also vielfältig, und die Politik muss liefern, will sie nicht die Nahrungssicherheit des Landes aufs Spiel setzen.