Versorgungsempfehlungen. Jetzt geht’s an die Umsetzung
Die Bedingungen der Milchviehhaltung, aber auch die Kühe selbst haben sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Deshalb war es überfällig, auch die Fütterungsempfehlungen anzupassen. Detlef Kampf berichtet über die wichtigsten Neuerungen.
Nachdem 2023 die grundlegend überarbeiteten Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Milchkühen veröffentlicht wurden, steht nun die Einführung in die Praxis an. Die durch die Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE) geänderten Empfehlungen machen eine Neubewertung einzelner Rationskomponenten hinsichtlich ihres Futterwertes erforderlich. Folgendes wird sich bei den Fütterungsempfehlungen ändern:
- Neufassung von Bewertungsebenen und -größen für Energie und Protein,
- konsequente Trennung der Einflussfaktoren auf Futterwert und Bedarf,
- nur ein Energiewert für alle Wiederkäuer (ME),
- Aminosäurenversorgung auf Basis der dünndarmverdaulichen Aminosäuren (sidAA),
- Weiterentwicklung und konsequente Anwendung der physikalisch effektiven NDF (peNDF),
- dynamisches Betrachten der Ab- und Aufbauvorgänge in den Vormägen je nach Futteraufnahmeniveau (FAN),
- internationale Vergleichbarkeit,
- Neufassung und Vereinheitlichung der Begriffe und Abkürzungen wie Grobfutter, Konzentratfutter, Rohprotein (CP), TM, sidP, sidAA, FAN.
Neben aktualisiertem und neu aufgelegtem Informationsmaterial der DLG (Kasten unten) werden Beratungsunterlagen sowie Lehrbücher und Unterrichtsmaterial abgeglichen und angepasst.
Verdaulichkeitsbestimmungen spezifisch je nach Tierart. Eine Bestimmung der Energiekonzentration kann nur auf Basis der konkret ermittelten Verdaulichkeit von Futtermitteln bzw. der enthaltenen Nährstoffe an der entsprechenden Tierart erfolgen. Zur Sicherung und Verbesserung der Futterbewertungen sind kontinuierliche Untersuchungen zur Verdaulichkeit und deren übergreifende Auswertung weiter unverzichtbar. Die Durchführung am Tier empfiehlt sich auch zur Ergänzung von Fütterungsversuchen, zur Ableitung mittlerer Verdaulichkeitskoeffizienten für Einzelkomponenten und zum Ableiten von Schätzgleichungen zur Verdaulichkeit der Organischen Masse (OMD).
Umsetzbare Energie nach dreistufigem Verfahren. Futtermittel für Wiederkäuer werden nun auf Basis der Umsetzbaren Energie (ME) bewertet. Im Vergleich zur bisherigen Vorgehensweise ist bei Wiederkäuern die Bruttoenergie (GE) und die OMD entscheidend für die Bestimmung bzw. Schätzung der Energiekonzentration. Aus der GE und der OMD wird über ein dreistufiges Verfahren die Konzentration an ME unter Berücksichtigung der mit Methan und Harn ausgeschiedenen Energiemengen ermittelt. Die ME-Konzentration der Futtermittel ändert sich dadurch insgesamt zwar nicht wesentlich, variiert allerdings mehr bei unterschiedlichen Futterqualitäten, sodass sich diese jetzt präziser einstufen lassen.
Dünndarmverdauliches Protein
Die Neuerungen haben wesentliche Auswirkungen auf die Bestimmung und Angabe des Proteinwerts von Einzel- und Mischfuttermitteln. Die Unterschiede zur bisherigen Methodik der Proteinbewertung liegen vor allem in den neuen Kennzahlen zur Proteinversorgung: dem dünndarmverdaulichen Protein (sidP) und den dünndarmverdaulichen Aminosäuren (sidAA) sowie der Ermittlung der sidP/sidAA-Konzentrationen in Futtermitteln. Diese ergeben sich aus der Menge an mikrobiellem Rohprotein (MCP) und dem im Pansen nicht abgebauten Anteil des Futter-Rohproteins (UDP). Da Milchkühe einen konkreten Bedarf an Aminosäuren haben, enthalten die Futterwerttabellen nun auch Angaben zu dünndarmverdaulichem Lysin (sidLys) und dünndarmverdaulichem Methionin (sidMet).
Berücksichtigung des Futteraufnahmeniveaus
Der dynamische Einfluss eines steigenden Futteraufnahmeniveaus (FAN) auf eine höhere Passagegeschwindigkeit, einer damit sinkenden Verweilzeit des Futters in den Vormägen und folglich sowohl einer abnehmenden Verdaulichkeit der OM als auch des Proteinabbaus wird nun berücksichtigt. Das FAN ist ein relativer Wert, der die tatsächliche Futteraufnahme gegenüber jener bei annähernder Erhaltungsfütterung ausdrückt. In den DLG-Futterwerttabellen für Wiederkäuer beziehen sich alle Angaben auf das Futteraufnahmeniveau, das in etwa dem Erhaltungsbedarf entspricht (FAN1). Die dynamische Berücksichtigung eines höheren Futteraufnahmeniveaus (FANi) erfolgt später in der konkreten Rationsberechnung.
Das Umsetzen der »Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Milchkühen« wird vom Arbeitskreis Futter und Fütterung der DLG koordiniert. Zu den erarbeiteten Fachinformationen gehören:
DLG-Merkblatt 503: Leitfaden zur Berechnung der Energiekonzentration von Einzel- und Mischfuttermitteln für die Schweine- und Wiederkäuerfütterung. Das sachgerechte Einschätzen der Energiekonzentrationen bei Einzel- und Mischfuttermitteln ist Voraussetzung für die Rationsplanung, Futteroptimierung und das Controlling. Das Merkblatt 503 stellt die Tools zur Berechnung inklusive der zugrunde liegenden Schätzgleichungen zur Verfügung. Die Gleichungen unter Ermittlung der Organischen Masse (OM) beim Wiederkäuer oder speziell abgeleitete Gleichungen auf der Basis von Verdaulichkeitsbestimmungen sind dabei anzuwenden.
DLG-Merkblatt 504: Leitfaden zur Proteinbewertung und -versorgung von Milchkühen. Mit den Empfehlungen der GfE werden insbesondere die Prozesse rund um die Stickstoffumsetzungen durch eine neue Methodik besser abgebildet. Das Merkblatt 504 stellt dar, wie Futtermittelanalysen sowie Rationsberechnungen und -kontrollen künftig durchzuführen sind. Zusätzlich liefert es Empfehlungen zum Umgang mit Werten aus Futterwerttabellen, sofern die chemische Analyse bestimmter, notwendiger Kennzahlen noch nicht möglich ist.
DLG-Information 01/2025: Rationsoptimierung und Fütterungskontrolle bei Milchkühen. Sie gibt einen kompakten Überblick über die für die Rationsoptimierung notwendigen Futterwertkenngrößen, macht Vorgaben für die praktische Rationsplanung und -gestaltung, liefert Empfehlungen zur Rationskontrolle und stellt die Instrumente zum Fütterungscontrolling vor. Behandelt werden Kenngrößen zur Protein- und Kohlenhydratversorgung, zur Verdaulichkeit und Energiekonzentration sowie zu den Futterfetten und zum Futterwert. Darüber hinaus werden die Indikatoren benannt und die Bewertung der wiederkäuergerechten Fütterung vorgestellt.
DLG-Futterwerttabellen für Wiederkäuer. Sie helfen den Anwendern dabei, eine bessere Übersicht zu bekommen und erleichtern den Datenimport in Herdenmanagement- oder Rationsberechnungsprogramme.
Dynamischer Abbau des Futter-Rohproteins
Von dem Futteraufnahmeniveau betroffen ist insbesondere der komplexe und dynamische Abbau des Futter-Rohproteins (CP) in den Vormägen. Das CP lässt sich zum einen in eine rasch abbaubare (lösliche) Fraktion (a) einteilen und zum anderen in eine potentiell abbaubare Fraktion (b), die mit einer bestimmten Geschwindigkeit bzw. Abbaurate (c) verstoffwechselt wird. Bei bestimmten Futtermitteln beginnt der CP-Abbau mit einer zeitlichen Verzögerung (lag). Die Abbaueigenschaften sind bei den verschiedenen Futterproteinen unterschiedlich ausgeprägt: Insbesondere die Abbaurate und der Parameter lag bestimmen die Zeitabhängigkeit und verdeutlichen das Zusammenspiel zwischen FAN und realisiertem Proteinabbau. Die Futterwerttabellen enthalten diese Angaben zur zielorientierten Nutzung in der Rationsberechnung.
Anwendung in der Fütterungspraxis
Zur richtigen Zusammenstellung von Milchkuhrationen sind die genannten Aspekte der Verdauungsphysiologie wie der Bedarf an Nährstoffen und Energie, die Dynamik der Passage des Verdauungsbreis, Wiederkäuergerechtheit, Synchronismus der Nährstoffbereitstellung und Optimierung der Vormagenverdauung zu beachten. Darüber hinaus müssen praktische Gesichtspunkte wie Mischgenauigkeit und Homogenität, Rationskontrolle, Fütterungscontrolling, Produktionseffizienz sowie Umwelt- und Klimawirkungen berücksichtigt werden. In der DLG-Information 01/2025 werden die Empfehlungen für die landwirtschaftliche Praxis, die Fütterungsberatung, die Futtermittelwirtschaft sowie das Versuchs- und Untersuchungswesen zusammengeführt und Empfehlungen zur Rationsoptimierung und Fütterungskontrolle abgeleitet. Dabei werden diese Vorgaben gemacht:
- Rationsplanung mit ME, sidP und FAN,
- Rationsplanung mit Kenngrößen zur Kohlenhydratversorgung und Wiederkäuergerechtheit,
- Bewertung der Strukturwirkung der Ration,
- Rationsplanung und -gestaltung,
- Weiterentwicklung des Synchronismus,
- konsequente Fütterungskontrolle,
Die Rationsplanung und -gestaltung gliedert sich dann in folgende Schritte:
- Erfassung der Daten zur Kuh, Bestimmung der Futteraufnahme bzw. des FANi und Ermittlung des Bedarfes.
- Festlegung der zur Verfügung stehenden Futtermittel inklusive der Mengen,
Nutzung aktueller Laboruntersuchungsergebnisse, deklarierter Futterwertangaben der Konzentrat- und Mineralfutter (inkl. Angaben zu zugesetzten Mengen- und Spurenelementen und Vitaminen) bzw. Werten aus Futterwerttabellen, - Berechnung der Grundration, anschließend des Rationsausgleichs,
- Ergänzung mit ausgeglichenem Futter auf die gewünschte Milchleistung,
- Ergänzung mit Mineralfutter,
- Überprüfung und Optimierung der Tier- und Leistungsgerechtheit.
Fazit
Die Bewertung der Fütterung – sowohl die Rationsplanung als auch das sich anschließende Fütterungscontrolling – hat sich in den letzten Jahren über die Art der Nährstoffe, der Energieform und der Qualitätsparameter sehr verändert und wesentlich verfeinert. Mit konkreten Vorgaben zur Rationsplanung und zum -controlling kann die Wirkung der Fütterung beurteilt und die Reaktion des Tieres auf die Ration aufgezeigt werden. Da der Erfolg der Fütterung unter anderem an der Gesundheit, der Fruchtbarkeit und der Effizienz der Milchleistung der Kühe gemessen wird, muss der Landwirt diese Merkmale erkennen und zur Beurteilung heranziehen. Die neuen Fachinformationen liefern die Grundlagen dafür.