Kompetenzen. Fit genug für die Zukunft?
Der Beruf Landwirt verändert sich grundlegend. Digitalisierung, steigende Komplexität und neue Anforderungen an Betriebsführung und Mitarbeiter verlangen deutlich mehr als praktisches Können. Welche Kompetenzen werden künftig gebraucht und wie gut bereiten Ausbildung und Studium darauf vor?
Der Beruf Landwirt war schon immer anspruchsvoll. Doch was heute in Ausbildung, Fachschule, Studium und betrieblicher Praxis gelehrt bzw. gelernt werden muss, verändert sich derzeit mit einer Geschwindigkeit, die viele in der Branche spüren, aber oft nur schwer greifen können.
Künftige Betriebsleiter, Hofnachfolger und leitende Mitarbeiter brauchen weiterhin solides praktisches Können. Zugleich verändert sich der Rahmen, in dem dieses angewendet werden muss: wachsende Bürokratie, technologischer Fortschritt, steigende Anforderungen an Management und Mitarbeiterführung sowie wirtschaftlicher Druck. Die Landwirtschaft wird komplexer und damit auch die Kompetenzen, die junge Menschen auf ihrem Weg in den Beruf erwerben müssen.
»Es gibt kein Weiter so«, sagt Svea Lynn Schaffner, Projektmanagerin bei »Farmwissen« an der HAW Kiel und seit Jahren intensiv mit digitalen Lern- und Wissensformaten in der Landwirtschaft befasst. »Die Märkte funktionieren heute anders, die politischen Rahmenbedingungen wandeln sich ständig und gleichzeitig verändert der Klimawandel die biologischen Grundlagen der Produktion.«
Auch Johannes Ritz, Personalberater für die Agrarbranche und langjähriger Begleiter landwirtschaftlicher Betriebe und Führungskräfte, beobachtet einen tiefgreifenden Wandel. Aus seiner Sicht verschiebt sich das Anforderungsprofil deutlich weg vom klassischen »Mann für alles«: »Die Betriebe suchen weiterhin Generalisten, aber genau diese gibt es immer weniger.«
Beide Aussagen beschreiben im Kern dieselbe Entwicklung – nur aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Während Ritz vor allem auf Strukturwandel, Spezialisierung und Unternehmensführung schaut, richtet Schaffner den Blick auf Digitalisierung, Prozessverständnis und technologische Anschlussfähigkeit. Zusammen entsteht daraus eine zentrale Frage für Ausbildung und Studium: Wie gut bereiten die heutigen Bildungswege auf einen Beruf vor, der sich zunehmend vom praktischen Allrounder hin zu einer komplexen Managementaufgabe entwickelt?
Unsere Gesprächspartner
- Landwirtschaftliche Ausbildung und Agrarstudium
- Beruflicher Einstieg als Projektassistent bei der DLG
- Mitbegründer und Geschäftsführer der Jungen DLG: Aufbau von Nachwuchs- und Netzwerkangeboten (DLG Trainee-Programm)
- Heute selbstständiger Personalberater für Landwirtschaft und Agribusiness bei »Personal Agrar«: Personalvermittlung, Organisations- und Entwicklungsberatung
- Agrarstudium: Master Agrarmanagement
- Beruflicher Einstieg über ein Digitalisierungsprojekt in der Landwirtschaft
- Heute Projektmanagerin bei »Farmwissen« an der HAW Kiel
- Farmwissen ist eine Wissens- und Austauschplattform, die Praxis, Beratung und Forschung rund um die Digitalisierung in der Landwirtschaft vernetzt
Natürlich bleibt Landwirtschaft ein praktischer Beruf
Pflanzenbau, Tierhaltung, Technikverständnis und biologisches Fachwissen bilden weiterhin die Basis. Doch dies reicht vielerorts nicht mehr aus. Erfolgreiche Betriebe müssen heute deutlich mehr können. »Es geht nicht mehr nur um die reine Produktion von Lebensmitteln«, sagt Schaffner. »Da kommt heute viel mehr dazu. Bürokratie, digitales Verständnis, Menschenführung und betriebswirtschaftliche Prozesse.« Ritz beschreibt eine ähnliche Entwicklung – allerdings aus Sicht der Betriebsorganisation. Früher sei vielfach erwartet worden, dass Mitarbeiter möglichst alles beherrschen: Schweinestall, Ackerbau, Technik, Verwaltung. Doch mit wachsenden Betriebsgrößen und steigender Komplexität funktioniere dieses Modell immer schlechter. »Erfolgreiche Betriebe schaffen es immer mehr, Prozesse abzubilden und wiederholbar darzustellen«, sagt Ritz mit Blick etwa auf Milchviehbetriebe. Gemeint ist damit nicht nur Technik, sondern vor allem Organisation: klare Verantwortlichkeiten, definierte Abläufe, strukturierte Kommunikation und nachvollziehbare Qualitätsstandards.
Damit verändern sich die Anforderungen an Führungskräfte und Mitarbeiter und deren Ausbildung. Gefragt sind zunehmend Menschen, die Zusammenhänge verstehen, Prozesse organisieren und Teams führen können.
Besonders sichtbar wird dieser Wandel für Schaffner bei der Digitalisierung. Noch vor wenigen Jahren wurde diese häufig als Zukunftsprojekt diskutiert. Heute zieht sie sich durch nahezu alle Bereiche des Betriebsalltags – von der Dokumentation über das Herdenmanagement bis hin zur Maschinensteuerung und Betriebsführung – und sollte entsprechend in der Ausbildung vermittelt werden. Dabei gehe es weniger um einzelne Apps als um ein grundlegendes Verständnis digitaler Prozesse. »Die größten Unsicherheiten liegen gar nicht bei einzelnen Bedienfragen«, sagt sie. »Sondern beim Systemverständnis dahinter.« Daten aus Maschinen, Ackerschlagkarteien, Arbeitszeiterfassung oder Tierhaltung müssen zusammengeführt, weiterverarbeitet und analysiert werden. Die Einführung neuer Systeme scheitere dabei oft nicht an der Technik, sondern an Zeitmangel, fehlender Orientierung und Unsicherheit auf den Betrieben. »Viele erwarten, dass ihnen jemand einfach die richtige Software empfiehlt«, sagt Schaffner. Tatsächlich müsse zunächst geklärt werden, welche Prozesse überhaupt verbessert werden sollen. Digitalisierung setze voraus, dass Betriebsabläufe verstanden und bewusst gestaltet werden.
Für Ritz ist genau diese Fähigkeit in der Zukunft zentral. »Ich glaube, dass Digitalisierungsaffinität und Innovationskraft entscheidende Kompetenzen sein werden«, sagt er. Dabei gehe es nicht darum, jede neue Technik sofort einzusetzen, sondern offen für Veränderungen und Innovationen zu bleiben und diese sinnvoll zu integrieren.
Es braucht weniger Einzelkämpfer und mehr Systemverständnis.
Johannes Ritz
Besonders deutlich werden die Veränderungen in Ausbildungsbetrieben, in denen mehrere Generationen zusammenarbeiten. »Viele junge Menschen wachsen selbstverständlich mit digitalen Technologien, Strukturen und Prozessen auf und erwarten diese dann auch auf den Betrieben. Auf der anderen Seite stehen ältere Mitarbeiter oder Betriebsleiter neuen Technologien oftmals skeptisch gegenüber«, beschreibt Schaffner Spannungen, die sie immer wieder auf Betrieben beobachtet. Hinzu kommt: Nicht jeder Ausbildungsbetrieb ist technisch oder organisatorisch bereits dort angekommen, wo sich die Branche hinentwickelt.
Auch Ritz sieht Herausforderungen vor allem auf der Seite der Arbeitgeber bzw. der Betriebe. Viele suchten weiterhin »helfende Hände«, ohne die eigenen Anforderungen klar zu definieren. Gleichzeitig würden Bewerber spezialisierter auftreten und mehr Orientierung erwarten. »Die Betriebe müssen sich bewegen«, sagt Ritz deutlich. Wer qualifizierte Mitarbeiter gewinnen wolle, müsse klare Aufgabenprofile schaffen, Verantwortung definieren und Entwicklungsmöglichkeiten bieten.
Ausbildung bedeutet längst nicht mehr nur fachpraktische Anleitung. Ausbildungsbetriebe werden zunehmend zu Lern- und Entwicklungsorten, an denen junge Menschen auch Kommunikation, Organisation und Teamarbeit erleben sollen. »Zusammenarbeit zwischen Menschen, Kommunikation, Teambuilding – das wird immer wichtiger«, sagt Schaffner.
Ritz beobachtet dabei große Unterschiede zwischen erfolgreichen und weniger erfolgreichen Betrieben. Erfolgreiche Unternehmer zeichneten sich häufig dadurch aus, dass sie offen für Austausch seien, Verantwortung delegierten und externe Impulse zuließen. »Die nachhaltig erfolgreichsten Betriebe integrieren mehr und mehr Menschen in ihre Entscheidungsmechanismen. Erfolg entsteht künftig weniger dadurch, alles selbst zu können, sondern dadurch, Strukturen, Menschen und Prozesse erfolgreich zusammenzuführen«, sagt er.
Reichen Ausbildung und Studium aus, um junge Menschen auf diese Anforderungen vorzubereiten? Ritz betont die hohe Bedeutung einer fundierten Grundausbildung. Praxis, Ausbildung, Fachschule, Studium und persönliche Entwicklung blieben zentrale Bausteine erfolgreicher Berufswege. Gleichzeitig entstehe Unternehmerkompetenz häufig erst außerhalb klassischer Bildungseinrichtungen – in Netzwerken, durch Erfahrungen und den Austausch mit anderen Betrieben. »Es gibt keine konkrete Ausbildung zum leistungsfähigen Unternehmer«, sagt er.
Schaffner sieht insbesondere bei digitalen Kompetenzen deutliche Lücken. Zwar entstünden neue Studiengänge und Spezialisierungen, in vielen Berufsschulen spiele Digitalisierung aber noch immer eine untergeordnete Rolle. »In vielen Lehrplänen steht Digitalisierung noch gar nicht drin«, kritisiert sie. Dabei gehe es nicht um ein zusätzliches Fach, sondern darum, digitales Denken selbstverständlich in alle Fachbereiche zu integrieren. Für Schaffner steht fest: »Wer sich der Digitalisierung verweigert, wird abgehängt.«
Gleichzeitig verändern sich auch die Menschen selbst im Laufe ihres Berufslebens. Johannes Ritz beobachtet dabei wiederkehrende Entwicklungsphasen, die aus seiner Sicht auch erklären, warum sich Erwartungen an Arbeit, Verantwortung und Führung mit dem Alter deutlich verschieben können. Etwa alle sieben Jahre veränderten sich Prioritäten, Ansprüche und Belastbarkeit. »Mit sieben kommt man zur Schule, mit 14 in die Pubertät, mit 21 gibt man Vollgas«, beschreibt er den anthroposophischen Ansatz von Rudolf Steiner. Anfang 20 gehe es darum, Erfahrungen zu sammeln und Leistung zu zeigen. Mit Ende 20 rückten Karriere und Verantwortung stärker in den Mittelpunkt. Mit Mitte 30 verschöben sich die Prioritäten häufig erneut. Familie, Partnerschaft oder persönliche Stabilität würden wichtiger. »Dann muss der Beruf laufen«, sagt Ritz.
Gerade leistungsorientierte Menschen müssten lernen, Kräfte einzuteilen und Strukturen zu schaffen, die langfristig, also auch mit nachlassender Leistungskraft, funktionieren. Für die Landwirtschaft sei dieser Gedanke besonders relevant. Denn viele Betriebe seien noch stark davon geprägt, dass Einzelpersonen dauerhaft Höchstleistung bringen müssten.
Ritz sieht darin ein Risiko: Wer dauerhaft nur »Vollgas« gebe, halte das oft nicht über Jahrzehnte durch. Deshalb würden Themen wie Arbeitsteilung, klare Verantwortlichkeiten, Mitarbeiterführung und funktionierende Prozesse künftig wichtiger. Nicht nur für wirtschaftlichen Erfolg, sondern auch, um Landwirtschaft langfristig als Beruf und Lebensmodell attraktiv zu halten.
Lernen endet also nicht mit der Abschlussprüfung oder dem Studium. Die Geschwindigkeit technologischer und organisatorischer Veränderungen macht kontinuierliche Weiterbildung nahezu unverzichtbar. Gleichzeitig erschweren Zeitmangel, Arbeitsbelastung und Informationsflut vielen Betrieben den Zugang zu neuen Themen. Umso wichtiger wird die Fähigkeit, offen für Veränderungen zu bleiben, Entwicklungen einzuordnen und Wissen gezielt zu nutzen.
Der Beruf bleibt attraktiv, ist aber anspruchsvoller
Die Herausforderung der kommenden Jahre liegt darin, junge Menschen nicht nur fachlich zu qualifizieren, sondern sie gleichzeitig zu befähigen, mit Unsicherheit, Komplexität und ständigem Wandel umzugehen.