Klimapolitik: THG-Quote schafft Nachfrage
Mit der Ende April beschlossenen Novelle der Treibhausgasminderungsquote (THG-Quote) hat der Gesetzgeber eines der zentralen Instrumente zur Dekarbonisierung des Verkehrs grundlegend neu ausgerichtet. Mit der Anhebung auf 65 % Treibhausgasminderung bis 2040 macht er klar: Der Verkehrssektor soll verbindlich auf einen Dekarbonisierungspfad gezwungen werden.
Für die Landwirtschaft bedeutet das zunächst einmal Rückenwind – denn der Bedarf an anrechenbarer CO₂-Minderung steigt deutlich. Doch gleichzeitig ändert sich die Logik des Systems grundlegend. Mit der höheren Quote wächst der Druck auf Mineralölunternehmen, zusätzliche Erfüllungsoptionen zu erschließen. Das eröffnet Chancen für Biokraftstoffe aus Anbaubiomasse, für Biogas und Biomethan sowie perspektivisch auch für biogenen Wasserstoff.
Die Anhebung der Obergrenze für konventionelle Biokraftstoffe soll den Status quo beim Rohstoffbedarf einfrieren. Im Gesetzentwurf heißt es: "Aufgrund des sinkenden Energiebedarfes im Verkehr durch die Elektrifizierung sinkt auch der Kraftstoffeinsatz. Um in den kommenden Jahren die absolute Menge dieser Biokraftstoffe beizubehalten, wird die Obergrenze schrittweise bis auf 5,8 % angehoben." Die Politik setzt auf heimische, kurzfristig verfügbare Lösungen. Für Ackerbaubetriebe heißt das vor allem mehr Absatzsicherheit für Raps & Co. Biokraftstoffe werden damit wieder sichtbarer Teil der Lösung – nicht zuletzt, weil Elektromobilität und Wasserstoff langsamer hochlaufen als politisch gewünscht.
Ein echter Systemwechsel steckt in einem anderen Detail:Ab 2028 kann Strom aus Biogas auf die THG-Quote angerechnet werden, etwa über Ladesäulen. Damit wird Biogas erstmals direkt Teil des Verkehrsmarktes. Für viele Betriebe entsteht ein zweites Standbein neben dem EEG – allerdings nur für diejenigen, die ihre Anlagen auf flexible Fahrweise und gezielte Vermarktung ausrichten.
Gleichzeitig zielt die Reform darauf ab, die Verwerfungen der vergangenen Jahre zu korrigieren. Die Streichung der Doppelanrechnung und das Aus für Reststoffe aus der Palmölproduktion sollen Betrug, zweifelhafte Zertifikate und Überangebote eindämmen. Für die Landwirtschaft ist das zunächst positiv, weil günstige Importware an Bedeutung verliert und heimische Rohstoffe relativ gestärkt werden. Allerdings bedeutet das keine Garantie für bessere Erlöse. Vielmehr verschärft sich der Wettbewerb um die tatsächlich anrechenbare CO₂-Minderung. Denn genau hier liegt der eigentliche Bruch: Die THG-Quote entwickelt sich von einem vergleichsweise flexiblen Marktinstrument hin zu einem stärker regulierten Steuerungsmechanismus. Strengere Kontrollen, feste Unterquoten etwa für E-Fuels und weniger Anrechnungsspielräume verändern die Spielregeln spürbar.
Für landwirtschaftliche Betriebe heißt das, dass nicht jede erzeugte Energie automatisch marktfähig ist. Entscheidend ist, ob sie die regulatorischen Anforderungen erfüllt und sich als CO₂-Minderung zertifizieren lässt. Der zentrale Zielkonflikt bleibt dabei bestehen. Die Quote wird ambitionierter, gleichzeitig werden einige Erfüllungsoptionen eingeschränkt. Oder anders formuliert: Der Berg wird höher, während einige der bisherigen Wege nach oben versperrt werden. Für die Landwirtschaft bedeutet das steigende Nachfrage nach Biomasse, aber auch wachsenden Druck durch neue Technologien wie Elektromobilität und Wasserstoff. Hinzu kommt eine anhaltende Unsicherheit über die Marktentwicklung.
Gleichzeitig bekommt die Debatte eine neue agrarpolitische Dimension.
EU-Agrarkommissar Christophe Hansen stellt angesichts niedriger Getreidepreise die alte "Tank oder Teller"-Diskussion offen infrage. Wenn Weizenpreise zeitweise unter 200 €/t liegen und Betriebe mit jeder erzeugten Tonne Geld verlieren, sei es ökonomisch sinnvoll, Agrarrohstoffe stärker energetisch zu nutzen. Der Ansatz: In schwachen Marktphasen könnten Weizen, Mais oder Zucker gezielt in die Kraftstoffproduktion gehen und so Preise stabilisieren und zusätzliche Absatzkanäle schaffen. Voraussetzung wäre allerdings eine Anpassung der EU-Regeln, insbesondere der RED III. Damit verschiebt sich die Perspektive: Biokraftstoffe sind nicht mehr nur ein Klimainstrument, sondern zunehmend auch ein Marktventil für agrarische Überschüsse. Diese Sichtweise findet auch in Berlin Unterstützung. Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer spricht von einer "Win-win-Situation": mehr Wertschöpfung auf den Höfen und gleichzeitig mehr Unabhängigkeit von Energieimporten.
Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen allerdings, wie volatil der THG-Quotenhandel sein kann. Überangebote und unsaubere Anrechnungen haben zeitweise zu Preisverfällen geführt, die wirtschaftlich kaum tragfähig waren. Die Reform will diese Probleme beheben, doch ob das gelingt, ist offen. Bleibt der Markt instabil, werden Investitionen in neue Anlagen oder Umrüstungen weiter hinausgezögert.
Neues Förderprogramm. Parallel dazu versucht die Politik inzwischen auch auf der Investitionsseite nachzuziehen. Gemeinsam mit der Landwirtschaftlichen Rentenbank hat das BMLEH ein Förderprogramm für alternative Antriebssysteme gestartet. Gefördert werden unter anderem batterieelektrische Landmaschinen, Maschinen mit erneuerbaren Biokraftstoffen sowie die notwendige Lade- und Tankinfrastruktur auf den Betrieben.
Der Beitrag stammt aus unserem Newsletter “Spotlight” vom 07.05.26. Hier können Sie sich zum kostenlosen Newsletter anmelden.