Agrar & Ernährung. Es fehlt der Kompass
Zwischen politischen Ansprüchen und der Wirklichkeit klafft bisweilen eine erstaunliche Lücke. Bei unserer Konferenz »Agrar & Ernährung« in Berlin am 3. November wurde deutlich, wie schwer sich die Politik mit einer langfristigen Perspektive für die Landwirtschaft tut.
An Erwartungen an die Landwirtschaft mangelt es nicht. Sie soll wettbewerbsfähig sein, die Ernährung sichern, Klima und Umwelt schützen und zugleich bezahlbare Lebensmittel liefern. Wie diese Ansprüche zusammenpassen, darüber wurde am Dienstag auf unserer gemeinsam mit der F.A.Z. veranstalteten Konferenz »Agrar & Ernährung« in Berlin intensiv und durchaus kontrovers diskutiert. Mein Eindruck: Über die Herausforderungen herrscht weitgehend Einigkeit. Über die Antworten deutlich weniger. Schon der Eröffnungsvortrag des Foodtrend-Forschers Daniel Anthes lieferte Stoff zum Nachdenken. Gerade einmal 4 % des Verkaufspreises eines Brötchens entfallen auf die Landwirtschaft. Ein eindrucksvolles Bild, auch wenn für die Betriebe weniger der Anteil am Endverbraucherpreis entscheidend ist als die Frage, ob ihre Wertschöpfung auskömmlich bleibt. Anthes stellte damit eine grundsätzliche Frage: Welchen Wert messen wir unseren Lebensmitteln bei, und wer trägt die Kosten, die sich nicht auf dem Kassenzettel wiederfinden? Dass höhere Lebensmittelpreise allein keine Lösung sind, machte Claudia Hunecke vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung deutlich. Schließlich entstehen die gesellschaftlichen Folgekosten nicht allein in der Landwirtschaft, sondern ebenso bei Verarbeitung, Handel und Konsum.
Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer rückte angesichts geopolitischer Konflikte, gestörter Handelswege und des Klimawandels die Versorgungssicherheit in den Mittelpunkt. Mehr Innovationen, weniger Bürokratie und breiter aufgestellte Exportmärkte sollen die Landwirtschaft widerstandsfähiger machen. Doch welches langfristige Leitbild verfolgt die Bundesregierung eigentlich? Darauf blieb der Minister eine klare Antwort schuldig. Die Empfehlungen der Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL) scheint Rainer eher als Relikt vergangener Zeiten zu betrachten. Dabei hat die ZKL gerade gezeigt, dass sich Landwirtschaft, Handel, Umweltverbände und Wissenschaft auf gemeinsame Ziele verständigen können. Erst im November 2024 hat sie ihre Empfehlungen einstimmig bekräftigt und angesichts veränderter Rahmenbedingungen weiterentwickelt. Von einem überholten Konzept kann also kaum die Rede sein. Und dass uns die zunehmenden Wetterextreme inzwischen mit voller Wucht treffen, kann nach Jahrzehnten wissenschaftlicher Warnungen nun wirklich niemanden überraschen.
Umso wichtiger wäre es, den Blick endlich nach vorne zu richten. Wie weit dieser reichen müsste, machte Agrarökonom Alfons Balmann deutlich. Er mahnte, schon heute über die Landwirtschaft nach 2034 nachzudenken. Demografie, künstliche Intelligenz, Klimawandel und knappe öffentliche Kassen werden die Strukturen grundlegend verändern. Die Politik kann diesen Wandel nicht im Detail steuern, muss aber einen Rahmen schaffen, der Innovationen und unternehmerische Anpassungen ermöglicht.
Wie schwierig schon die kurzfristige Verständigung ist, zeigte die Debatte über die GAP. Norbert Lins, Berichterstatter des Europäischen Parlaments, hält einen pünktlichen Start der Reform für kaum noch machbar. Seine Forderung: Wir brauchen ein Übergangsjahr! Idealerweise könnten Parlament und Agrarausschuss nach den Haushaltsverhandlungen im Dezember den Mittelfristigen Finanzrahmen (MFR) verabschieden; die Trilog-Verhandlungen könnten Ende Januar oder Anfang Februar beginnen. Anschließend müssten die neuen Regelungen in den Mitgliedstaaten umgesetzt werden. Allein in Deutschland wären mehrere Bundesministerien und 16 Bundesländer einzubinden. Ein Start zum 1. Januar 2028 ist unter diesen Voraussetzungen kaum vorstellbar. Für die Betriebe bedeutet das: Sie müssen sich darauf einstellen, dass die bisherigen GAP-Regelungen auch 2028 noch gelten könnten. Noch ist eine solche Verlängerung allerdings nicht beschlossen. Bemerkenswert ist dabei, wie weit die Vorstellungen über die künftige Förderung weiterhin auseinanderliegen. Während Balmann einen schrittweisen Abschied von den pauschalen Direktzahlungen fordert, hält Lins an deren Bedeutung für Planungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit fest. Zugleich sollen Umweltleistungen gezielter honoriert werden. Wir verhandeln über die nächste Agrarpolitik, ohne zu wissen, wohin die Reise gehen soll.
Was bleibt? Produktivität, Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Ebenso wenig lassen sich die Kosten höherer gesellschaftlicher Ansprüche dauerhaft allein den landwirtschaftlichen Betrieben aufbürden. Darüber wird seit Jahren diskutiert. An Erkenntnissen und Konzepten mangelt es nicht, wohl aber an ihrer Umsetzung. Landwirtschaft, Politik, Handel und Ernährungswirtschaft müssen endlich gemeinsam ins Handeln kommen. Das bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen, statt sie jeweils bei den anderen einzufordern.
Unsere Konferenz hat gezeigt, dass ein offener, durchaus kontroverser Dialog möglich ist. Aber der Dialog darf kein Selbstzweck bleiben. Entscheidend ist, was daraus folgt.
Diese Meldung stammt aus unserem Newsletter “Spotlight” vom 05.11.2026. Hier können Sie sich zum kostenlosen Newsletter anmelden.